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Kino Total Recall mit Colin Farrell: Wer bin ich? Und wie viele?

Colin Farrell als Quaid.

Colin Farrell als Quaid.

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dapd

Lustig war es in dem Remake von „Total Recall“. Das lag aber weniger am Film – Science Fiction ist ja selten heiter – als an der Bemerkung des Kollegen Knut Elstermann, der neben uns saß in der Pressevorführung. „Das finde ich jetzt aber ein bisschen unglaubwürdig“, flüsterte er, als der Held des Films mit seiner Gefährtin mitten im Erdkerntunnel haarscharf einer Flammenwand entkommen war, die auf eine Mega-Explosion folgte. Man muss wissen, dass es vor dieser Szene bereits unzählige Schießereien, Nahkampfattacken, Verfolgungsjagden sowie Explosionen gab, die Colin Farrell in der Rolle des Douglas Quaid natürlich allesamt unbeschadet überstanden hatte. Nicht ein Knochenbruch.

Ziel: Vorgängerfilm übertreffen

Nun ist Glaubwürdigkeit zu erlangen aber ohnehin nicht der vordringliche Anspruch eines Science-Fiction-Films. Vielmehr geht es hier oft darum, dystopische Fantasien zu entwickeln: also Fantasien über unsere Existenz nach einem vollkommenen Zusammenbruch aller halbwegs humanen gesellschaftlichen Regulationssysteme, von demokratischen ganz zu schweigen. Und bei Remakes von Science-Fiction-Filmen geht es natürlich darum, den Vorgängerfilm in allem zu übertreffen, vor allem aber in den Spezialeffekten. Der Vorgängerfilm dieses Remakes hier stammt aus dem Jahr 1990, was eigentlich noch gar nicht so lange her ist. Der Regisseur Paul Verhoeven hat ihn damals gedreht. Arnold Schwarzenegger spielte Quaid, jenen Mann, der eines nicht so schönen Tages im Jahr 2084 einer Werbung folgt und die Firma Rekall aufsucht, um sich auf künstliche Weise wunderbare Erinnerungen an einen Urlaub auf dem Mars in sein Hirn einpflanzen zu lassen, wobei er gleich noch das Ego-Paket „Geheimagent“ mitbuchte.

Doch die Sache bei Rekall geht gründlich schief, weil sich gleich bei Implantierungsbeginns erweist, dass Quaids Erinnerungen schon einmal künstlich überformt worden waren. Plötzlich kann er Dinge, die er meinte nie gelernt zu haben, etwa Karate. Und plötzlich sind alle hinter ihm her; es geht um sein Leben. Der originale „Total Recall“ machte wegen der für damalige Verhältnisse exzessiven Gewaltszenen Furore und beruhte, wie jetzt auch das Remake und einige andere Science-Ficton-Filme, auf einer Erzählung des fabelhaften Schriftstellers Philip K. Dick.

Was diese literarische Vorlage angeht, so ist der neue „Total Recall“ in der Regie von Len Wiseman (u.a. („Stirb langsam 4.0“) näher an ihr dran, denn auf dem Mars spielen beide nicht. Die Dystopie bleibt auf der Erde, die wegen aller möglichen Katastrophen nur noch zwei bewohnbare Regionen kennt: The Colony entspricht in etwa dem heutigen Australien und ist die triste Heimstatt nichtprivilegierter Menschen; die Föderation umfasst Großbritannien und wirkt komfortabler, wird aber von einem Quasi-Diktator regiert. Leute wie Quaid aus der Colony pendeln täglich als billige Arbeitskräfte via Tunnel durch den Erdkern in die Föderation, wo wiederum eine Widerstandsbewegung für Unruhe sorgt. Das sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Quaid nun nach dem Reinfall bei Rekall und während der Hetzjagd auf ihn nach seiner wahren Identität sucht, nach seiner Geschichte – und nach der Wirklichkeit.

Visuelle Umsetzung interessanter als Story

Alle weiteren sowie Neben-Verwicklungen ersparen wir uns aus Platzgründen. Die visuelle Einrichtung von Wisemans „Total Recall“ ist ohnehin interessanter. Die Zukunftswelten beinhalten hier tolle Post-Industrial-Konglomerate in Turmform, monströse Halb- und Maschinenwelten. Es gibt Multi-Level-Fahrstühle und Frauen mit drei Brüsten. Das anzusehen, bereitet perversen Spaß: Igitt, so sollen wir mal leben? Gut, dass die Medizin mit der Unsterblichkeit noch nicht so weit ist! – Das Büro von Rekall ist eine Art futuristischer Opium-Höhle. Aber eigentlich muss man nur wissen, dass Colin Farrell nicht gut besetzt ist als Quaid, denn er wirkt zu smart, zu wenig überfordert und auch nicht seriell genug für eine Gesellschaft, in der Individualität keine Kategorie mehr ist. Schwarzenegger war damals genau der Richtige für die Rolle des Mannes, der seine eigene Vergangenheit nicht kennt und sich die beim Rekall-Unfall revitalisierte „echte“ Biografie vielleicht doch nur erträumte. Außerdem sollte man darauf vorbereitet sein, dass im neuen Film die Action noch schneller, brüllender, spektakulärer aufeinander folgt. Insofern war die Bemerkung „Das find ich jetzt aber ein bisschen unglaubwürdig“ bei Action-Szene Nummer 45 oder 97 extrem lustig!

Total Recall USA 2012. Regie: Len Wiseman, Drehbuch: Kurt Wimmer u.a., Kamera: Paul Cameron, Darsteller: Colin Farrell, Kate Beckinsale u.a.; 118 Min., Farbe. FSK ab 12.


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