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Konzert in der Philharmonie: Der Putin-Fan Valery Gergiev dirigierte die Berliner Philharmoniker

Der russische Dirigent Valery Gergiev bei der Arbeit

Der russische Dirigent Valery Gergiev bei der Arbeit

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imago/CTK Photo

War es wirklich der zwielichtige Popularitätsschub durch seine Äußerungen zum Ukraine-Konflikt, der dem Dirigenten Valery Gergiev am Donnerstag eine ungewöhnlich ausverkaufte Philharmonie einbrachte? Wie auch Anna Netrebko unterstützt Gergiev Putins Vorgehen in der Ukraine und auf der Krim; in München hat man vor einem Jahr darüber nachgedacht, ob der Künstlerische Leiter des St. Petersburger Mariinsky-Theaters mit solchen Ansichten sein Engagement als Chef der dortigen Philharmoniker antreten dürfe. Zuletzt war es in New York anlässlich des Auftritts Gergievs und Netrebkos an der Met zu Protesten gekommen. In der Berliner Philharmonie blieb es ruhig, abgesehen von den Erkältungsgeräuschen des Publikums und einem Mann, der von einem Helfer mit klirrendem Schlüsselbund im Andante von Beethovens Viertem Klavierkonzert aus dem Saal geführt wurde.

Es war eine durchaus eigenartige Beethoven-Interpretation. Das G-Dur-Konzert ist ein betont melodisches Werk im Vergleich zur Dramatik des dritten oder der repräsentativen Geste des fünften Konzerts – seltsam nur, dass Beethoven dieses Melos mit soviel eigentlich unmelodischen Tonwiederholungen realisiert.

Gergiev bietet da mit zitternder Taktstockhand eine einleuchtende Erklärung: Die Tonwiederholungen sind kein rhythmisches Pochen, sondern die auskomponierte Bebung eines langen Tons – schließlich gehen sie auch aus einem ausgehaltenen Ton hervor. Und so sucht Gergiev einerseits einen leicht verhangenen Orchesterklang mit weichgezeichneten rhythmischen Konturen, andererseits ist dieser Klang dennoch ausreichend gestaffelt, um die kontrapunktischen und harmonischen Feinheiten zur Geltung zu bringen.

Ohne gesangliches Spiel

Hélène Grimaud, sonst keine gerade empfindsame Anschlagskünstlerin, passt sich in dieses diskrete Konzept gut ein, auch wenn sie von gesanglichem Spiel nichts wissen will; was sie den schroffen Streichergesten des Andantes entgegenhält, bleibt abstrakt und unterhalb des expressiven Potenzials dieses ungeheuren Satzes.

In seiner ungewöhnlichen rhapsodischen Erzählform deutet dieses Andante, das man als kompositorische Reflexion von Orpheus’ Klagen an die Geister der Unterwelt gedeutet hat, schon auf die Sechste Symphonie von Sergej Prokofjew nach der Pause voraus. Die Fünfte hört man jährlich ein paar Mal von Berliner Orchestern, die Sechste fast nie. Hat Prokofjew in der Fünften einen melodischen Gegentyp zu Schostakowitschs rhythmisch-motivisch geprägter Symphonik entworfen, so beginnt er in der Sechsten, das Melodische zu brechen.

Das wichtigste thematische Gebilde des ersten Satzes ist zwar im ganzen Satz sehr präsent, aber in seiner luftigen Gestalt ist es zugleich instabil, es wirkt wie ein roter Faden in einer vor allem von klanglichen Entwicklungen bestimmten Struktur. Die jedoch bleiben im ersten Satz noch vorläufig – erst mit dem Einsatz des langsamen zweiten kulminieren dessen Spannungen, und Gergiev macht diesen Entwicklungszug deutlich, in dem er die drei Sätze des Werks eng aneinander schließt. Was in der Fünften aufgrund ihrer breit kreisenden Melodik ausgeschlossen ist, gelingt der Sechsten: Sie ist ein großer Prozess, der in den Katastrophen des eigentlich heiter motorischen Finales zu einem erschreckenden Ende führt.

Sie spielen in einen Nebel hinein

Gergiev steuert die Philharmoniker wohl sicher und ausdrucksstark durch die Partitur – man merkt allerdings auch, dass die zuletzt vor einem knappen Vierteljahrhundert auf einem philharmonischen Pult lag. Wissen die Musiker bei Beethoven in jedem Moment, welchen Weg die Musik nehmen wird, scheinen sie hier in einen Nebel hineinzuspielen. Auch für den Hörer ist es aufregend, was als nächstes passieren wird – aber zuweilen bleiben die Phrasen dabei seltsam unfertig und das Klangbild unzusammenhängend.



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