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Berliner Zeitung | Künstlersozialkasse: Verrat am Steuerzahler
22. April 2013
http://www.berliner-zeitung.de/6595464
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Künstlersozialkasse: Verrat am Steuerzahler

Erst die Formulare, dann die Rente.

Erst die Formulare, dann die Rente.

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dapd

Würden die Arbeitsstunden, die in den Rentenantrag meines Mannes flossen, in Geld umgerechnet, käme ein stattliches Monatsgehalt zusammen für verzweifeltes Wühlen in Unterlagen und Herbeischaffen von Papieren aus Behörden. Seit Jahren sind nun alle Fragen geklärt, etliche Kontenklärungsbescheide eingetroffen, da schreibt die Rentenkasse soeben, dass sie alles noch einmal braucht. Anbei die Formulare: 80 Seiten.

Ich erzähle das, weil die Deutsche Rentenversicherung, fraglos einer der schlimmsten Bürokratieverursacher der Welt, für bürokratische Arbeit selbst horrende Summen aufruft: 50 Millionen Euro jährlich will sie dafür haben, dass sie prüft, ob Unternehmen ihre Abgaben für die Künstlersozialkasse zahlen. 50 Millionen, um den Eingang von 270 Millionen Euro zu kontrollieren! Dabei werden nicht extra Prüftrupps losgeschickt, nein. Die KSK-Abgaben sollen nur vierjährlich regulär mit den anderen Unternehmensabgaben geprüft werden.

Künstlerkasse in Gefahr?

Die Künstlersozialkasse sorgt dafür, dass Staat und Unternehmer je zur Hälfte die Kranken- und Rentenversicherung von Künstlern übernehmen, wie es sonst nur Betriebe für Angestellte tun. Für Unternehmen geht es um gerade 4,1 Prozent, die sie für Leistungen von Künstlern abführen, insgesamt eben 270 Millionen. Natürlich entziehen sich Unternehmen solchen Zahlungen gern. Deshalb will die Bundesregierung die Abgaben zyklisch prüfen lassen und nicht nur stichprobenartig. Aber die Rentenkasse ruft Horrorzahlen auf, rechnet den Aufwand auf 50 Millionen Euro hoch, behauptet, dafür 580 Leute zusätzlich zu brauchen. Die Künstlersozialkasse und der Deutsche Kulturrat bezweifeln die Hochrechnungen energisch. Der Bund der Steuerzahler aber fordert daraufhin gleich die völlige Abschaffung der KSK-Abgabe. Erste Stimmen lassen sich vernehmen, die die Künstlerkasse in Gefahr vermuten.

Ist sie nicht. Sie ist eine Pflichtversicherung, die auch die Rentenversicherung speist. Deshalb ist es nur recht und billig, wenn diese nachschaut, ob das Geld auch ankommt. Denn die Künstlerkasse ist eine segensreiche Einrichtung, die der Mehrzahl der Künstler täglich ihre Existenz sichert. Sie gehört nach allen Regeln der Kunst geschützt und nicht durch falsche Slogans gefährdet. Der Bund der Steuerzahler behauptet sogar, die Ausgaben-Bürokratie übersteige die Einnahmen. Er schlägt vor, den Unternehmer-Anteil zu streichen und den des Staates zu verdoppeln. Noch mal zum Mitschreiben: Der Interessenverband der Steuerzahler will die Last des Steuerzahlers verdoppeln, um die Unternehmer zu entlasten. Mehr Verrat an der eigenen Klientel geht nicht.