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Konzert: Gemeinsam aufs Klo

Diddlmausballerina von HGich.T

Diddlmausballerina von HGich.T

Foto:

votos/Owsnitzki

Schon draußen vor Berlins größtem Event-Burger-Restaurant brüllen verkleidete Fans die Parolen ihrer Idole und rezitieren unisono den vollständigen Text des Youtube-Hits „Tutenchamun“. Sehr beeindruckend, sehr textsicher!

HGich.T aus Hamburg sind in der Stadt und spielen in der Diamond Lounge des White Trash. Damit haben sie sich für den perfekten Laden entschieden. Denn wie das Musik-, Video- und Performance-Kollektiv ist der Club mit seinem angeschlossenem Restaurant an der Schönhauser Allee auf alle möglichen Formen spaßbringender Geschmacklosigkeiten spezialisiert, die heute von uns allen mit dem Deichkind-Claim „Leider Geil“ begrüßt werden.

Wunderbar verstörend

HGich.T – was angeblich für „Hammer Geil ich Tattoo“ steht – wurden 1996 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg gegründet. Ihre Trash-Kunst darf man sich in etwa vorstellen wie einen Mix aus Scooter, Throbbing Gristle und Gottlieb Wendehals mit bipolarer Störung.

Vor allem der Sänger und Frontmann des Kollektivs, der sich Anna-Marie Kaiser nennt, macht dabei einen wunderbar verstörenden Eindruck. Er gibt den Neunmalklugen, narzisstisch gestörten Sprechsänger und wirkt dabei wie ein verschwitzter Staubsaugervertreter mit eigenartiger Sprachstörung. Er bewegt sich mit einem meterlangen Mikrofonkabel durch den Saal und sorgt wie ein wild gewordener Schwan am Badestrand für extremes Unbehagen im Publikum. Aber genau dieses Unbehagen und die offene Frage nach der geistigen Gesundheit des Performers machen den Reiz eines HGich.T-Konzerts aus. Die Tänzerinnen des Kollektivs begleiten die Ausflüge von Anne-Marie Kaiser und verteilen Küsschen und umarmen das Publikum.

Da in den Videos der Gruppe häufig Verkehrswarnwesten gezeigt werden, tragen an diesem Abend viele Fans auch eine solche: ein gemeinsamer Dresscode des zelebrierten Stumpfsinns. Immerhin braucht man sich keine Sorgen um ihre Gesundheit zu machen, wenn sie nach dem Konzert betrunken eine Straße überqueren müssen.

Straßenköterpunk trifft Nerd

Das Wort des Abends ist gleichsam auch der Titel des bislang größten HGich.T-Hits: „Hauptschuhle“ (nur echt mit dem zweiten ,h‘). Der ganze Saal schreit es lauthals mit und tobt! Wo man bei den Poppunkern von Die Ärzte noch zur „Rock & Roll Realschule“ ging, setzen HGich.T künstlerisch auf das Klischee des stumpfen Hauptschülers. Besser gesagt: auf den Hauptschüler in uns allen.

Nicht wenige Akademiker schließlich laufen nach zwei Schnäpsen genauso stumpf durch die Gegend wie Tresenfreunde ohne Bachelor. Und was sagt der Bildungsabschluss schon über den echten Charakter eines Menschen aus? Eben.

Im Publikum sehen viele wie Computernerds aus, die nachts beglückt durch die Youtubewelt surfen. Aber auch Straßenköterpunks mit Irokesenschnitt sind zu sehen, die vor der Bühne Pogo tanzen. Zwei sehr verschiedene Menschentypen! Doch im White Trash gehen sie auf das gleiche Klo. Und auf der Klotür steht in großen Neonbuchstaben HGich.T geschrieben.