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Kolumne Meine Tiere: Diese Diskrepanzen im Selbstbild

Ein Metzgermeister beim Schlachten eines Schweins im Bauernhausmuseum in Wolfegg.

Ein Metzgermeister beim Schlachten eines Schweins im Bauernhausmuseum in Wolfegg.

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dpa

Was ein Glück, dass ich nur tierfreundliche, bewusste Konsumenten kenne. Ich meine jetzt nicht die Veganer, auch die anderen. Alle sind gegen Massentierhaltung und Tiertransporte. Wenn man ihnen erzählt, dass den Milchkühen die neugeborenen Kälber weggenommen werden, verziehen sie das Gesicht. Neulich haben sie den TV-Bericht über das Elend der Mastputen gesehen – so was geht gaaar nicht!

All diese Leute würden nie Fleisch „im Supermarkt“ kaufen. Sie kaufen „nur bio“ und „regional“. Viele kaufen daher auf dem Erzeugermarkt oder beim „Bauern“.

Vor allem die Berliner, die ich kenne, kaufen durch die Bank bei diesem „Bauern des Vertrauens“ oder beim „Bauern um die Ecke“, und weil die meisten Berliner, die ich kenne, in Prenzlauer Berg leben, muss die Bevölkerungs- und Bewirtschaftungsdichte vertrauensvoller Landwirte dort ganz besonders hoch sein. Dachte ich lange. Dann hörte ich von anderen Veganern, dass deren Bekannte ebenfalls alle beim Bauern um die Ecke kaufen. Anscheinend kennen wir alle dieselben Leute, oder diese Leute kaufen alle bei denselben Bauern.

"Artgerechte Schlachtung"

Das Paradoxe ist, dass ich selbst mitten im Agrarland Niedersachsen lebe und nicht wüsste, wo ich hier ein Schwein, Kalb oder Ei meines Vertrauens her bekäme. Typisches Stadt-Land-Gefälle! Vermutlich gibt es von jedem x-beliebigen Punkt in jeder x-beliebigen Großstadt aus irgendwo eine entscheidende Ecke, um die man nur herumgehen muss, um zu den diversen Bauernhöfen des Vertrauens zu gelangen, wo die glücklichen Kälbchen mit den Mamis rumspringen, auf grünen Wiesen natürlich, und später liebevoll in den Schlaf gesungen werden. Erst wenn sie nie wieder aufwachen, werden sie von meinen Freunden gekauft und gegessen.

Oder jedenfalls, wenn sie sonstwie friedlich aus dem Leben geschieden sind. Es sind ja alle Menschen gegen industrielle Schlachthöfe, sie befürworten eine „humane Schlachtung“. Neulich las ich irgendwo: „artgerechte Schlachtung“. Auf das artgerechte Einsperren, das humane Kälberwegnehmen, das tierschutzkompatible Zwangsbesamen, das sanfte Hodenabschneiden und Schnabelkürzen folgt dann die artgerechte Schlachtung ihres Vertrauens.

Solches Fleisch kann man essen – aber eh nur ganz selten. Wir essen „nur noch wenig Fleisch“, sagen die meisten, jedenfalls „viel weniger als früher“. Wenn man diversen Straßenumfragen glaubt, leben in Deutschland fast 50 Prozent Vegetarier – halt gefühlt. Man fühlt sich so, wie man gerne wäre; und insbesondere wenn da so ein Interviewer mit Klemmbrett auf einen zukommt, hört man die Stimme des Gewissens vernehmlich.

Solidarisches Hack

Etwas anders gelagert ist folgendes Argument gegen den Vegetarismus: dass die Inuit bei sich zu Hause kein Gemüse anbauen können, also Fleisch essen müssen. Also isst auch der Deutsche Fleisch nur aus Solidarität mit den Inuit. Oder mit den Armen in Deutschland. Von einem völligem Mangel an sozialem Bewusstsein sprach es daher, als meine Freundin Katrin S. neulich fragte: „Wenn alle nur beim Bauern des Vertrauens kaufen, warum liegt in ihrem Kühlschrank der Gouda von Ja! und das Hack vom Kaufland?“ – Mensch, Katrin, das ist doch nur solidarisches Hack! Gewiss machen diese Menschen auch Skiurlaub, trinken teuren Wein und fahren Autos, die sich arme Leute nicht leisten können. Aber irgendwo muss man mit der Solidarität ja anfangen!

Es ist übrigens nicht so, dass ich all das nicht verstehe. Ich werfe ganz selten Essen weg, und überhaupt verbrauche ich wenig. – Mein Mülleimer lässt anderes vermuten. – Ich würde von mir auch sagen, dass ich Dinge lieber reparieren lasse, als ständig alles neu zu kaufen. – Wo kann man überhaupt noch etwas reparieren lassen? – Bis vor kurzem glaubte ich sogar, dass ich eine Person sei, die Socken stopfe, statt sie wegzuschmeißen! Bis ich all die Socken, die ich nicht wegschmeiße, in der Schublade mit der Schuhcreme fand. Zum Schuheputzen. (Ich putze nie Schuhe.) Ich kaufe viel ein, ich schmeiße viel weg, ich fahre Auto. So sieht’s aus. Diese Diskrepanzen im Selbstbild sind vermutlich nur menschlich.

Menschlich ist aber auch, zu erkennen, wenn es um etwas geht. Sich einen Schubs zu geben. Sich etwas vorzunehmen. Besser zu werden.