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Konzerttickets: 40 Euro fürs Ticket, vier für die Künstler

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Bei Konzerttickets sind hanebüchene Aufschläge keine Ausnahme, sondern die Regel in einem umkämpften Markt. Wie Monopolisten Konzertbesucher abzocken und mit zusätzlichen Gebühren die Ticket-Preise in die Höhe treiben.

Eine Konzertkarte hat zwei Preise. Den einen vereinbart der Künstler mit dem örtlichen Konzertveranstalter, den anderen zahlt der Besucher an der Kasse. Zwischen beiden Preisen klafft eine gewaltige Lücke, denn auf die eigentlichen Ticketpreise werden heutzutage etliche Zusatzgebühren erhoben. Diese Gebühren kommen in aller Regel weder bei den Künstlern noch bei den Veranstaltern an, sondern sie bleiben in der Kasse der Ticketverkäufer. In den USA kostete ein 20-Dollar-Ticket für ein Lady Gaga-Konzert am Ende 49,75 Dollar, also 150 Prozent mehr. Derart hanebüchene Aufschläge sind keine Ausnahme, sondern die Regel in einem umkämpften Markt.

Gern wird behauptet, Künstler seien so gierig und würden mit ihren hohen Gagenforderungen die hohen Ticketpreise verursachen. Das stimmt nur zum Teil. Wesentlicher für den Anstieg der Ticketpreise sind längst die Monopolstrukturen des Konzertgeschäfts – wenn landesweit fast alle Spielstätten und Konzertveranstalter nur noch wenigen Quasi-Monopolisten gehören, wenn nur ein oder zwei Ticketfirmen die Preise für die Konzertkarten diktieren, steigt unweigerlich der Preis für alle Leistungen, auch der für das Ticket.

Monopolstrukturen und überteuerte Preise gibt es nicht nur in den USA, wo das weltgrößte Ticketing-Unternehmen Ticketmaster mit dem weltgrößten Konzertveranstalter Live Nation fusionierte, und zwar nicht unbedingt zum Vorteil der Verbraucher. In Deutschland ist der börsennotierte Konzern CTS Eventim AG der Marktführer in der Rolle eines Quasi-Monopolisten. Weltweit liegt er hinter Live Nation und AEG auf Platz drei unter den Konzertveranstaltern und auf Platz zwei unter den Ticketing-Unternehmen (hinter Ticketmaster). Zuletzt hat sich CTS Eventim Ticket Online einverleibt, die Nummer Zwei im deutschen Ticketmarkt, dazu den Schweizer Marktführer Ticketcorner. Beide Firmen waren früher direkte Konkurrenten.

Es geht um Millionen

Es geht also um Millionengeschäfte. Im letzten Jahr hat CTS Eventim in Europa mehr als 100 Millionen Tickets verkauft, davon 19,2 Millionen im Internet, mit stark steigender Tendenz. Das ist ein Oligopol – hohe Nachfrage, wenige Anbieter – im Pop- und Rock-Bereich, damit kann die Firma Vorverkaufs- und Ticketgebühren diktieren. Und der Ticketverkauf im Internet ist besonders lukrativ: Erstens geht die Vorverkaufsgebühr von üblicherweise zehn Prozent komplett an den Ticketanbieter und muss nicht mit Vorverkaufsstellen geteilt werden.

Zweitens sind die Kosten deutlich niedriger. Drittens erheben die meisten Ticketanbieter sogar eine zusätzliche Internetgebühr, die bei CTS „Ticketdirect“ heißt und hier in der Regel 2,50 Euro beträgt. Der Kunde ist also der Dumme, er muss sogar dafür zahlen, dass er sich sein Ticket selbst zu Hause ausdruckt, seinen eigenen Drucker und seine eigene Tinte verwendet. Ein echtes Bubenstück!

Und CTS Eventim verdiente 2011 bei 19,2 Millionen Tickets allein mit der Internetgebühr 48 Millionen Euro. Für Nichts. Im Amerikanischen gibt es den treffenden Begriff dafür: „to scalp the fans“ – die Konzertbesucher werden skalpiert.
Und wohl gemerkt: All dies geschieht ohne jedes unternehmerische Risiko, denn die Ticketverkäufer verstehen sich nur als Makler, die einen Kaufvertrag zwischen Konzertveranstaltern und Ticketkäufern vermitteln.

Das Risiko trägt alleine der Konzertveranstalter. Kein Wunder, dass CTS Eventim trotz sinkender Ticketverkäufe und sinkender Einnahmen aus dem Konzertgeschäft zuletzt den Gewinn vor Steuern deutlich steigern konnte – die Profitmargen beim Ticketverkauf sind eben überaus groß.

Doch wieviel vom Ticketpreis erhalten die Konzert- und Tourneeveranstalter und wieviel die Künstler? Darüber gibt es praktisch keine öffentlichen Aussagen, was nicht nur mit der Omerta-haften Verschwiegenheit der Live-Industrie zu tun hat. Anders als etwa bei einer CD sind beim Konzert einfach zu viele Variablen im Spiel. Wie teuer sind die Konzertsäle, Clubs und Hallen? Wie teuer ist eine Produktion, wie viele Musiker stehen auf der Bühne, gibt es eine aufwendige Lichtshow oder Videoeinspielungen, wie viel Personal vom Tourleiter, Ton- und Lichtingenieur bis hin zu Aufbauhelfern und Security wird benötigt? Und dann die wichtigste Variable: Wie viele Tickets werden für ein Konzert verkauft? Bei halb leeren Sälen passiert es schnell, dass nicht mal die Kosten eingespielt werden. ]

So viel bleibt am Ende übrig

Um mal eine allgemeine Vorstellung zu geben, wie sich die Kosten verteilen, hier ein Beispiel. Eine Band tritt in einem ausverkauften Berliner Club vor 1500 Leuten auf. Gehen wir davon aus, dass die zwischen Tournee- und Konzertveranstalter vereinbarten Ticketpreise für das Gastspiel 28 Euro betragen. Davon gehen Mehrwertsteuer und Gema-Gebühren ab – letztere übrigens haben sich für Konzertveranstalter seit 2009 um mehrere 100 Prozent erhöht. Es verbleiben ca. 25 Euro netto. Vereinfacht kann man sagen, dass die örtlichen und die Tour-Veranstalter etwa mit je der Hälfte der Konzerteinnahmen ihre jeweiligen Kosten decken.

In diesem Beispiel betragen die örtlichen Produktionskosten gut 10 Euro pro Ticket. Die Tourneekosten (Busmiete und Transporte, Backline, Flüge, Werbung, Personalkosten, Musikerhonorare) schlagen mit vielleicht 6,50 Euro zu Buche. Von der Gage gehen 15,83 Prozent Ausländersteuer und 3,9 Prozent Künstlersozialkasse ab; insgesamt beträgt der Staats-Anteil an einem 28-Euro-Ticket mehr als 4 Euro.

Für die eigentlichen „Macher“ des Konzerts, also Künstler, Tournee- und örtliche Veranstalter, bleiben vergleichsweise niedrige Anteile übrig: Die Künstler werden nach Abzug der Kosten und Steuern zwischen 3 und 5,50 Euro pro Ticket verdienen, Tournee- und örtlicher Veranstalter vielleicht jeweils 1,50 bis 2,50 Euro, wovon wiederum Bürokosten und Steuern zu bestreiten sind.

Wohlgemerkt: Das alles gilt für ein ausverkauftes Konzert. Jede nicht verkaufte Karte verschlechtert die Ertragslage der Tournee- und Konzertveranstalter, denn die Künstler erhalten meist eine Festgage plus Gewinnanteil. Viele kleinere Clubkonzerte werden längst so kalkuliert, dass Bands wie Veranstalter froh sind, wenn das Ganze plusminus Null ausgeht, in der Regel verlieren bei kleinen Konzerten alle Beteiligten, hier geht es nur um den Aufbau von Künstlern, um eine Investition in die Zukunft.

Wir halten fest: Von einem 28 Euro teuren Ticket verbleiben bei einem ausverkauften Konzert einer erfolgreichen Band in der Regel etwa 4 Euro beim Künstler, ungefähr soviel, wie der Staat durch seine Abgaben am Konzert einnimmt. Die Tournee- und Konzertveranstalter, die sich das Risiko eines solchen Konzerts teilen und die meiste Arbeit leisten, verdienen noch weniger. Wenn Sie aber eine Karte für dieses Beispielkonzert kaufen wollen, bekommen Sie das Ticket nicht für 28 Euro, sondern zahlen mindestens 32,20 Euro, oft jedoch bis zu 40,35 Euro. Hier kommen wieder die Tickethändler ins Spiel.

10 bis 15 Prozent beträgt die übliche Vorverkaufsgebühr: 10 Prozent erhält in der Regel die Vorverkaufsstelle, die wegen des Internet-Ticketings eine aussterbende Gattung ist. Mit 5 Prozent finanzieren die Konzertveranstalter einen Teil ihrer Werbung. So entsteht der günstigste Ticketpreis von 32,20, den Sie in Berlin nur in der Verkaufsstelle des örtlichen Veranstalters erzielen. Kaufen Sie aber Ihr Ticket bei einer Ticketingfirma, verlangt sie eine Gebühr von 1 bzw. 1,25 Euro, der Preis jetzt: 33,20. Beziehen Sie Ihr Ticket auf dem Portal des Tourveranstalters, und drucken es selbst aus, sollte es dabei bleiben. Der Tickethändler hat keine weiteren Kosten, kann sich 10 Prozent Vorverkaufsgebühr und seine Ticketgebühr einstecken.

Jetzt geht's um ihren Skalp

Soweit so gut. Jetzt beginnt die Geschäftemacherei, jetzt geht es um Ihren Skalp! Kaufen Sie Ihr Ticket beim größten deutschen Tickethändler, also bei Eventim, dann kostet Sie das nicht nur eine separate „Buchungsgebühr in Höhe von maximal 2 Euro“, sondern für das Selbstausdrucken noch mal 2,50 „Ticketdirect“-Gebühr.

Kommt das Ticket mit der Post, verlangen die Ticketfirmen fast immer 4,90 Euro. Das im Internet gekaufte und per Post zugesandte Ticket kostet dann bei Eventim 40,35 Euro, 12 Euro mehr! Das sind 44 Prozent Zusatzgebühren. Wohl gemerkt bei einer Band und einem Tourveranstalter, die sich für günstige Tickets von 28 Euro entschieden haben. Während die Künstler 4 Euro pro Ticket erhalten, gönnt sich CTS Eventim deutlich mehr, ohne an irgendeiner Stelle am Risiko beteiligt zu sein.

Das Kernproblem sind die Oligopole und faktischen Monopole, die sich in der Live-Branche seit 1996 entwickelt haben. CTS Eventim baut mit Verve seine dominante Marktposition aus. So wird derzeit die Übernahme der Betreibergesellschaft der Lanxess-Arena durch CTS Eventim kartellrechtlich geprüft.

So oder so, man kann den Fans nur raten: Augen auf beim Ticketkauf! Seien Sie selbstbewusste Verbraucher und zahlen Sie keine überteuerten Preise für Ihr Ticket. Denn erst die Ohnmacht der Ticketkäufer und der Konzertveranstalter ist die Macht der Ticketverkäufer.

Berichtigung: Anders als in dem Text zuvor berichtet, hat der Ticketing-Konzern CTS Eventim die Firma Köln Ticket nicht gekauft. Darauf verweist der Geschäftsführer von Köln Ticket. Die Übernahme der Betreibergesellschaft der Lanxess-Arena durch CTS Eventim befinde sich noch in der kartellrechtlichen Prüfung. (FR, 06.12.12)

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