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Kinotipp „Und dann der Regen“: Einbruch der Wirklichkeit

Der Bolivianer Juan Carlos Aduviri als Daniel (rechts) klärt den Spanier Costa (Luis Tosar) über wichtige Kleinigkeiten auf.

Der Bolivianer Juan Carlos Aduviri als Daniel (rechts) klärt den Spanier Costa (Luis Tosar) über wichtige Kleinigkeiten auf.

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Piffl

Man könnte meinen, dies interessiere nur eine Minderheit: Ein spanisches Filmteam will von Kolumbus und den finsteren Begleitumständen der Entdeckung Amerikas erzählen. Ja, es scheint, als wäre „Und dann kam der Regen“ ein Beitrag fürs Minderheitenprogramm, ein ausländischer Film für speziell Gebildete. Die ersten Minuten jedenfalls vermitteln diese Sichtweise: der Aufbau der Kulissen in Bolivien, das Team bei einem großen Essen, der Kolumbus-Darsteller mit viel Pathos beim Vorsprechen.

Doch da hat die Regisseurin Icíar Bollaín dem Betrachter bloß eine Falle gestellt. Denn dies ist zwar eine Geschichte über den Versuch, politisch korrekt über die Vergangenheit zu berichten, doch sie wird von der Gegenwart eingeholt. Es ist die Geschichte von Leuten, deren gute Absichten einer strengen Prüfung durch die Realität unterworfen werden. Und es ist eine Geschichte über uns selbst, die Zuschauer. Denn auch der Betrachter wird sich fragen, was seine Werte wert sind.

Konflikte und wilde Blicke

Es geht also um den jungen Regisseur Sebastían (Gael García Bernal) und den Produzenten Costa (Luis Tosar), die in Bolivien einen Film über Christoph Kolumbus drehen wollen. Die Landschaft passt, Einheimische lassen sich für wenig Geld als Statisten verpflichten.

Schon bei der Auswertung des Castings deutet sich ein erster Konflikt an. Daniel, ein gedrungener Mann mit wildem Blick, der vom Regisseur als idealer Darsteller des Volkshelden Hatuey angesehen wird, birgt für den Produzenten gleich Gefahren. Er soll Recht behalten.

Bald entpuppt sich Daniel auch im wirklichen Leben als eine Art Häuptling: In der Stadt Cochabamba, am Drehort also, will ein Großkonzern sich des Wassers bemächtigen. Die privaten Brunnen werden gesperrt, weil Wasser künftig Geld kosten soll – und das in einer sehr armen Region. Daniel gehört zu den ersten, die sich wehren.

Bewegende Momente

Und nun greift eine äußerst interessante Dramaturgie. Nachdem die Außenperspektive auf den Filmdreh die anfänglichen Eindrücke bestimmt hat, verlaufen bald die Inszenierung des Drehbuchs und das reale Geschehen um das Team parallel, bis sich beide Ebenen ineinander verschränken. Es gibt Szenen, in denen die Laien ihre Angst vor den und ihre Auflehnung gegen die Eroberer in derselben Intensität zeigen, wie ihren Protest gegen die finanzstarken Herren über das Wasser. Das sind bewegende Momente.

Als Daniel verhaftet wird, sehen sich Sebastian und Costa gezwungen, in die Wirklichkeit einzugreifen. So ein Spielfilm ist eine teure Angelegenheit, jede Verzögerung kostet Geld. Für Daniel und seine Nachbarn geht es um viel mehr: die Lebensgrundlagen. Es kommt zum Bürgerkrieg.

„Und dann kam der Regen“ stellt die Frage nach der Verantwortung des Künstlers. Im konkreten Fall, wenn Regisseur und Produzent in dem Zwiespalt stecken, die Probleme ihres Schauspielers zu verstehen, ihn aber für ihr Projekt zu brauchen. Als auch Daniels Tochter in Gefahr gerät, fällt eine Entscheidung. Der Film suggeriert außerdem Fragen nach unserem Verhältnis zur Geschichte: Ist es überhaupt möglich, historisch richtig zu erzählen?

Emotionales Abenteuer spitzt sich zu

Die Regisseurin Icíar Bollaín bleibt am Ende in ihrer europäischen Perspektive gefangen. Für diejenigen, die so fremd sind wie sie, hat sie die richtigen Darsteller gefunden. Vor allem Luis Tosar zeigt glaubwürdig die Zerrissenheit des Produzenten, der die Kontrolle über die Abläufe verliert und eine andere Verantwortung zu spüren beginnt.

Karra Elejalde, der den Kolumbus-Darsteller gibt, zeigt in kleinen Episoden auch eine interessante Entwicklung. Juan Carlos Aduviri strahlt als Daniel von Anfang an etwas Widerspenstiges aus und bestätigt damit den europäischen Blick. Er kann sich kaum vom Klischee lösen, so wie die indigenen Statisten doch Statisten bleiben. Der Film lässt keinen kalt. Das emotionale Abenteuer spitzt sich so zu, dass man auf den reinigenden Regen wartet, den der Titel verspricht.

Und dann der Regen Spanien/Frr./ Mex. 2010. Regie: Icíar Bollaín, Darsteller: Gael García Bernal, Luis Tosar, Karra Elejalde u.a.; 102 Minuten, FSK ab 12.


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