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Konflikt in der Ukraine: Kiew – das Neue Jerusalem

Kiewer Orthodoxe entzünden Kerzen an aus Jerusalem geliefertem Feuer.

Kiewer Orthodoxe entzünden Kerzen an aus Jerusalem geliefertem Feuer.

Foto:

AP/Sergei Chuzavkov

Als am 20. Februar 2014 die Situation auf dem Maidan in Kiew eskalierte und Schüsse durch die ukrainische Hauptstadt peitschten, wandte sich Metropolit Aleksandr (Drabinko) von der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats an die Gläubigen: „Heute erlebt die Ukraine ihr neues Golgota. Wofür, oh Gott, zerstörst Du von Neuem das ukrainische Jerusalem?“ Die pathetischen Worte des Kirchenführers galten Kiew und den blutigen Zusammenstößen auf seinen Straßen. Einen Monat später, zur Aufnahme der Autonomen Republik Krim in den Verband der Russischen Föderation, sprach Präsident Wladimir Putin ebenfalls von der ukrainischen Hauptstadt: „Wir sind nicht nur einfach nahe Nachbarn, wir sind faktisch ein Volk. Kiew, das ist die Mutter der russischen Städte. Die alte Kiewer Rus – das ist unser gemeinsamer Anfang, wir können überhaupt nicht ohne einander.“

Zwei identitätsstiftende Narrative

Kiew spielt für das Selbstverständnis der ukrainischen und russischen Nation eine wichtige Rolle. Für die einen gilt sie als „ukrainisches Jerusalem“, für die anderen als „Mutter der russischen Städte“. Bei beiden Bezeichnungen handelt es sich um unterschiedliche identitätsstiftende Narrative historischen Ursprungs, die Ukrainer und Russen zur ethnischen, politischen, konfessionellen und kulturellen Abgrenzung nach innen und nach außen nutzen. Im gegenwärtigen Informations- und Propagandakrieg um die Ukraine machen die Gegner auf je ihre Weise davon Gebrauch.

Städte sind oft nicht nur Siedlungszentren, sondern auch Bezugspunkte für geschichtliche Perspektiven. Es sind Erinnerungsorte, auf die sich ideelle oder gar realpolitische Ansprüche richten. So ist auch die Stadt Kiew in den jüngsten Auseinandersetzungen wieder zum Streitpunkt geworden. Es geht dabei um die Ideologisierung eines komplexen historischen Erbes.

Die Vorstellung von Kiew als „Neuem“ oder „Zweitem Jerusalem“, die zuletzt Metropolit Aleksandr bemühte, entstand in der Zeit des Kiewer Rus, eines frühmittelalterlichen Staatenverbands, mit Kiew als Zentrum, dem Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland. Die Idee des „Zweiten Jerusalem“ entstand in Anlehnung an Konstantinopel, das als eine „von Gott begnadete Stadt“ schon im 7. Jahrhundert mit der heiligen Stadt Jerusalem verglichen wurde. Politisch wie religiös aufgeladen, diente der Kiew-Mythos vom „Zweiten Jerusalem“ in seiner Entstehungszeit als ideologisches Fundament, um die Stadt als Herrschaftszentrum einer aufstrebenden Region zu etablieren.

Ab dem 14. Jahrhundert war Kiew Teil des Großreiches Polen-Litauen, 1654 fiel es im Zuge des ukrainisch-russischen Bündnisschlusses von Perejaslaw an Russland. Die Idee von Kiew als „Zweitem Jerusalem“ diente nun dazu, die orthodoxe Kirche zu stärken – nachdem Kiew im 16. Jahrhundert Schauplatz von konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Orthodoxen gewesen war. Gedruckte Bücher priesen die Stadt nun als geistliches Zentrum und beschrieben seine Klöster und Kirchen in eindringlichen Darstellungen, unter ihnen das berühmte Höhlenkloster aus dem 11. Jahrhundert.

Im 18. Jahrhundert sahen die russischen Zaren, die sich immer noch von den Kiewer Großfürsten herleiteten, die Stadt weiterhin als Wiege der nunmehr russischen Orthodoxie (deren Patriarch seit 1589 in Moskau saß), zugleich wollten sie Kiews Bedeutung als geistliches Zentrum des Imperiums herausstellen. Aus dem „Neuen Jerusalem“ wurde die „Mutter der russischen Städte“. Die Umformulierung sollte auch politische Kontinuität signalisieren: Das geschah in einer Zeit, als die Elite des Zarenreiches die Geschichte Kiews zum Bestandteil der großstaatlichen Erzählung des Russischen Reiches machte, das seinen Ursprung jetzt offiziell auf die Kiewer Rus zurückführte. In den Augen der Russen war die Ukraine eine Gegend mit skurriler Sprache und urtümlichen Bewohnern, sie wurde dennoch als Provinz des Reiches betrachtet.

Diese „russische Version“ von der Geschichte Kiews als Mutter aller russischen Städte blieb nicht unwidersprochen. Ukrainische Geistliche und Literaten traten ihr mit dem anderen Narrativ vom „ukrainischen Jerusalem“ entgegen, das die Ukraine als Nation mit eigenständiger Geschichte beschrieb – direkt hervorgegangen aus der mittelalterlichen Kiewer Rus, nicht aus dem russischen Reich. Für sie war die Kiewer Rus somit direkte Vorläuferin eines ukrainischen, nicht eines russischen Staates.

Konkurrenz der Versionen

Die eine Idee vom „Zweiten Jerusalem“ fand im Laufe der Jahrhunderte zwei Interpretationen: Die imperiozentrische und die ukrainozentrische Version standen in stummer Konkurrenz bis zur Oktoberrevolution 1917/18. Die Wirkungsgeschichte des ukrainozentrischen historischen Konstrukts setzte sich im 20. und 21. Jahrhundert fort. Nach 1991 wurde der Mythos Teil der Diskussion über das historische Gedächtnis Russlands und der Ukraine. In diesem Jahr kam es – in Folge der Perestroika und im Zuge der Auflösung der Sowjetunion – zur erneuten staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Ab diesem Zeitpunkt stritten russische und ukrainische Gelehrte, aber auch Journalisten, politische Parteien und Vertreter verschiedener Zweige der orthodoxen Kirche darüber, wer für sich reklamieren könne, dass seine Tradition in Kiew ihren Anfang nahm.

So sprach Präsident Putin in seiner Rede im März, in der es um den Anschluss der Krim ging, nicht zufällig von Kiew. Für ihn ist es die Hauptstadt des mittelalterlichen Großreichs, der Kiewer Rus, und somit wichtiger Teil der Geschichte Russlands. Viele ukrainische Bürger hingegen sehen Kiew als Symbol der Unabhängigkeit vom imperialen Moskau. Ein jahrhundertealter Mythos, die Vorstellung von Kiew als dem „Neuen Jerusalem“ (übrigens nicht dem „russischen Rom“, wie deutsche Medien verbreiteten), ist im gegenwärtigen Konflikt auf beiden Seiten zur rhetorischen Waffe geworden, um die je eigenen politischen und territorialen Ansprüche historisch zu untermauern.

Das trifft nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die kirchlichen Eliten zu. Seit 1991 spielt es in der Ukraine immer wieder eine Rolle, welcher Kirchenführer welchem Politiker seinen Segen gibt. Die politische Instrumentalisierung von Religion ist an der Tagesordnung – auch durch die Wiederholung der widerstreitenden Kiew-Narrative. Ein sakraler Mythos aus Geschichte und Erinnerung wird in einem säkularen Konflikt instrumentalisiert. Solange dies geschieht, ist kein Ende des Informations- und Propagandakonflikts um die Ukraine zu erwarten.

Die Autorin ist Historikerin am Exzellenz-cluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Sie untersucht die Kultur- und Religionsgeschichte Osteuropas, Erinnerungsorte in Ost- und Ostmitteleuropa.