20.12.2011

Kudammtheater: Die Droge der Erniedrigung

Von Christian Rakow
        

Glänzend: Peter René Lüdicke und Katja Riemann.
Glänzend: Peter René Lüdicke und Katja Riemann.
Foto: Britta Pedersen
Berlin –  

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ mit Katja Riemann im Theater am Kurfürstendamm

Eine Wahnsinnsleistung“, sagt meine Sitznachbarin noch in den tosenden Schlussapplaus hinein. Auch wenn man seine Pointen nicht schon im zweiten Satz ausschenken sollte: Es war so! Wer derzeit in Berlin Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ inszeniert, stellt sich hohen Ansprüchen. Gerade lief noch am Deutschen Theater Jürgen Goschs finstere Ausdeutung dieser wohl berühmtesten aller Eheschlachten, mit den beiden Eskalationsvirtuosen Ulrich Matthes und Corinna Harfouch und den feinnervigen Jungen, Alexander Khuon und Katharina Schmalenberg. Die Inszenierung von 2004 wurde ein Bühnenklassiker.

Man hätte nicht unbedingt erwarten dürfen, dass im Theater am Kurfürstendamm die hohe Messlatte auch nur annähernd in Sichtweite kommt. Das Haus punktet gemeinhin mit honorigen Stars aus Film und Fernsehen, die ihrem Publikum bevorzugt süffige Stoffe kredenzen. Ästhetisch erschüttert wird man eher nicht. Mit Amina Gusners kühler Ausleuchtung der „Virginia Woolf“ ist das nun anders, ohne dass das Kudammtheater dabei seine Identität verleugnen müsste.

Katja Riemann ist das namhafte Zugpferd. Aber sie ist auch eine ungemein wache, reiche, elegant psychologisierende Bühnenschauspielerin. Selbstverliebt tänzelt sie als Martha umher und demütigt ihren Gatten eher schnippisch als vordergründig boshaft – ein blondes Gift mit Nebenwirkungen. Und George? Wie eine Droge saugt er die Erniedrigungen auf, witzelt sie durch, gibt sie in doppelter Dosis zurück.

Dieser George ist kein geringerer als Peter René Lüdicke, ehemals im Ensemble der Volksbühne, jetzt am Centraltheater Leipzig, ein Theatervollblut mit eingeborenem Stehaufmännchen-Naturell. Man findet in Deutschland derzeit kaum einen Schauspieler, der so tiefe Abgründe auftut, wenn er scheinbar nur unbeschwert herumspaßt. Ein „Popel-Problem“ unterschiebt er juxend den mitternächtlichen Partygästen Nick und Honey und bringt damit ganze Biografien zum Einstürzen.

Gusner zögert den Moment hinaus, bis die Figuren sich in den Würgegriff ihrer Eitelkeiten und Lebenslügen nehmen. Die erste Hälfte des zweieinhalbstündigen Abends hebt in einem Wartesaal-Ambiente artifiziell an. Wie freie Radikale rauschen die Spieler auf einer Drehbühne aufeinander zu. Gelegentlich treten sie wie auf einem Laufsteg zu einer Formation zusammen und kokettieren mit dem Showeffekt, der diesen Lebensdeutungskämpfen gewiss auch anhaftet.

Der anheizende Alkohol fließt eher in Maßen. Riemann und Lüdicke destillieren lieber genüsslich Witz aus der Albee’schen Pointenwucht. Den Partygästen bleibt eine zwar nicht farblose, wohl aber freudlose Zuschauerrolle: Anne Haug legt die notorisch trübe Honey (George: „Sie ist so eine Art Doofie“) recht robust an. Ihr junger Gatte Nick kommt bei Karim Cherif als Mischung aus Haarpflegemodel und Fliegenwichtboxer daher und versucht sich biegsam unter den Giftpfeilen der Ehekrieger George und Martha wegzuducken.

Die zweite, längere Hälfte wird markerschütternd. Nebelschwaden ziehen auf. Als stünde Jean-Paul Sartres Diktum „Die Hölle, das sind die Anderen“ über der Szene, so werden die Geschichten nun existenzieller, todestrunkener. Der läuternde Humor ist fort. George droht über dem Seitensprung von Martha mit Nick zu zerbrechen. Einmal greift er noch in seinen imaginären Köcher und zielt Martha direkt auf die Stirn: Ihr Glaube an den gemeinsamen Sohn, das Bindemittel ihrer Ehe, wird zerstäubt und Martha kollabiert. Schnitt, Dunkel. Beim Schlussapplaus zittert Katja Riemann noch und ihre Augen sind tränengeflutet. Es braucht etwas Zeit, bis die sich in echte Glückstränen verwandeln.

Theater am Kurfürstendamm am 20., 21., 26.-31.12. Karten-Tel.: 88 59 11 88

Anzeige
Theatertreffen
Rezensionen-Spezial
Besuch bei Gunhild und Erhart. Ausschnitt aus dem gigantischen Bastelbühnenbild, das später mit diversen Körpersäften verunziert und zersägt wird.

Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.

Anzeige
Anzeige
Neueste Bildergalerien Kultur
Serie zur Gentrifizierung
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Galerie
Anzeige
Aktuelle Videos
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Magazin
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Meistgeklickte Artikel
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
17 Staus mit einer Gesamtlänge von 54km
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Freikarten für Berlin
Hol dir Freikarten zu Bühne, Klassik, Musik Film und mehr - deutschlandweit auf www.TwoTickets.de