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Krachkunst- und Pop-Avantgarde: Nihilistischer Lärm in entspannter Atmosphäre

Taylor Deupree (rechts) und Jerome Faria knirpsen und knurpseln mit ihren Laptops beim Eröffnungskonzert des Madeira Dig Festivals.

Taylor Deupree (rechts) und Jerome Faria knirpsen und knurpseln mit ihren Laptops beim Eröffnungskonzert des Madeira Dig Festivals.

Foto:

WYNDHAM WALLACE

Funchal -

Irgendwann stehen wir dann in der warmen Winternacht unter dem afrikanischen Sternenhimmel, auf einer dramatisch sich über das glitzernde Meer hinwegreckenden Schieferfelsklippe, und hören dem Berliner Elektroproduzenten Schneider TM dabei zu, wie er auf einer elektrisch verstärkten Gitarre immer lautere und schrillere Rückkopplungen erzeugt und diese dann kunstvoll miteinander zu lange stehenden Tönen und zitternden Schleifen verflicht. Dazu wirbelt mit wehendem Gewand eine japanische Tänzerin über die Bühne, während die vom Berliner Sonarkollektiv bekannte Neosoulsängerin Clara Hill die schroffen Geräusche von Schneider TM mit lieblichen Gesangsimprovisationen schmückt. Ich möchte fast sagen: ein perfekter Moment! Und über allem lächelt noch mild der Atlantik-Mond. Etwas früher am Abend konnte man schon den New Yorker Laptop-Elektroniker Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never mit einer seiner charismatischen Retro-Krach-Collagen erleben; das norwegische Duo Deaf Center verband minimalistische Klavierimprovisationen mit einer atonal gespielten Gitarre.

Abstrakte Elektronik ohne Melodien und Beats, experimentelle Geräuschcollagen mit leiernden Loops und freundlichem Vogelgezwitscher, aber auch menschenverachtender, nihilistischer Lärm in ungewöhnlich entspannter Atmosphäre: das und noch mehr konnte man am Wochenende auf Madeira erleben, der beliebten Bananen- und Blumeninsel im Atlantischen Ozean, etwa auf der Höhe des südlichen Marokko gelegen und mithin auch in diesem eher garstigen Monat mit behaglichen Temperaturen gesegnet.

An jedem ersten Wochenende im Dezember findet hier das „Madeira Digital Festival“ statt; vier Abende lang wird dem geneigten Hörer dabei ein Überblick über die aktuelle Avantgarde- und Noise-Pop-Szene gegeben. Wesentlich gefördert wird das Festival von den Betreibern des Hotels Estalagem, eines spektakulär auf einem Felsen über dem Dorf Ponta do Sol thronenden Terrassenbaus. Hier wohnen die Künstler und große Teile des vom Festland eingeflogenen Festivalpublikums, dort finden auch die After-Show-Partys statt. Die Konzerte werden hingegen im Nachbardorf Calheta abgehalten, im Casa das Mudas, einem geometrisch geduckten, aus Basalt und Beton gebauten neomodernistischen Kultur- und Veranstaltungszentrum.

Liebenswert verspielter Industrial-Dada

Hier konnte man im Verlauf der vier Tage zum Beispiel den Gitarristen Lee Ranaldo bei einem seiner ersten Solokonzerte nach dem Ende von Sonic Youth sehen. Im Duett mit seinem portugiesischen Partner Manuel Mota spielte Ranaldo sich durch sein über drei Jahrzehnte gewachsenes Repertoire aus musikalischen Techniken und Gesten; ein zauberhafter, kontemplativer, aber auch ziemlich melancholischer Moment: Selbst im Wimmern der Feedbacks meinte man noch den Schmerz um die verflossene Gruppe zu hören. Es gab aber auch liebenswert verspielten Industrial-Dada von dem japanischen Künstler Aki Onda zu hören, der sein Konzert mit leiernden Walkman-Geräten bestritt, die er mit einem tragbaren Verstärker in der Größe einer Damenhandtasche feedbacken ließ; am Ende des Auftritts hüpfte er samuraigleich auf den Stuhllehnen über die Köpfe des Publikums hinweg durch den Raum.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Sakralmusik des kanadischen Produzenten Tim Hecker, der bei seinem weitgehend im Dunkeln absolvierten Konzert in einer Kanzel aus elektronischen Geräten stand und das Publikum eine Dreiviertelstunde lang mit einer Kakophonie aus Kirchenorgelbässen betäubte (im Februar wird er beim Club Transmediale in der Passionskirche zu sehen sein).

Das Publikum der Konzerte bestand etwa zur Hälfte aus einheimischen Krachinteressierten; die andere Hälfte war aus Deutschland hinzugeflogen gekommen: Musiker, Journalisten, Labelmanager und Clubbetreiber, eingeladen von dem Berliner Impresario Michael Rosen, der seit 2008 für das Programm des Festivals zuständig ist. Zuhause organisiert er zum Beispiel die regelmäßigen „Digital in Berlin“-Konzerte im Kiss Kiss Ballroom in der Wolliner Straße. Deren Mischung aus Pop, improvisierter Musik und elektroakustischer Avantgarde ist auch für das Madeira-Dig-Festival prägend geworden, seit Rosen dort die Regie übernommen hat. Anders als in Berlin, kann man sich hier allerdings von komplizierten Kompositionen und Krachexzessen sogleich bei einer indischen Kopfmassage entspannen oder im Whirlpool mit Blick auf das Meer.

Wellness und Noise waren hier also kein Widerspruch mehr – und auch die abendlichen ästhetischen Exzesse befanden sich im interessantesten Einklang mit den regulierten Tagesabläufen. Nachmittags lagen die Gitarrendronemeister und Laptopnoisekünstler und ihre Verehrer gemeinsam am Swimming Pool, abends wurden alle pünktlich um neun in Shuttlebussen zum Konzertsaal gefahren und pünktlich zehn Minuten nach dem Ende des letzten Konzerts wieder zurück. Wer trödelte, hatte Pech und musste sehen, wie er alleine nach Hause kam. Am zweiten Festivaltag war für die gesamte Gemeinde ein „leichter Spaziergang durchs Gebirge“ organisiert, der sich dann allerdings als vierstündiges Extremgekraxel auf vermoosten Felsbrocken entpuppte. So viele fluchende Feedbackkünstler auf einem Haufen hat die Welt noch nicht gesehen.

Auch das freundliche Ehepaar am Frühstückstisch nebenan – sie mit Hornbrille und puritanischem Dutt, er mit gewaltigem Rauschebart, beiderseits höflich zurückhaltende Menschen – entpuppte sich auf der Bühne am letzten Abend als konzentriert ohrenquälendes Drone-Duo; mit Gitarre und Bass, einem prähistorischen Schlagzeugcomputer und einer Vielzahl von Effektgeräten erzeugten die beiden unter dem Namen Nadja gewaltig-kontemplativen Lärm. Noch lauter und nervenzerfetzender waren nur die zum Abschluss auftretenden KTL, ein Duo aus dem Wiener Elektroniker Peter Rehberg und dem SunnO)))-Gitarristen Stephen O’Malley. Mit finsterer Miene wälzten die beiden schwerste Schieferfelsbässe ins Publikum und ließen scharf splittrige Feedbacks wie Schrapnelle durch die Luft pfeifen.

Wer danach mit dröhnendem Schädel und sausenden Ohren wieder zurück in die Nacht wanken durfte, dem schienen der Vollmond über Madeira und die glitzernden Sterne und das weit unten sacht schwappende Meer so schön und so fremd wie noch nie.