Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Kolumne Kleingarten: Wir ziehen alle in die Laube!
16. March 2014
http://www.berliner-zeitung.de/1157272
©

Kolumne Kleingarten: Wir ziehen alle in die Laube!

Vom Aussterben bedroht: Immer wieder werden Kleingärten für Bauprojekte verdrängt.

Vom Aussterben bedroht: Immer wieder werden Kleingärten für Bauprojekte verdrängt.

Foto:

Berliner Zeitung

Vor ein paar Wochen konterte unsere Regierung das Begehren vieler Berliner, das Tempelhof Feld so zu lassen, wie es ist, mit einem Gegenvorschlag. Er lautet ungefähr so: Wir müssen bauen! Berlin platzt aus allen Nähten! Dort ist doch Platz! Nur dort! Passend dazu tönt es immer lauter aus der Stadtentwicklungsbehörde, die schlimme Wohnungsnot in Berlin sei sonst nur mit der Bebauung von Kleingartenkolonien zu bekämpfen. Nach dem Motto: Entweder wir bauen auf dem Tempelhofer Feld, oder wir machen eure Kleingärten platt. Rund 40 Kolonien sollen weichen, heißt es im Stadtentwicklungsplan Wohnen, den die große Koalition gerade bespricht.

Während die CDU mit ihrer traditionell engeren Bindung an die Laupenpieperlobby noch zaudert (so liest man zumindest), findet die Berliner SPD nichts dabei, die Besitzlosen gegeneinander auszuspielen. Denn wer sagt, wir können nur Wohnungen für mäßig Verdienende bauen, wenn wir mäßig Verdienenden etwas wegnehmen (den grandiosen Park oder ihre Pacht-Parzelle), der unterschlägt, dass das ganz schön ungerecht ist. Wer eine Dachterrasse oder gar einen Garten hat, braucht weder das T-Feld noch den Schrebergarten. Er oder sie hat allein in den eigenen vier Wänden mehr Auslauf als z.B. meine Laubennachbarn: Die mussten ihre Wohnungen zusammenlegen, als sie zwei Haushalte in ihrem frisch modernisierten Haus nicht mehr bezahlen konnten. Und ihre Parzelle ist auch eher winzig.

Ich finde daher, wir sollten zuerst die Gärten und Terrassen aller Besserverdienenden in Wohnraum umgestalten und vielleicht auch ihre Appartements teilen. Sozialneid, igitt! - höre ich es schallen. Neuerdings lesen übrigens selbst junge Leute in den USA Marx, schreibt die Wochenzeitung Die Zeit. Sie suchen nach Alternativen, wo es angeblich keine gibt.

Das wirklich Tragische an den regierenden Politikern ist nicht bloß ihre offenkundige Ferne zu sozialen Idealen, sondern ihre unfassbare Phantasielosigkeit: Warum sonst geben sie beharrlich Antworten aus dem letzten Jahrtausend? Baggern, planieren, auf der grünen Wiese bauen! Umweltverbände zeigen, wie auch anders geplant werden kann, eine neue Generation von Designern und Architekten zelebriert schon längst nicht mehr die großräumige Reißbrettlösung, sondern sucht die Lücke, macht aus Altem Neues.

Haben wir nicht mit dem gigantischen Flughafengebäude die Möglichkeit zum Upcycling im großen Stil? Würden hier denkmalgerecht Wohnungen entstehen, gäbe das bestimmt die große internationale Aufmerksamkeit! Die vielen kreativen jungen Leute, die in diese Stadt kommen und all die WGs, Familien, Paare, Singles, die händeringend eine Bleibe suchen, hätten sicher nichts gegen ein Domizil in der Ex-Abfertigungshalle mit Park davor.

Umgekehrt könnte man die Laubenpieper mal fragen, ob sie in ihre Garten ziehen und ihre Wohnungen dafür freigeben würden. Es soll ja jetzt schon viele geben, die das den Sommer über tun – auch wenn das natürlich streng verboten ist. Man müsste nur die Lauben isolieren, für gute Heizungen sorgen und die ganzjährige Wasserversorgung sicherstellen. Kanalisation muss gar nicht sein, mit der Abwassergrube hat man sich ja arrangiert. Das ginge mit ökologisch und ästhetisch wegweisenden Entwürfen – arm aber sexy und grün!

Berliner Öko-Wohnlauben für arme Leute wären noch toller als Brad Pitts Bauerei in New Orleans! Und origineller als die Prinzessinnengärten, die mit ihren Hochbeeten in wirklich jedem Reiseführer stehen und es so geschafft haben, erstmal nicht von ihrem Grundstück vertrieben zu werden. Sie platt zu machen wäre am Ende so peinlich gewesen wie die Siegessäule umzuschubsen. Womöglich hätte das japanische Fernsehen oder die New York Times berichtet. Davon sollten alle Kolonien lernen, einige sind ja schon bestens mit den Prinzessinnengärten vernetzt.

Als Kleingärtnerin bin ich es gewöhnt, mit dem Bagger im Nacken Radieschen zu säen. Zuletzt sollte unsere Kolonie Häusern weichen, die an eine Randbebauung des Tempelhofer Felds anschließen sollten. Das ist vorerst vom Tisch, aber doch interessant. Denn damals hieß es nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Mal sehen, was noch kommt.