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Kommentar zur Debatte um Flüchtlinge: Martin Walser hat noch Bock auf die Zukunft

Martin Walser hat sich zum Umgang mit Flüchtlingen im Magazin Focus geäußert.

Martin Walser hat sich zum Umgang mit Flüchtlingen im Magazin Focus geäußert.

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imago/Hoffmann

Nicht nur Kinder können bocklos sein. Bei Erwachsenen geht das auch. Sie dürfen sich nur nicht ganz so begründungslos verweigern. Sondern müssen ihren bastamentalen Schlussstrichfuror, ihre tiefsitzende, schwarzseherische, jammer- und nörgelgetriebene Unlust zu jedweder Differenzierung mit Plausibilität ausstatten. Einfach bocklos zu sein, ist und bleibt ein Privileg der Jugend.

Wir erwähnen das, weil der fernsehberühmte Philosoph Peter Sloterdijk nicht mehr der Jüngste ist und weil er zurzeit mal wieder besonders bocklos ist: „Mit dem Islam lässt sich keine authentische Zivilgesellschaft führen“, beschied uns der 68-Jährige unlängst im Magazin Cicero und meinte damit die jugendlichen muslimischen Militanten, die als Flüchtlinge jetzt auch nach Deutschland kommen. Deswegen könne, so Sloterdijk weiter, „die Politik der offenen Grenzen final nicht gut gehen“ – Europa benötige stattdessen wieder striktere Grenzregime, „schließlich gibt es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“.

Weltbewegend menschlich

Und weil der zürnende Philosoph schon einmal in Fahrt war, probierte er sich mit einer flotten AfD- und Pegida-Rabulistik gleich noch in forcierter Bocklosigkeit: Die Presse sei nicht bloß käuflich, sie lüge auch, „der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr“. Doch das reichte dem Wütenden immer noch nicht, weshalb er zum final-brutalen Schlag ausholte und die tiefe Komplizenschaft von Terror und Medien beschwor: „Terror ist ein Genre der medialen Entertainmentindustrie … Die Medienindustrie ist terror-affin, weil sie dem Primat der Sensation verpflichtet ist“. Mal ehrlich, von diesem Philosophen können AfDler und Pegidisten noch ordentlich was lernen.

Selbstverständlich sind wir ob dieser einigermaßen begründungsfreien, dafür umso mehr schäumenden, geradezu hooligenesken Wortbombastik tief beeindruckt, möchten allerdings anmerken, dass ihr präpotenter Überschwang beim zweiten und mehr noch beim dritten Lesen dann doch langweilt. Ganz anders, als beim Schriftsteller Martin Walser, der sich jetzt im Nachrichtenmagazin Focus ebenfalls zu unserem Umgang mit den Flüchtlingen äußerte: „In Deutschland wurde zum ersten Mal weltbewegend menschlich reagiert. In 20 Jahren wird es Romane und Gedichte dieser Menschen geben in einer deutschen Sprache, die es zuvor noch gar nicht geben konnte, und das wird ein Reichtum sein.“ Welch Neugier, welch Zartheit spricht hier zu uns! Walser hat noch richtig Bock, aufs Leben – auf die Zukunft.