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Kinostart "Der Hobbit - Smaugs Einöde": Vorsicht, hungrige Riesenspinnen!

Problembewusst und lösungsorientiert: der Zauberer Gandalf (Ian McKellen, l.), hier mit Radagast (Sylvester McCoy).

Problembewusst und lösungsorientiert: der Zauberer Gandalf (Ian McKellen, l.), hier mit Radagast (Sylvester McCoy).

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AP/dpa

Der erste Teil von Peter Jacksons „Hobbit“-Verfilmung begann noch im sonnenbeglänzten Auenland: Da sitzt der alte Bilbo Beutlin am Schreibtisch und beginnt, aus seinem Leben zu plaudern. Dieser Idylliker und Jedermann mauserte sich im Verlauf der „Unerwarteten Reise“ zum listenreichen Helden, der Gollum und die Trolle witzig austrickst – und witzig war der ganze erste Teil, trotz der scheußlichen Orks, ihrer wölfischen Reittiere und natürlich des Drachen Smaug, der vor Urzeiten feuerspuckend in die Zwergenstadt Erebor einbrach, fast alle Zwerge tötete und nun auf deren riesigem Goldschatz liegt.

Doch jetzt wird es apokalyptisch. „Smaugs Einöde“, Teil zwei von Jacksons Trilogie, beginnt wie der erste Film mit einem Vorspann außerhalb der Erzählchronologie. Diesmal allerdings regnet es in Strömen, es ist finster, und statt in Bilbo Beutlins adretter Hobbit-Höhle finden wir uns in einer Spelunke voller zwielichtiger Gestalten. Hier fassen Thorin, Nachkomme des Königs von Erebor, und der Zauberer Gandalf den Beschluss, nach Erebor zu ziehen, um Smaug den Arkenstein, das Symbol der Macht über das Zwergenvolk, zu entreißen. Erst danach setzt „Smaugs Einöde“ dort ein, wo der erste Teil aufhörte.

Von Anfang an also dreht der zweite „Hobbit“-Film größere Räder. Dafür haben die vier Drehbuchautoren, neben Peter Jackson und seiner Frau Fran Walsh noch Philippa Boyens und der ursprünglich als Regisseur vorgesehene Guillermo del Toro sich zuweilen weit von J.R.R. Tolkiens Vorlage entfernt und wie schon im ersten „Hobbit“ Nebenfiguren ausgebaut oder hinzuerfunden, Handlungsstränge umgestellt und anders akzentuiert.

Thorin (Richard Armitage) tritt nun als eigentliche Hauptfigur neben Bilbo Beutlin. Denn er verfolgt gemeinsam mit Gandalf (Ian McKellen) ein großes Ziel; der Hobbit (Martin Freeman) ist sein wichtigster Gehilfe und für die Perspektive auf das Geschehen noch immer wichtig. Beutlins Persönlichkeitsentwicklung scheint jedoch mit dem ersten Teil abgeschlossen, als Figur beansprucht er kaum noch unser Interesse. So fesseln uns die Elben aus dem Nachtwald wesentlich stärker: Sie nehmen die Zwerge als Eindringlinge gefangen.

Allerdings verguckt sich dabei die für den Film hinzu erfundene Elbin Tauriel (Evangeline Lilly) in Kili (Aidan Turner), den jüngsten Zwerg, obwohl sich eigentlich Prinz Legolas (Orlando Bloom) für sie interessiert. Nachdem den Zwergen die Flucht gelungen ist, setzen ihnen Tauriel und Legolas nach. Tauriel will die Angriffe der Orks von den Zwergen abhalten und den verletzten Kili retten. Und Legolas dämmert schon, dass etwas im Gefühlshaushalt der Elbin nicht in seinem Sinn läuft. Im dritten „Hobbit“-Film steht uns da wohl einiges an Herzschmerz bevor.

Das muss ja auch sein, denn die epische Dreiteiligkeit, mit der Peter Jackson das Format der Jugendbuchvorlage übertrumpft, verlangt nicht nur nach machtpolitischen, sondern auch nach emotionalen Dimensionen. Abzusehen ist, dass solche Handlungslinien den titelgebenden Sympathieträger noch weiter aus dem Zentrum verdrängen werden. Aber gerade solche genuin erzählerischen Qualitäten haben die Filme Peter Jacksons stets getragen und den alles überbietenden Effektorgien Seele eingehaucht.

Technisch bietet auch „Smaugs Einöde“ wieder mehr als genug. Wie der erste Teil ist er im Hochfrequenz-3D-Verfahren mit 48 Bildern pro Sekunde gedreht – und rückt dem Zuschauer derart nahe, dass er die Materialität der Gewänder, Haare, Steine und Waffen zu spüren meint. Zuweilen ist das ausgesprochen furchteinflößend! Die Episode mit den Riesenspinnen im Nachtwald ist von erlesener Ekligkeit und erschreckender visueller Dichte: Schon die Bäume stehen unangenehm eng und versperren die Flucht; zusätzlich sind die Zweige mit klebrigen Netzen behangen, und wenn dann noch Schwärme von mannsgroßen Spinnen aus der Leinwand stampfen und die Mäuler aufsperren, geht man instinktiv in Deckung.

Mit 20 Minuten zu lang fällt dagegen der Auftritt Smaugs aus, der sich mit einem Kubikhektar Zwergengold zugedeckt hat und langsam aus Milliarden von Münzen zu voller Größe erhebt, um mit Bilbo überhebliche Gespräche zu führen. Der Drache ist einfach zu unflexibel. Fantasie ist jedoch sonst nicht das Problem des Films. Wenn die Zwerge in Fässern auf Stromschnellen den Elben und den Orks zu entkommen versuchen, bordet sie geradezu über: Da wird ein Fass aus dem Fluss geschleudert und macht, während es über das Ufer poltert mehrere Orks platt, bevor es wieder ins Wasser kippt, während gleichzeitig Legolas – mit den Füßen auf Zwergenköpfen – durch den Strom surft und mit Pfeil und Bogen schießt.

Die mythopoetische Kraft dieser Bilder, die zugleich extrem realistisch und extrem künstlich wirken, ist ohne Beispiel. Wenn das Wort „Traumfabrik“ je zutraf, dann auf das filmische Universum Peter Jacksons. Er findet Landschaften und Architekturen, die präraffaelitische Entrückung und faschistoide Monumentalität originell und selbstverständlich zu einem schlüssigen Stil verbinden – ohne dass die Figuren darüber zu Heldenklischees verkommen.

Der Hobbit: Smaugs Einöde (The Hobbit – The Desolation of Smaug) - USA 2013. 160 Min., Farbe. FSK ab 12