image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Kinopremiere: Weiche Augen, harte Fäuste

Bitte nachmachen: Master Yang (Hai Yu) und Tiger (Tiger Hu Chen, r.).

Bitte nachmachen: Master Yang (Hai Yu) und Tiger (Tiger Hu Chen, r.).

Foto:

universal

Keanu Reeves starrt auf einen Bildschirm. Er sieht einen jungen Kämpfer in Aktion – und was er da sieht, reizt sein Begehren. Reeves spielt einen finsteren Wirtschaftsmogul im fernen China; brutale Kämpfe auf Leben und Tod sind die Leidenschaft dieses Mr. Donaka Mark. Doch was wir sehen, in Donakas fanatischem Blick, ist noch etwas anderes: die Sucht nach Bildern. Aus Blicken und Bewegung hat der 49-jährige Hollywood-Star Keanu Reeves seine erste Regiearbeit gemacht: „Man of Tai Chi“ ist ein Stück reinen Kinos, wie es nur Anfänger fertigbringen. Dafür sei ihm hier das erste Mal gedankt.

Auf ganz natürliche Weise erzählt „Man of Tai Chi“ nur von sich selbst. Für sein Regiedebüt entsann sich Reeves, der zuletzt wenig erfolgreiche Schauspieler, eines alten Weggefährten: Der Martial-Arts-Trainer Tiger Hu Chen hatte ihm für die „Matrix“-Filme den letzten Schliff verpasst. Als Schauspieler war Chen noch wenig hervorgetreten. Aber Reeves sah etwas in ihm, das er gebrauchen konnte. Wie Donaka Mark, der mit seinem tödlichen Fight Club viel Geld scheffelt, dachte er sich: Aus dem jungen Mann lässt sich etwas machen.

Reeves kennt alle Bruce-Lee-Filme auswendig

Donaka korrumpiert den netten Kerl, der mit „weichem“ Tai Chi alle Gegner auf die Matte legt. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Talents, das sich vom Geld verführen lässt und erst in einem Akt der Verweigerung zu sich selbst findet. Ein baufälliges Shaolin-Kloster, das Tiger vor dem Abriss bewahren will, spielt eine Rolle; natürlich gibt es einen weisen Meister und die Warnung vor dem falschen Weg. Tiger, der Pekinger Postbote mit dem Pünktlichkeitsproblem, war bisher ein reiner Amateurkämpfer; er entsagt nun der Meditation und droht sein „Chi“ zu verlieren.

Da ist viel pseudo-philosophisches Geschwurbel dabei. Und klar ist, dass Keanu Reeves alle Bruce-Lee-Filme auswendig kennt. Doch er hat sich nicht getäuscht in seinem Hauptdarsteller: Tiger Hu Chen bringt neben einem ungewöhnlichen Äußeren und seinem Namen etwas sehr Eigenes in die Rolle ein: eine düstere Naivität, die von nichts träumt und vielleicht darum anfällig ist für die Versuchung. Tiger verdunkelt sich vor unseren Augen, und wenn das keine philosophische Qualität hat, was dann!

Genauso überzeugend sind die Kämpfe selbst, roh und größtenteils ungeschnitten, so dass man sieht, dass hier wirklich etwas passiert. Ein grauer, gummizellenartiger Raum mit versteckten Kameras dient als reduzierte Kulisse. Eine weitere Szene zeigt einen surrealen Nachtclub, wo die Gladiatoren Chinas neuen Eliten ein grausames Spektakel bieten. Beide Alptraumszenarien, äußerlich grundverschieden, erinnern an die Filme von David Lynch.

Dabei ist Keanu Reeves’ chinesische Koproduktion ohne Umschweife ein B-Movie: ein knackiger, todernster und deshalb manchmal auch herrlich alberner Martial-Arts-Film. Auf den Laufstegen des Showgeschäfts gewinnt man damit, ganz entgegen der erzkapitalistischen Story, keinen Blumentopf. Doch Reeves weiß schon, was er tut. Zuletzt produzierte er die kluge Filmdokumentation „Side by Side“, befragte persönlich Größen wie Steven Soderbergh oder Martin Scorsese. Man muss wohl eine Menge Theorie hinter sich lassen, um so einen Film zu drehen. Dass er sich dafür entschied, statt uns wie andere Debütanten einen sentimentalen Brei zuzumuten, der uns sein eigentliches, sensibles Selbst enthüllt – dafür sei ihm hier ein zweites Mal gedankt. Stattdessen gibt er mit hysterisch donnerndem Lachen den Mann ohne Mitleid, eine Metapher des Bösen schlechthin. Den letzten Kampf, mit eigenen Fäusten gegen das Gute, lässt er sich natürlich nicht nehmen. Morgen ist dieser Film auf dem DVD-Wühltisch Ihres Vertrauens, aber nur jetzt im Kino.

Man of Tai Chi USA/Hongkong/China 2013. Regie: Keanu Reeves, Drehbuch: Michael G. Cooney, Kamera: Elliot Davis, Darsteller: Keanu Reeves, Tiger Hu Chen, Iko Uwais u.a.; 105 Min., Farbe. FSK 16.