29.10.2011

Konzert: Mädchen ohne Uniform

Von Maike Schultz
Das Pop-Dou Boy sind der lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen.
Das Pop-Dou Boy sind der lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen.
Foto: Benedikt Schnermann (dpa)
Berlin –  

Ein Lächeln, das man hören kann: Boy begeisterten mit Spätsommerpop im Lido.

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt sie noch, die heile Welt im Pop. Zwischen der gewohnten Image-Maskerade und Abgeklärtheit blitzte da am Freitag im Kreuzberger Lido etwas auf, was man als Berliner Konzertbesucher ja  leicht vergessen kann: Ein Schimmer ehrlicher Unbedarftheit. Da standen die beiden Damen einer Band auf der Bühne, die bei ihrer Namenswahl offenbar nicht bedacht hatten, dass ihre Hörer sie später einmal googeln würden. Boy, alias Valeska Steiner aus Zürich und Sonja Glass aus Hamburg.

Schüchtern hinter Gitarre und Bass verschanzt, ein Hauch von Angstschweiß glänzte auf der Stirn – nur die Goldpailletten ihrer Oberteile glitzerten schöner, als sie den Abend mit dem melancholischen „Drive Darling“ eröffneten. Das erste Konzert in der Entstehungsstadt ihres Debütalbums „Mutual Friends“ fühle sich an wie ein Heimspiel, verkündete Steiner in zauberhaft kaschiertem Schwyzerdütsch – was gut tue, immerhin seien sie jetzt schon zwei Wochen auf Tour. Zwei Wochen! Bei so viel naiver Unschuld verwunderte es wenig, dass selbst erwachsene Frauen um die Dreißig plötzlich „Ihr seid so süß!“ gen Bühne brüllten. Erst recht, als Geburtstagskind Steiner (26) Tränen der Rührung über ihren Kuchen vergoss.

Ein ausverkauftes Konzert nach dem anderen

Dabei taten Boy ansonsten nichts anderes, als brav ihr zwölf Nummern englischsprachigen Folkpop umfassendes Repertoire herunterzuspielen, unterstützt von vier Musikern, ein paar Glühbirnen und einem überdimensionalen Ikea-Lampion, der wohl den Vollmond darstellen sollte - oder die Kaugummiblase, die  auf dem Plattencover den Mund von Sonja Glass ziert. Verträumt sitzen Boy da vor einem Sofa wie zwei Studentinnen auf einer schlechten Party, die darauf warten, dass endlich jemand anruft und sie abholt.

Ungefähr so könnte es gewesen sein, als die Schweizer Sängerin und die Ex-Goldjunge-Bassistin sich beim Hamburger Popkurs kennenlernten und 2008 das Duo Boy gründeten. Ihr Spätsommerhit „Little Numbers“, eine Nummer über das Warten auf einen heiß ersehnten Anruf, im zugehörigen Video ganz reizend in den blauen Himmel von Barcelona geschmachtet, brachte den Erfolg und einen Plattendeal bei Herbert Grönemeyers Grönland Records.

Boy sind der derzeit wohl schönste lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen. Ganz ohne Casting, nur durch Handwerk und gute Melodien zwischen Feist, Sophie Hunger und Phoenix, deren Drummer Thomas Hedlund einige Beats für „Mutual Friends“ beigesteuert hat. Mädchenpop über einsame Kellnerinnen („Waitress“) und fiese Schweizer („Boris“), auf den sich irgendwie alle einigen können. Radiosender-Redakteure wie laut mitsingende Studenten, Indie-Lesben oder die US-Touristen, die sich im ausverkauften Lido drängten und „That was so awesome!“ staunten.

So beeindruckt haben Boy, dass es auch für ihr Zusatzkonzert am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg keine Karten mehr gibt. Das war die schlechte Nachricht. Doch die Damen kommen wieder. Schon am 25. Februar spielen sie im größeren Postbahnhof – hoffentlich noch genauso unbedarft und erfrischend wie nach zwei Wochen.

 

Anzeige
Theatertreffen
Rezensionen-Spezial
Besuch bei Gunhild und Erhart. Ausschnitt aus dem gigantischen Bastelbühnenbild, das später mit diversen Körpersäften verunziert und zersägt wird.

Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.

Anzeige
Anzeige
Neueste Bildergalerien Kultur
Serie zur Gentrifizierung
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Galerie
Anzeige
Aktuelle Videos
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Magazin
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Meistgeklickte Artikel
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
17 Staus mit einer Gesamtlänge von 54km
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Freikarten für Berlin
Hol dir Freikarten zu Bühne, Klassik, Musik Film und mehr - deutschlandweit auf www.TwoTickets.de