E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Kommentar zur homophoben Rede in Dresden: Lewitscharoff leidet unter Selbstvergöttlichung

Unter Beschuss: Sibylle Lewitscharoff.

Unter Beschuss: Sibylle Lewitscharoff.

Foto:

dpa

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat eine Rede gehalten. Kinder, die aus künstlicher Befruchtung hervorgehen, entstünden auf „abartigen Wegen“, sie sei deshalb geneigt, diese als „Halbwesen“ anzusehen.

Das war vergangenen Sonntag. Zunächst reagierte kaum jemand, dann wurde allerorten Empörung annonciert. Die Rede ist empörend. Sie ist menschenverachtend und homophob, bedient faschistische Denkmuster und rollt Rassisten den Teppich aus. Es ist wichtig, das laut vernehmlich zu sagen. Aber mit moralischer Entrüstung allein ist hier kein Weiterkommen. Das bloße Moralisieren erweist sich als zahnloses Fauchen, es verpufft – bis zur nächsten Erregung über die Sarrazins und Lewitscharoffs in diesem Land.

Für ihre „Halbwesen“-Behauptung hat sich Lewitscharoff jetzt ja entschuldigt. Der Satz sei zu scharf ausgefallen: „Ich möchte ihn sehr gerne zurücknehmen, ich bitte darum“, sagte sie am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“. Aber das löst das Problem nicht. Denn in einem Interview mit der FAZ hat sie zugleich ausdrücklich betont, mit ihrer Rede verfechte sie ein „traditionelles Menschenbild, das stark aus dem Christentum kommt und das den Menschen in seiner ganzen Unbehüflichkeit annimmt“.

Genau hierin haben wir das Problem. Denn Lewitscharoffs Behauptung, sie stehe für ein stark christliches Menschenbild, ist schlicht Unsinn. Entweder absichtsvoll ahnungslos oder vom Fehlen jeglichen theologischen Sachverstands gekennzeichnet. Vermutlich eine ungute Mischung aus beidem.

Wenn Lewitscharoff sagen wollte, dass die menschliche Selbstermächtigung in Gott ihre Grenze findet, wenn sie also darauf hinweisen wollte, dass sich menschliches Maß in der Wissenschaft und auch sonst nur bewahren lässt, indem man einen Unterschied zwischen Mensch und Gott macht – dann trifft sie in der Tat einen zentralen Punkt, allerdings keinen christlichen allein. Die Fähigkeit zu solchen Differenzen ist allen ausformulierten Religionen und jedem gehaltvollen Aufklärungsdenken eigen, nur dass in letzterem nicht mehr von Gott, sondern von den endlichen Grenzen des Wissbarkeit die Rede ist.

Was den Mensch zum Menschen macht

Robert Spaemann hat in seinen „Meditationen eines Christen“, Abhandlungen zu den Psalmen 1 bis 51, kürzlich sehr prägnant geschrieben: „Unser Leben ist nicht in unserer Hand. Wir sind unserer selbst nicht mächtig, wenn wir nicht 'bewahrt werden.“ Er schreibt dies mit Blick auf den hebräischen Psalter 16. Christlich wird der darin ausgedrückte Gedanke, wenn das Paulus-Wort aus dem ersten Brief an die Korinther hinzugenommen wird: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber (wenn Gottes Vollkommenheit gekommen sein wird) von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Lewitscharoff tut dagegen so, als erkennte sie jetzt schon, als sähe sie „von Angesicht zu Angesicht“ Gottes Wille, als vermöge sie, was christlich gedacht einzig Gott vorbehalten ist, nämlich festzusetzen, was den Mensch zum Menschen macht. Die Versuchung, sich selbst auf Gottes Augenhöhe zu erheben, ist in der Geschichte keine Seltenheit – aber nichts ist weiter entfernt vom christlichen Evangelium als eben dies. Die kalte, herrische Sprache Lewitscharoffs ist deshalb kein Zufall – sie ist Ausdruck einer ganz und gar unchristlichen Selbstvergöttlichung, folglich fehlender Demut. Und Demut, so schreibt der flämische Theologe Arnold Geulincx 1665 in seiner „Ethik“, ist „nichts anderes als: nicht auf sich selber hören“, sondern eben: auf Gott.

Das ist ein Menschenbild, das stark aus dem Christentum kommt, nicht jenes, das Lewitscharoff predigt. Fehlt diese Art von Demut, fehlt auch, was Paulus die „tätige Liebe“ im Umgang mit anderen nennt. Und gerade weil sie bei Lewitscharoff fehlt, tut sie, was Fundamentalisten immer tun: Sie missbraucht die Religion für andere, eigene Zwecke. Sie reißt ein einzelnes Motiv aus ihrem Zusammenhang und verabsolutiert dieses. Die Folgen sind verheerend.