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Berliner Zeitung | Kinofilm "Verführt und verlassen": Tabulos in Tikrit
08. July 2014
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Kinofilm "Verführt und verlassen": Tabulos in Tikrit

Alec Baldwin (l) und James Toback (r).

Alec Baldwin (l) und James Toback (r).

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imago stock&people

Ein Oscar hilft im Ernstfall wenig. Ja, sogar zwei Oscars helfen nicht, wenn es darum geht, frisches Geld für einen Film aufzutreiben, den eigentlich niemand will in Hollywood. Man nehme nur den Fall des Regisseurs Francis Ford Coppola: Der nahm 1973 für „Der Pate“ zwei Oscars mit nach Hause: einen für den Besten Film, den anderen fürs Beste adaptierte Drehbuch. Das war schon mal was, und dazu lief „Der Pate“ seit seinem Kinostart auch noch sagenhaft gut in den Lichtspielhäusern; der Film spielte sein Mini-Budget von sechs Millionen US-Dollar in Kürze wieder ein – und noch viel mehr. Dennoch wollte dem Regisseur niemand das nächste Projekt finanzieren: „Apocalypse Now“. In seiner Wut darüber griff Francis Ford Coppola die Oscar-Statuen und zerschmetterte sie. Seine betrübte Mutter trug die Bruchstücke unter dem Vorwand, sie wären der Putzfrau runtergefallen, zur Oscar-Academy zwecks Restaurierung.

Das ist nur eine der zahllosen teils kuriosen, teils dramatischen, immer aber aufschlussreichen Geschichten, die der Schauspieler Alec Baldwin und der Regisseur und Drehbuchautor James Toback sammeln in ihrem Dokumentarfilm „Verführt und verlassen“. Der Titel klingt schwer nach Historienschmonzette – er meint indes die Tatsache, dass Hollywood nicht nur das Kinopublikum wie ein mieser Liebhaber immer wieder neu verführt und es dann zurücklässt in seinem Alltag, sondern auch die Kreativen. Filmemachen – ein Traumberuf? Nicht allein Coppola senior, auch Regisseure wie Martin Scorsese, Bernardo Bertolucci oder Roman Polanski und Schauspieler wie Ryan Gosling, Jessica Chastain sowie Neve Campbell wissen da anderes zu berichten. Vom legendären Orson Welles stammt der Satz, dass er 95 Prozent seiner Zeit damit verbringe, Geld aufzutreiben, und nur fünf Prozent mit dem eigentlichen Prozess der Arbeit an einem Film.

Wer nun glaubt, „Verführt und verlassen“ sei nichts weiter als eine Bühne für die Klageorgie von Leuten, die unzweifelhaft als privilegiert gelten müssen, täuscht sich schwer. Wer aber die Arbeit von Alec Baldwin und James Toback kennt, wird solch eitle Jammerei auch gar nicht erst erwarten. Baldwin hat sich spätestens mit „30 Rock“, jener tollen Medien-Satire im TV-Serienformat, als Komödiant von Rang erwiesen, und Toback (u.a. Drehbuch zu „Bugsy“, Regie von „Black & White“) ist schon durch sein forsches Auftreten in ausgesprochen massiver Gestalt ein skurriler Typ. Beide haben sich nun eine absurde Geschichte ausgedacht für ihren Film. Beim Über-Filmfestival von Cannes, zugleich Hort allen internationalen Pitchens, wollen sie 2012 hochkarätige Leute aus der Branche für ihr – fiktives – Projekt interessieren: „Der letzte Tango in Tikrit“ soll ein ebenso dunkler wie kühner Film werden und zwar vor dem Hintergrund aktueller politischer Zusammenhänge im mittleren Osten – letztere aber auch wieder nicht so doll, hey, damit niemand verschreckt wird.

Und so ziehen Alec Baldwin, der angeblich die Hauptrolle spielen soll, und James Toback durch die Luxushotelsuiten, Villen, Jachten und Nobelrestaurants in und um Cannes herum, um kapitalkräftige Produzenten und Stars mit hohem Marktwert zu treffen, aber eben auch berühmte Regisseure nach deren Erfahrungen zu fragen. Wie sind Sie eigentlich einst zum Film gekommen? Wann und wie war Ihr erstes Mal beim legendären Festival von Cannes? (Bertolucci: „1964 mit ,Vor der Revolution’. Die italienischen Kritiker hassten mich. Ich wollte Franzose werden.“) Was macht einen guten Film aus? (Reicht eine Frau mit Schusswaffe, wie Godard es mal zuspitzt formulierte?) Und wo, zum Teufel, bekommt man dieser Tage überhaupt das Geld her, um einen neuen Film zu machen? (Polanski: „Das Geld reicht nie.“) Avi Lerner etwa, einer der bekanntesten Filmproduzenten (u.a. „The Expandables“-Franchise, „Olympus has fallen), zieht erst dann eine Geldgabe für „Der letzte Tango in Tikrit“ in Betracht, als die Worte „tabuloser Sex“ fallen.

Irres Unterfangen

Keiner der Befragten sagt, wie bescheuert die Idee zu „Der letzte Tango in Tikrit“ klingt – letztlich sind gewiss 80 Prozent der in Cannes gepitchten Projekte bizarr. Irre und genial ist das Unterfangen, die Branche auf solche Art quasi selbstbezüglich zu untersuchen, unter historischen wie gegenwärtigen Aspekten, und das auch noch gut gelaunt. „Verführt und verlassen“ unterhält aber nicht nur mit Anekdoten wie der über Avi Lerner. Nein, gleichzeitig ergibt sich in den vielen Einzelaufnahmen und Begegnungen auch eine Philosophie des Filmemachens und eine Gesamtbild dieses Business, inklusive der Bericht erstattenden Presse, die in Cannes so international zahlreich vor Ort ist wie sonst bei keinem Festival.

Coppola hat „Apocalypse Now“ bekanntlich dennoch gedreht. Seit einiger Zeit finanziert er seine Filme mit den üppigen Einnahmen aus seinen Weingütern im kalifornischen Napa Valley. Filme, so sieht es nun mal aus, muss man um Hindernisse herum drehen.

Verführt und verlassen (Seduced And Abandoned) USA 2013. Regie: James Toback, Kamera: Ruben Sluijter, Jack Donnely, Larry McConkey u.a.;

98 Minuten, Farbe. FSK ab 12.


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