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Kleist-Neuverfilmung: Michael Kohlhaas, der Ur-Europäer

Die Bilder lassen wiederholt an Rembrandt denken. Dieses zeigt Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen) mit seiner Tochter.


Die Bilder lassen wiederholt an Rembrandt denken. Dieses zeigt Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen) mit seiner Tochter.

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Polyband

In der Ahnenreihe des Terrorismus nimmt Michael Kohlhaas eine prominente Vorreiterrolle ein. Der Brandenburger Pferdehändler, der 1532 von einem sächsischen Junker um zwei Pferde betrogen wird, das Gericht anruft und, nachdem er vom korrupten Richter kein Recht bekommt, halb Sachsen in Brand steckt – dieser Kohlhaas gilt als Prototyp des moralischen Irren. Heinrich von Kleist, der dem verbürgten echten Kohlhaas des 16. Jahrhunderts mit einer Novelle ein Denkmal setzte, nennt ihn gleich zu Beginn derselben „einen der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Das „Rechtgefühl“ habe ihn zu einem Räuber und Mörder gemacht.

Mehrfach ist Kleists Novelle schon verfilmt worden, meist mit Anklängen an den Western, was allein schon der vielen Pferde wegen nahe liegt, aber auch wegen der im Western häufig problematisierten Justiz und Selbstjustiz. Der französische Regisseur Arnaud des Pallières verlegt den Stoff in eine archaische Welt, die man weder zeitlich noch räumlich genau identifizieren kann. Gedreht wurde in den karstigen Cevennen; spielen könnte der Film den schütteren Landschaftsbildern zufolge aber auch in Transsylvanien oder auf Sizilien, in Albanien oder Kastilien, niemals aber in den üppigen Wäldern zwischen Kohlhasenbrück und Leipzig.

Und so vage der Ort der Handlung, so vage bleibt auch die Gesellschaft, in der dieser Film-Kohlhaas zu Hause ist: Aus dem politisch verfilzten 16. Jahrhundert der Novelle Kleists wird im Film eine schemenhafte Vorzeit, in der die rohen Strukturen eines finsteren Hinterwäldlerfeudalismus herrschen. Von dem Titelgehuber im Reich des sächsischen Kurfürsten bleibt nur ein „Gouverneur“ und ein „Baron“, dessen Burg aussieht wie ein Raubritternest im Frühmittelalter. Aus Martin Luther wird ein „Mann in Schwarz“ und aus dem Kurfürst von Sachsen eine hübsche Prinzessin, die, nachdem sie den nackt im Zuber badenden Kohlhaas neugierig gemustert hat, sagt: „Du bist wie ich. Du lebst von der Liebe und der Furcht, die du einflößt“.

Es ist eine sagenhafte Vorzeit, die hier zu besichtigen ist, ein Art Ur-Europa mit Versatzstücken von hier und da, in dessen reduzierter Gestalt sich wohl jede Bevölkerung des Kontinents irgendwie wiederfinden könnte. Kohlhaas wird vom Dänen Mads Mikkelsen gespielt, seine Frau Lisbeth von der Französin Mélusine Mayance, sein treuer Knecht vom Schweizer David Bennent. Auch Spanier und Briten sind mit von der Partie.

Gesprochen wird im Film praktischerweise wenig. Besonders wortkarg ist, ganz anders als bei Kleist, Kohlhaas selbst. Mads Mikkelsen verkörpert geradezu skulptural den unbeugsamen Stolz des Pferdehändlers, wobei ihm seine indianisch wirkenden Gesichtszüge zu Gute kommen. Wie ein Brandenburger vom Stamme der Huronen reitet er durchs Land und führt seinen rachdurstigen Haufen an. Dem Starrsinn kann er zwar eine Menge Schönheit abtrotzen, aber er friert zu oft zum lebenden Kohlhaas-Denkmal ein.

Nur notwendige Gesten

Archaisch wie der Film wirken will, dürfen in ihm keine langen Reden gehalten werden. Mikkelsens Kohlhaas liebt und lebt „wie nur je einer“, wie Peter Handke sagen würde, mit knappsten, notwendigsten Gesten. Die Liebe ist stumm, die Pferde dampfen und schnauben, ein Fohlen wird im Kreis der Familie geboren. Kohlhaas’ Credo: Man stiehlt nicht, man schenkt nicht. Noch als längst ein großer aufrührerischer Haufen sich unter ihm versammelt, will er nur seine beiden Pferde zurück. Darin übrigens ist er alles andere als ein moderner Terrorist – sein Gerechtigkeitsverständnis entspringt der Kindheit des Kontinents, um in der Logik dieses Films zu bleiben.

Statt der Sprache tragen die Bilder den Film, die Landschaft, die Kameraführung, die wiederholt an Rembrandt denken lässt, und vor allem der Ton. Hastige, stoßweise Atemgeräusche aus dem Off begleiten die Rückkehr der tödlich verletzten Lisbeth Kohlhaas. Auch lautem Eselgebrüll gehört einmal die Tonspur ganz allein oder enervierendem Ferkelröcheln – aber auch dem Wind im Duett mit düsterem Getrommel.

Wunderschön in ihrer betonten Kargheit und von großer Bedeutung für die Verführungskraft des Films sind die Kostüme. Auch sie sind Teil dieser sonderbaren Vision einer gesamteuropäischen Frühgeschichte. In einer Notiz der Filmproduzentin Martina Haubrich wird die Absicht deutlich. Die Kostüme brächten „Moden, Stilelemente und Details zusammen, die es jeweils für sich in der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in verschiedensten Regionen gegeben hat“. Es ging der Produzentin dabei um eine „europäische Anmutung“, so wie es ihr Ehrgeiz war, einen wahrhaft europäischen Film zu machen.

So ist dieser Film ein Teil nicht des Nation-, sondern des Union-Building. Ein ästhetisches Gegenprogramm etwa zu Edgar Reitz’ Heimat-Filmen, die nicht im gesamteuropäischen Irgendwo, sondern in Schabbach spielen. Was Pallières’ Film an Vagheit im Historischen und Geographischen riskiert, muss er in seiner Arte-povera-Ästhetik an Sinnlichkeit wett machen. Die skurrilste Szene ist der Überfall von Kohlhaas und seinen Getreuen auf die Burg des Barons. Ihre Armbrust halten die Aufrührer von einst wie die Kämpfer im Thriller von heute ihre Maschinenpistolen, wenn sie, keuchend vor Anspannung und Todesangst, Raum um Raum durchkämmen: Tür auftreten, Armbrust mit ausgestreckten Armen voran, und mit ihr die ganze Kaschemme sauber von links nach rechts durchmustern wie mit der Taschenlampe.

Michael Kohlhaas Frankr./Dtl. 2013. Regie: Arnaud des Pallières, Kamera: Jeanne Lapoirie, Darsteller: Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, David Bennent u..a.; 122 Minuten, Farbe. FSK ab 12.



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