blz_logo12,9

Konzertreihe in der Neuen Nationalgalerie: Kraftwerk enttäuschen in Berlin

Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie (06.01.2015).

Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie (06.01.2015).

Foto:

dpa

Berlin -

Am Anfang des Jahres wurde in Berlin erst einmal Abschied genommen. In einem einstmals für die bundesdeutsche Museumskultur wegweisenden, aber wegen innerer Verrottung soeben auf unbestimmte Zeit geschlossenen Museumsgebäude war ein Konzert einer einstmals für die bundesdeutsche Musikkultur wegweisenden Elektropopgruppe zu sehen.

Während in dem Museum allerdings bis zum Silvestertag, 18 Uhr, immer noch herausragende neue Kunstwerke ausgestellt wurden, hat die Elektropopgruppe schon seit vielen Jahrzehnten keine herausragende neue Musik mehr hervorgebracht. Sie konzentriert sich daher auf die unermüdliche Wiederaufführung alter Lieder in wechselnden Museen für ein Publikum, das sich für die Vergangenheit interessiert.

In der Neuen Nationalgalerie absolvierte also am Dienstagabend die Düsseldorfer Band Kraftwerk den ersten von insgesamt acht aufeinanderfolgenden Auftritten, bei denen – so zumindest das Versprechen – die acht von ihr zwischen 1974 und 2003 veröffentlichten Langspielalben in originalgetreuer Form in die Ausstellungshalle gebracht werden sollen, von der vierten Kraftwerk-Platte „Autobahn“ bis zu ihrem elften und bislang letzten Werk „Tour de France“. Ihre ersten drei Platten, „Kraftwerk“, „Kraftwerk 2“ und „Ralf und Florian“ finden Kraftwerk inzwischen doof, deswegen tun sie so, als ob es sie nie gegeben hätte.

Kraftwerk zum Kehraus

Die Neue Nationalgalerie, von 1961 bis 1968 unter Leitung von Mies van der Rohe erbaut, ist eines der Wahrzeichen der architektonischen Moderne. Auf einem mit Granit bekleideten Podest steht ein Pavillon mit gläsernen Wänden; das stählerne Dach schwebt nur von acht Stützen getragen darüber. Ein gewaltiger, gleichermaßen offener und kühler Bau, dessen seit zwei Jahrzehnten überfällige Grundsanierung so lange aufgeschoben wurde, dass er nun bis in die Betonfundamente hinein verrottet ist.

Viele der übergroßen Fensterscheiben sind geplatzt, Wind und Wetter haben den Stahl, den Granit und die Isolierungen zernagt, die Holzeinbauten, Ausstellungsräume, Toiletten und Büros sind verwohnt, Elektro-, Klimaanlagen und Feuersicherungen total veraltet. Mindestens fünf Jahre soll nun die Sanierung durch den Architekten David Chipperfield dauern.

Insofern passt die Neue Nationalgalerie perfekt zu der Gruppe, die zum Kehraus bestellt wurde: Auch sie befindet sich im Zustand einer konservierten modernden Modernität. Auch bei Kraftwerk, 1967 in Düsseldorf von Florian Schneider-Esleben und Eberhard Kranemann gegründet, handelt es sich um ein Wahrzeichen der popkulturellen Moderne; insbesondere mit ihren in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre veröffentlichten Alben „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“ und „Die Mensch-Maschine“ wurden sie zu stilprägenden Schöpfern einer kühlen, minimalistischen, von allen klassischen Rock-Instrumenten und Rock-Inszenierungen befreiten elektronischen Musik.

Seit 1981 keine Avantgarde mehr

Eine ganze Generation von Pop-Erneuerern nennt Kraftwerk als ihre Helden; von David Bowie über den HipHop-Pionier Afrika Bambaataa bis zu den DJs des Detroit Techno. Schon Anfang der Achtzigerjahre war die kreative Kraft von Kraftwerk allerdings erschlafft, das 1981er Album „Computerwelt“ war das letzte, das sich klanglich und lyrisch als avantgardistisch oder auch nur als up to date bezeichnen ließe.

Seit über einem Jahrzehnt haben sie überhaupt keine neue Musik mehr herausgebracht, von der „klassischen“ Besetzung der Band mit Schneider-Esleben, Wolfgang Flür, Karl Bartos und Ralf Hütter ist nur noch letzterer übrig. Unterstützt von drei Assistenten, tourt Hütter seit Jahren unermüdlich mit einem Greatest-Hits-Programm durch die Welt, seit 2012 auch in der Variante der jeweils acht Abende dauernden Album-Retrospektive. Ihre Premiere hatte sie im New Yorker Museum of Modern Art, in Deutschland wurde sie erstmals 2013 in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gezeigt.

Nun also in der Neuen Nationalgalerie, deren gläserne Fassaden nach vorn und hinten zu diesem Zweck blickdicht verhängt worden waren, was den modernistischen Reiz des Saals komplett ruinierte und damit auch jede denkbare Verbindung zwischen der Musik von Kraftwerk und dem Ort kappte, an dem sie aufgeführt wurde. Doch egal, immerhin hatten die Veranstalter das Gebäude nach dessen Schließung auf feuerpolizeilichen Wunsch mit einer brandneuen Entrauchungsanlage versehen und damit gezeigt: Wenn man will, kann man so etwas in fünf Tagen schaffen!

3D-Brillen an der Eingangstür

Rund 1700 Besucher tummelten sich in der Ausstellungshalle, kaum jemand war unter fünfzig. An der Eingangstür wurden 3D-Brillen ausgeteilt, pünktlich um acht Uhr begann das Konzert. Auf dem Programm stand „Autobahn“, jenes Album, mit dem Kraftwerk sich von ihren Krautrock-Ursprüngen emanzipierten und elektroakustische Klangexperimente allmählich in den Vordergrund rückten. Was allerdings nicht heißt, dass es auf „Autobahn“ nicht noch reichliche Soli auf Gitarre und Flöten zu hören gebe – jedenfalls im Original, denn gerade diese Passagen hatten Kraftwerk aus ihrer angeblich originalgetreuen Aufführung komplett getilgt.

Das eröffnende Titelstück, das auf der Platte mit knapp 25 Minuten die gesamte A-Seite füllt, war auf etwa die Hälfte gekürzt, von den Stücken der B-Seite wie etwa „Morgenspaziergang“ mit seinen possierlichen Klavier- und Blockflöteneinsätzen gab es zum Teil nur Fragmente zu hören. So begann man sich beim Zuhören schon nach einer Viertelstunde zu fragen: Warum lassen sich Kraftwerk überhaupt auf das museale Konzept einer Werk-Retrospektive ein, wenn sie das eigene Werk in seinem originalen, und das heißt ja: historisch gewachsenen Charakter in Wirklichkeit gar nicht interessiert?

Aufgenommen wurde „Autobahn“ 1974 im Studio des legendären Produzenten Conny Plank in Neunkirchen-Seelscheid; ein unermüdlicher, unerhört inspirierter Klangtüftler, der auch die ersten drei Alben (damals noch in Studios in Hamburg und Köln) produziert hatte und wesentlichen Anteil an der Transformation von Kraftwerk zur Elektropop-Gruppe besaß. Als diese vollzogen war, wurde Plank allerdings karg abgefunden, abserviert und aus den Annalen und Mitarbeiterlisten gestrichen; seither pflegt Ralf Hütter den Mythos, sämtliche Alben seien schon immer von Schneider-Esleben und ihm im bandeigenen Düsseldorfer Kling-Klang-Studio produziert worden.

Verleugnung der eigenen musikalischen Wurzeln

Dass die Neue Nationalgalerie diese eitle Geschichtsklitterei in ihrem Begleittext zur vermeintlichen Retrospektive unüberprüft übernimmt, zeugt nicht gerade von jener kulturhistorischen Genauigkeit, wie man sie von Museumsleuten gemeinhin erwartet. Andererseits ist es gerade diese Verleugnung der eigenen musikalischen Wurzeln, durch die Kraftwerk heute so tun können, als seien sie schon immer eine multimediales Gesamtkunstwerk gewesen – und nicht erst durch die nachträgliche Musealisierung dazu geworden.

Man könnte also sagen, dass über dem ganzen Abend der Schatten einer fundamentalen Unehrlichkeit hing; und das nicht nur, weil die angebliche Albumretrospektive nach einer halben Stunde in einen konventionellen Greatest-Hits-Teil überging. Dieser reichte dann von „Radio-Aktivität“ – vom einstmals futuristisch-euphorischen Lob der Radioaktivität zu einer Warnung vor deren Gefahren umgeschrieben – über „Das Model“ und „Mensch-Maschine“ bis zu „Computerwelt“ und „Computerliebe“ in einer seltsam drucklosen Dancefloor-Version. Am Ende des Hauptteils stand „Tour de France“ in einem schiebenden Techno-Mix; in der ersten Zugabe schickten Kraftwerk ihre bekannten Roboterpuppen für das Stück „Wir sind die Roboter“ auf die Bühne; am Schluss stand wie üblich „Musique Non-Stop“.

Obwohl die Akustik in der Ausstellungshalle nicht schlecht war, wirkten doch gerade jene Stücke, in denen Kraftwerk ihr Klangbild zu modernisieren versuchten, auf sonderbare Weise weit antiquierter als jene, die näher am Original aufgeführt wurden. An diesem insgesamt matten Gesamteindruck änderten auch die 3D-Projektionen – weit ins Publikum ragende Kühlerhauben oder über den Köpfen schwirrende Datensätze – nichts.

Die Dialektik aus Futurismus und Nostalgie, die Kraftwerk noch lange nach dem Ende ihrer schöpferischen Werkphase zu inszenieren verstanden, wirkt inzwischen ihrerseits überholt und nostalgisch. Vielleicht bräuchte dieses einstmals so große Projekt ein paar Jahre der Einkehr und Schließung, um dann grundsaniert und zeitgemäß in die Welt der Zukunft zurückkehren zu können.