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Kinotipp "Shaun das Schaf": Wenn das mal kein Blökbuster wird!

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Studiocanal

Dass Schafe unsere Sprache nicht sprechen, heißt nicht, dass wir sie nicht verstehen können. Schafe sind eben letztlich auch nur Menschen, wie uns der vollkommen dialogfreie Kinofilm „Shaun das Schaf – Der Film“ nun auf die schönste Weise zeigt. Wir alle leiden bisweilen unter dem Alltagstrott, und es sind vor allem Kinder, die uns mit vorwurfsvoller Inbrunst ein „Mir ist langweilig!“ vor die Füße rotzen können. Von dem Immergleichen angeödet ist nun auch das puschelköpfige Schaf Shaun. Sanfte Hügel, saftiges Gras, Sonnenschein, beschauliche Old-School-Landwirtschaft und nette „Familie“ hin oder her – der schon auf dem Hof geborene Schafsjunge sehnt sich nach Abwechslung. Überdies ist Shaun schwer genervt von der neuen Frisur, die ihm der Bauer bei der Schur verpasst hat.

So plant Shaun, den Hofchef für einen Tag aus dem Weg zu schaffen. Das gelingt indes gründlicher als geplant. Ein schrottreifer Wohnwagen gerät versehentlich in Fahrt, und der darin schlafende Bauer rast unaufhaltsam auf die große Stadt zu. Einen Unfall später hat der Bauer sein Gedächtnis verloren und landet im städtischen Krankenhaus. Was bleibt der Herde und dem Hütehund Bitzer da anderes übrig, als den nächsten Überlandbus zu besteigen und sich auf die Suche nach dem Bauern zu begeben? Aber wie das mit Landeiern so ist: Die Stadt kann sehr verwirrend und überfordernd sein. Besonders wenn man eine nur mäßig gut verkleidete Tierherde ist, die vorgibt, menschlich zu sein.

Glücklicherweise treffen die Tiere auf die Streunerin Slip. Diese Hündin mit ästhetisch ungünstiger Zahnstellung kennt sich nicht nur mit dem Tierfänger aus, sondern verfügt auch über gute Ortskenntnisse. Dennoch wird es ein Weilchen brauchen, bis die erste Spur gefunden ist. Doch der Bauer, per Zufall und dank sozialer Medien zum Starfriseur avanciert, erkennt Herde und Hund nicht mehr. Es ist eine herzzerreißende Szene, in der Shaun erleben muss, dass die Tiere nun vielleicht für immer auf sich gestellt bleiben werden.

Den begnadeten Knet-Künstlern der britischen Aardman-Studios ist mit „Shaun das Schaf – Der Film“ ein heiteres Werk gelungen. Und die Bandbreite emotionaler Verfasstheiten, die hier aufgezeigt wird, ist angesichts der Sprachlosigkeit beeindruckend. Dabei sind die mimischen Möglichkeiten der per Stop-Motion-Verfahren belebten Plastilin-Figuren, etwa mit denen von Stummfilmschauspielern verglichen, ja erheblich geringer. Dennoch gelingt es, gerade Shauns Gefühlszustände in Körperhaltung, Mund- und Augenstellung perfekt abzubilden – von heiter, gelangweilt, überrascht, nachdenklich über listig, schelmisch, zuversichtlich bis hin zu betrübt, und natürlich kommt immer wieder Shauns Fassungslosigkeit über die Herdenblödheit seiner Mitschafe dazu. Unterstützend wirken der exakt passende Soundtrack und die unaufdringlich eingestreuten Filmzitate.

Bereits 1995 feierte Shaun, damals noch mehr ein Lamm, in einer Nebenrolle sein Leinwanddebüt in dem Oscar-prämierten Kurzfilm „Wallace & Gromit – Unter Schafen“ – und spielte sich mit seiner erpresserischen Niedlichkeit sofort in die Herzen der Zuschauer. Ein Merchandise-Star war geboren! Shaun-Rücksäcke, Shaun-Kuscheltiere, Shaun-Geldbörsen und so weiter kamen in Mode. Seit 2007 hat Shaun auch seine eigene Fernsehserie, die sich als Kinderprogramm weltweit verkauft hat.

Diesem Umstand ist es vermutlich geschuldet, dass „Shaun das Schaf – Der Film“ nun weniger anarchisch, skurril und fies ist, als andere Trickfilme aus den Aardman-Studios (z. B. „Chicken Run“, „Die Piraten“). Dafür ist es hier gelungen, dem Furz-und Rülpswitz neuen Schwung zu verleihen, und das ist ja auch eine schöne Leistung.

Shaun das Schaf – Der Film GB 2015. Regie und Drehbuch: Richard Starzak, Mark Burton; 85 Minuten, Farbe. FSK o.A.