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Komische Oper: Die Geister sind noch im Haus

Er legt keinen Wert auf Hierarchien, braucht keinen Intendantenpomp: Barrie Kosky in der Komischen Oper.

Er legt keinen Wert auf Hierarchien, braucht keinen Intendantenpomp: Barrie Kosky in der Komischen Oper.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BERLIN -

Es ist wie in einer Liebesgeschichte. Plötzlich kommt der Moment, in dem sich alles richtig anfühlt. Ein Moment, der sich nicht erzwingen lässt, der einen findet. Nach langem unbestimmten Sehnen erwischte Barrie Kosky dieses Gefühl in Berlin. Wie ein Magnet hat ihn die Stadt angezogen, lange, bevor der Kosmopolit selbst das hätte so benennen können. Oder, wie er es in rasantem Denglisch beschreibt: „Es ist eine seelisch-körperliche pull. Es sind die Geister von meine Familie, die sagen: Komm hier.“

Barrie Kosky hat es sich in einem der drei schwarzen Ledersofas bequem gemacht, die das Büro des Intendanten in der ersten Etage des Bürotrakts der Komischen Oper fast ausfüllen. Durch das geöffnete Fenster dröhnt der Lärm der Baustelle von Unter den Linden. Auf dem Couchtisch aus nur grob bearbeitetem Holz stapeln sich Bücher zu Türmen, darunter ein Klavierauszug der Operette „Die schöne Helena“ in Französisch, Lektüre über Nicolai Gogol oder ein englisches Bändchen mit jiddischen Theaterstücken. Der kurze Blick erfasst einen zufälligen Querschnitt durch Europas Kulturlandschaft.

Seit eineinhalb Jahren steuert der australische Pianist und Opernregisseur von diesem schlichten Raum aus das Geschick des Hauses und seiner 430 Mitarbeiter. Einen Schreibtisch oder sonstige Chef-Accessoires lehnt der 46-Jährige ab. Er legt keinen Wert auf Hierarchien, braucht keinen Intendantenpomp. Auch die Kleidung ist großstädtisch-lässig. Zur grauen Jeans trägt er ein weißes T-Shirt mit Leopardendruck unter schwarzem Jackett. Voluminöse Silberringe an der Mehrzahl seiner Finger sind das einzige exzentrische Detail. Die Arbeit soll beeindrucken, nicht der Chef.

Es scheint ihm zu gelingen. Am Montag werden in London die internationalen Opera Awards vergeben. Die Komische Oper ist gleich in mehreren Kategorien nominiert: Bestes Opernhaus, bester Regisseur (Barrie Kosky) und beste Produktion (die Uraufführung „Die Soldaten“).

Funkelndes Spektakel

Als Kosky 2012 die Komische Oper übernahm, war das kleinste der drei Berliner Opernhäuser deren Schlusslicht. Die Auslastung war mit sechzig Prozent schlecht, das Haus an der Behrenstraße lockte zu wenig Besucher an. Kosky sollte das ändern. Mit ihm stiegen die Zahlen um mehr als zwanzig Prozent, die Auslastung ist auf 86 Prozent geklettert. Die Zeitschrift Opernwelt kürte die Komische Oper gleich nach Koskys erster Spielzeit zum deutschen „Opernhaus des Jahres“ – wie schon einmal 2007, damals allerdings zusammen mit der Oper Bremen.

Seinen Dienst in Berlin trat Barrie Kosky mit einem Paukenschlag an: eine zwölfstündige Premiere der drei vollständig erhaltenen Monteverdi-Opern, den Urmüttern des hohen Bühnensingspiels. Oder, in Koskys bildhafter Sprache ausgedrückt: „Die DNA der Oper.“

Es folgte eine umjubelte „Zauberflöte“ in Stummfilmästhetik. 26 ausverkaufte Vorstellungen, eine Sensation. Auch in der aktuellen Spielzeit sind die Karten schnell vergriffen. Etwa für die über achtzig Jahre verschollene Jazz-Operette „Ball im Savoy“ von Paul Abraham, inszeniert als funkelndes Spektakel im Stil der Zwanzigerjahre. Das Publikum ist so verzückt von den Sängern, Tänzern und Schauspielern, dass bereits über ein deutschlandweites Operetten-Revival spekuliert wird und der Komischen Oper als dessen Initiatorin gehuldigt wird.

Zwölf Premieren präsentiert Barrie Kosky allein in der ersten Spielzeit, darunter sechs Uraufführungen. Das sind doppelt so viele wie unter seinem Vorgänger Andreas Homoki. Dazu kommen Festivals wie der Mozart-Mai oder die Kurt-Weill-Woche. Das Tempo ist rasant, die Vielfalt üppig. Er holt immer wieder neue Regisseure aus aller Welt, die Mehrheit inszeniert zum ersten Mal am Haus. Ein kosmopolitisches Programm – für eine ebensolche Stadt.

Dass sich die Komische Oper in kurzer Zeit zum kreativsten Musiktheater Berlins entwickelt hat, ist nicht zuletzt Barrie Koskys Fähigkeit zu begeistern geschuldet. Erst vor kurzem hat er an einem Abend in der Allianz-Stiftung am Pariser Platz seine Alleinunterhalterqualitäten unter Beweis stellen können, auch als Pianist. Gemeinsam mit der Sängerin und Schauspielerin Dagmar Manzel – seiner Muse, wie er sie nennt, und Star aus der Operette „Ball im Savoy“ – war er geladen.

Leger, in hellem Anzug und ebensolchem Hemd, an den Füßen lederne Sneaker und Ringelsocken, steht er da auf der Bühne und erzählt von seiner Begeisterung für Berlin, für sein Haus, für die Oper. „Wunderbar“, „vielfältig“, „internationale Resonanz“, „zum ersten Mal in Deutschland“ und: „bummvoll“. Seine Sprache ist voll von Superlativen, bunt und lebhaft, wie seine Bühnenbilder. „Ich höre mich an wie ein Tourismusmanager“, unterbricht er sich. Das Publikum lacht.

Die Verbindung ist geknüpft. Vielleicht ist es gerade das Humorvolle, Unprätentiöse, die Abkehr vom heiligen Ernst der Hochkultur, was die Menschen für ihn und seine Kunst einnimmt. Mit seiner Verve kann er die Menschen auch für vermeintlich spröde, etwa zeitgenössische Musik begeistern. „Falls Sie eine schreckliche Erfahrung mit Stücken aus dem 20. Jahrhundert gemacht haben, dann ist ‚Le Grand Macabre“ von György Ligeti genau das Richtige.“ Man hört direkt die Trommel schlagen. Bamm, Bamm, Bamm. Hereinspaziert, meine Damen und Herren, hereinspaziert! Der Tourismusmanager im Kostüm des Zirkusdirektors.

Mit dem Satz „Buy your ticket now!!!“ trommelt Kosky sogar in einem Youtube-Filmchen für sein Haus. In Australien gibt es nicht die üppige Unterstützung der öffentlichen Hand. Da muss um jeden Zuschauer geworben werden, um die Kosten zu decken. Von 30 Millionen Euro Jahresetat, wie ihn die Komische Oper erhält, kann man dort nur träumen.

Barrie Koskys unbefangene Herangehensweise nimmt ein und erlaubt dem Zuwanderer vom anderen Ende der Welt, Althergebrachtes über den Haufen zu werfen. Kosky wird verziehen, wofür seine Vorgänger zerrissen worden wären: Er durfte das eherne Gesetz des Hauses, Stücke nur in Deutsch aufzuführen, ungestraft pulverisieren.

Dabei fühlt er sich der Tradition des Hauses zutiefst verpflichtet. Aber eben nicht nur der von Walter Felsenstein, der die Komische Oper 1947 in Ost-Berlin gegründet hatte und mit großem Erfolg bis zu seinem Tod 1975 leitete. Kosky geht einen Schritt weiter zurück, in die Zeit vor dem Krieg, als das Haus noch Metropol-Theater hieß und berüchtigt war für seine aufmüpfigen, überdrehten und doppelbödigen Operetten. Entfesselte Lebenslust in den Goldenen Zwanzigern.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm die Pracht ein jähes Ende. Die überwiegend jüdischen Komponisten und Sänger wurden mit Auftrittsverboten belegt und mussten Deutschland verlassen. Der endgültige Todesstoß aber erfolgte nach dem Krieg. Das Jazzige, Anrüchige, Ironische wurde beseitigt, zurück blieb blank polierter, biederer Muff. Wenn Kosky davon erzählt, fliegen die Worte noch schneller aus seinem Mund, verwickeln sich das Deutsche und Englische gern.

Barrie Kosky fühlt sich der jüdischen Vorkriegskultur nah, ja, er ist geradezu besessen von ihr. Das erklärt ein Blick in seine Familiengeschichte. Seine Vorfahren waren aus Polen, Russland und Ungarn nach Australien ausgewanderte Juden. Vor allem seiner in Budapest geborenen Oma Magda Loewy steht er sehr nah. Sie war es, die das Kind mit sieben Jahren erstmals in eine Oper mitnahm, „Madame Butterfly“ von Puccini. „Ich war komplett infiziert“, erinnert sich Kosky.

Magda Loewy hatte bis auf ihre Mutter die gesamte Familie im Holocaust verloren. Dennoch drängte sie den Enkel, Deutsch zu lernen. Die Sprache der Kultur, wie sie, die selbst fünf Sprachen beherrschte, sagte. Zum 18. Geburtstag erhielt er ihre Sammlung von Schiller, Goethe und Heine. Das schönste Geschenk aber war ein Album mit Autogrammen. Die Oma hatte sie als Teenager in Budapest gesammelt. Paul Abraham, Franz Lehár, Emmerich Kálmán, Béla Bartók – die Bilder samt Unterschriften aller großen Musiker der Zeit sind in dem Buch verewigt. Giacomo Puccini verfasste sogar eine Postkarte an das Mädchen, das später die Kulturmentorin ihres Enkel werden sollte.

Die Leiter der Kultur

Die großmütterliche Liebe zu Musik und Kunst öffnet dem jungen Kosky die Tür in eine Welt, die nichts zu tun hatte mit dem Alltag anderer australischer Teenager und deren Kulturtrias aus Strand, Surfen, Sport. So wuchs früh das Gefühl, am falschen Ort zu sein, nicht dazu zu gehören.

Das ist lange her. Längst hat er sein Zuhause in Berlin gefunden. Und wie als Dankeschön hat Kosky der Stadt mit der Wiederentdeckung der Berliner Operette eine vergessene Tradition zurückgegeben. Das Geschenk wird begeistert angenommen. Warum nur? „Weil die Geister noch im Haus sind“, sagt Kosky. „Und weil es eine tolle Musik ist, die auch noch gute Laune macht, bringen wir es zurück, nicht aus Nostalgie.“ Das hat man lange nicht gehört, galt die Operette doch als minderwertiges Kulturgut.

Da ist sie wieder, die böse Hierarchie. „Ich liebe die Vielfalt, von Barock über Zeitgenössisches bis hin zu Musicals. Es ist wie beim Essen, manchmal möchte ich eben Sushi essen und manchmal Schnitzel“, sagt Kosky dazu. Sein Wortfluss nimmt sofort an Tempo auf: „Diese deutsche Besessenheit, Unterhaltung und Kunst zu trennen, ist doch pervers!“ In diesem Punkt bleibt ihm seine neue Heimat fremd. Kunst muss berühren. In der Welt des Barrie Kosky ist Kultur keine Leiter, auf deren oberster Sprosse Goethe, Nietzsche oder Beethoven stehen und unten Operetten, Jazz und Pop. In seiner Welt ist sie eine sinnliche Landschaft mit Hügeln, Tälern und auch ein paar hohen Bäumen.