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Komische Oper: Schwarz-Weiß-Film in Farbe

Das komödiantisches Traumpaar: Dagmar Manzel und Max Hopp.

Das komödiantisches Traumpaar: Dagmar Manzel und Max Hopp.

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Iko Freese/drama-berlin.de

Wenn das mal nicht Barrie Koskys Komödien-Meisterstück ist: der Beweis nämlich, dass auch mit äußerst reduzierten Mitteln maximale Wirkung erzeugt werden kann. In „Ball im Savoy“, dem Schlachtschiff von Koskys Berliner Operetten-Wiederbelebung, tummeln sich noch Menschenmassen auf der tiefen Bühne, sind opulente Bühnenbilder zu sehen, wird der halbe Fundus des Hauses von den Darstellern spazierengetragen.

Bei der Premiere von Oscar Straus“ musikalischer Komödie „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ am Freitagabend hingegen bleibt der rote Vorhang der Komischen Oper geschlossen, bespielt wird allein der schmale Streifen vor dem Orchestergraben. Es treten auf, eingefasst in kreisrunde Scheinwerfer-Spots exakt zwei Personen. Und dennoch: Am Ende tobt das Publikum.

Manzel als berlinernder Zausel

Man hat an der Komischen Oper erneut viel gewagt und offenbar erneut viel gewonnen. Vor allem, weil hier wieder technisch perfekt und mit überbordender Phantasie gearbeitet wurde. Eineinhalb Stunden dauert das von Kosky und Dirigent Adam Benzwi zusammengekürzte Stück, zum Luftholen bleibt kaum Zeit. Das Tempo ist atemberaubend, keine Pointe, die in der Luft verhungert; wird der eine Darsteller noch beklatscht, springt der andere schon in neuer abenteuerlicher Verkleidung aus der Tür. Diese Tür in der Mitte ist übrigens das einzige Bühnenbild: eingelassen in einen kleinen Ausschnitt original Komische-Oper-Saalwand, geschmückt mit zwei original Komische-Oper-Saalleuchten. Schauplatz des Theaters ist das Theater.

Zwei Darsteller also. Eigentlich sehen Oscar Straus und sein Texter Alfred Grünwald mehr als zwanzig Rollen vor. Die werden nun aufgeteilt (selbstverständlich ohne Rücksicht auf Frauen- und Männerrolle) zwischen Dagmar Manzel und Max Hopp, dem komödiantischen Traum-Paar des Abends. Daraus ergibt sich ein äußerst unterhaltsames Kostümierungs-Theater: Als was verkleidet kommt wieder, wer eben in der Tür verschwand? Ganz groß: Dagmar Manzel etwa in Frack und Zylinder als zauselbärtiger, berlinernder Alter, dem die Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen als habe er soeben noch einen Stromschlag abbekommen.

Oder Dagmar Manzel ebenfalls in Frack und Zylinder als Raoul Severac, der bucklig herumhüpfend offenbar gleich zwei Bilder parodieren soll: jenes des geifernden Juden, wie ihn die Nazi-Propaganda zeigte, und das des geifernden Nazi-Diktators selbst. Solch einen Scherz darf sich vielleicht nur ein jüdischstämmiger Regisseur erlauben. Barrie Kosky nutzt das genüsslich – und Dagmar Manzel bringt es so komplex auf die Bühne, dass man als Betrachter auch vom schlechtem Beigeschmack nicht verschont bleibt.

Weibliche Variante von Freuds Ödipus-Komplex

Der humoristische Reizpunkt wird durch diese Rollenspiele extrem hoch gesetzt. Fast zu gewöhnlich, um nicht zu sagen: langweilig kommt es einem dann vor, wenn Manzel schließlich in der angestammten Rolle aus der Tür kommt: als jener Operettenstar Manon Cavallini, um den sich in dieser Komödie über die Welt der Operette alle drehen.

Oscar Straus, der eigentlich Oscar Strauss mit zwei „S“ hieß, ein „S“ aber wegstrich um nicht ewig mit den Wiener Walzer-Sträussen verwechselt zu werden, mit denen er nicht verwandt war – Oscar Straus schrieb „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ 1932 für die Berliner Operetten-Diva Fritzi Massary – und für das Metropol Theater, dem Vorgänger der Komischen Oper. Es wurde ein Werk, in dem sich die Massary gleichsam selbst spielen konnte: als umschwärmte Diva Cavallini, in deren Garderobe hingerissene Herren zu Hauf ihre Billette abgeben.

In Straus’ Komödie kommt nun noch eine Tochter hinzu, die beim Vater aufgewachsen ist und deshalb ihre Mutter, die Cavallini, nicht kennt. Dass sie nun unbekannterweise in Konkurrenz zu ihrer Mutter um die gleichen Männer tritt, klingt nach einer weiblichen Variante auf Freuds Ödipus-Komplex, wird im Stück jedoch nicht weiter thematisiert. Es zählt das humoristische Moment der Unkenntnis und die emanzipatorische Botschaft, die beide Frauen in charmanten bis testosteronwilden Chansons ins Publikum schleudern. Es geht dabei – wie übrigens auch im „Ball im Savoy“– darum, für Frauen gleiche sexuelle Freiheit wie für Männer einzufordern. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“, lautet einer der Hits des Stückes.

Dass damit heute kaum mehr was zu holen ist, weiß man an der Komischen Oper. Weshalb das Stück also zum virtuosen Kammerstück zusammengefaltet wird und man sich darauf besinnt, die rasend schnelle Comedy des Werkes perfekt zu präsentieren. Natürlich ist es brillant, wie Max Hoppe in einer Szene gleich fünf Verehrer der Manon Cavallini spielt, dabei Schweizer, Franzosen, Russen und Amerikaner mit entsprechender deutscher Sprachfärbung imitierend.

Charmant, derb und urkomisch

Und wenn Dagmar Manzel mit vorzeigbarem Sächsisch, Wienerisch und Berlinerisch kontert, macht das die Beschwörung einer guten alten Zeit komplett, in der es noch die Schutzhütten des Provinziellen gab. Das ist vor allem nostalgisch, wie man sich überhaupt in einem Schwarz-Weiß-Film wähnt, der über Nacht Farbe angenommen hat. Das Orchester der Komischen Oper unter Adam Benzwi liefert dazu den mal lässigen mal schmissigen Soundtrack.

Das ist charmant, häufiger noch derb, oft urkomisch und mindestens ebenso oft hinreißend verrückt. Unterm Verrückten sollte man wohl auch verbuchen, wenn es dann doch blöd schadenfroh wird. Debil gelispelt und zahnlos gemümmelt wird hier nämlich recht oft und gegen Ende muss die völlige Verpeiltheit und Hilflosigkeit einer Figur auch noch mit zentimeterdicken Brillengläsern illustriert werden.

Jedoch es bleibt dabei: Hier wird glänzend gemachte Unterhaltung geliefert, wozu selbstverständlich gehört, dass man zum Nachdenken weniger angeregt als abgehalten wird. Als es vorbei ist, fühlt es sich denn auch ein bisschen an, als hätte jemand den Fernseher ausgemacht. Das einzige, was einem noch zusetzt, sind die Ohrwürmer von Oscar Straus.



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