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Kulturelle Bildung: Der Eigensinn der Künste

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Kinder in der Münchener Alten Pinakothek. Es passiert oft, dass Kunst Kindern neue Welten erschließt.
Kinder in der Münchener Alten Pinakothek. Es passiert oft, dass Kunst Kindern neue Welten erschließt.
Foto:  imago

Kulturelle Bildung boomt, aber auf ihre sozialen Effekte kann und darf man sie nicht beschränken.

Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“, heißt ein neues Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. 230 Millionen Euro gibt es in den nächsten fünf Jahren für kulturelle Bildung. Nicht beliebig für alle ist das Geld gedacht, sondern dezidiert für benachteiligte Kinder und Jugendliche. In einer ersten Phase konnten sich Bundesverbände und -initiativen bewerben, die als Mittler und Kuratoren fungieren. Im September bekamen insgesamt 35 Verbände den Zuschlag. Jetzt geht es in den ersten Disziplinen los.

Der Deutsche Bühnenverein und der Dachverband Tanz in Schulen haben ihre ersten Ausschreibungen bereits geschlossen, bei anderen Verbänden laufen sie gerade an. Eine Vielzahl von neuen künstlerischen Projekten in Museen, Theatern und an anderen Orten läuft demnächst an.

Die Öffentlichkeit ist mit dergleichen schon gut vertraut. Seit gut zehn Jahren erscheinen immer häufiger Fernseh- und Zeitungsreportagen über Theater- oder sonstige Kunstprojekte, die nicht immer, aber meist von benachteiligten Kindern und Jugendlichen handeln, denen sich durch die Kunst neue Welten erschließen.

Es sind Geschichten, die oft spannend sind, weil sie Konkretes aus dem harten sozialen Leben und von überraschenden Herausforderungen und Wendungen erzählen und die doch immer eine Schwachstelle haben: Das Ende dieser Geschichten ist absehbar. Denn es geht dabei immer um einen Erfolg. Es geht um einen Erfolg, der sich nicht auf den Bildungsbereich beschränkt, sondern in den großen, starken Geschichten ein ganzes, sich veränderndes Leben in den Blick nimmt.

Tatsächlich ist es das, was kulturelle Bildung in den besten Fällen vermag. Auch strukturell, auf das Gesamte gesehen, werden der kulturellen Bildung wohl zu Recht große und vielfältige Wirkungen zugeschrieben. Im Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung hieß es etwa 2007: „Die Vermittlung kultureller Bildung wird zu einem Dreh- und Angelpunkt kultureller Integration und damit zu einer Schwerpunktaufgabe.“ Kulturelle Bildung, so die Überzeugung, ist enorm wichtig, um den migrationsbedingten kulturellen Wandel zu bewältigen und den Weg in eine sich über Diversität definierende Gesellschaft zu finden. Grundsätzlich wird der kulturellen Bildung eine besondere Rolle bei dem Erwerb von sogenannten Schlüsselkompetenzen zugeschrieben. Die Kinder sollen das Lernen lernen, Teamfähigkeit und Flexibilität erproben, denn das sind Kompetenzen, die es braucht, um in unserer neuen vernetzen Welt zurecht zu kommen.

Jeder Mensch ist ein Künstler

Kulturelle Bildung boomt. Den ersten Turn hierzu gab es in der alten Bundesrepublik in den 70er-Jahren, nicht nur von Seiten der Bildungspolitik, sondern noch mehr von Seiten der Kunst selbst, die sich neu definierte und als eine soziale Kraft begriff. Als eine Kunst, die sich nicht länger mit dem Guten, Wahren und Schönen auseinandersetzt, sondern sich als Forschung begreift, als eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen. Partizipation – jeder Mensch ist ein Künstler – ist seitdem ein neues wesentliches Element in der Kunst. Und eben dieser Partizipationsgedanke hat die kulturelle Bildung so wichtig werden lassen. In Bezug auf die Einwanderungsgesellschaft etwa, weil sie immer wieder nach neuen Möglichkeiten der Beteiligung sucht. Grundsätzlich, weil sie den eigenen Zugang zu einem Stoff, einem Thema ermöglicht. Um Erfolgsgeschichten, die immer auch mit Selbstoptimierung und Marktfähigkeit zu tun haben, um Transfer-Effekte in das alltägliche Arbeitsleben ging es dabei zunächst nicht. Sondern um einen noch sehr unschuldigen politischen Aufbruch.

„Kultur macht stark“, das Programm des Bundes, ist das entschieden finanzkräftigste, aber es ist nur eines von unendlich vielen kulturellen Bildungsprogrammen und -initiativen. Von „Kinder zum Olymp“, vor knapp zehn Jahren von der Kulturstiftung der Länder ins Leben gerufen, bis zu Einrichtungen wie „Zukunft@BPhil“, dem von der Deutschen Bank finanzierten Education-Programm der Berliner Philharmoniker.

Kulturelle Bildung boomt, aber immer noch gibt es davon viel zu wenig. „Es gibt noch immer eine Dominanz des naturwissenschaftlich geprägten Denkens, ein Hierarchiegefälle, bei dem das Künstlerische und Spielerische weniger Anerkennung genießt“, sagt etwa die Theaterwissenschaftlerin Ute Pinkert. Eben deswegen, weil ein ästhetischer Zugang zur Gesellschaft, weil „der Eigensinn der Künste“, so Pinkert, nicht als eigener Wert anerkannt wird, steht die kulturelle Bildung unaufhörlich unter einem enormen Legitimationsdruck.

Flankiert werden die Programme zur kulturellen Bildung nicht nur durch Reportagen in den Medien, sondern genauso in breit angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen.

So notwendig diese sein mögen, so ambivalent sind sie gleichzeitig auch. Mit der immer höheren Bedeutung, die der kulturellen Bildung zugeschrieben wird, so formuliert es ein Autorenteam in dem jüngst im Kopaed Verlag erschienen Band „Die Kunst, über kulturelle Bildung zu forschen“, wächst auch der Legitimationsdruck immer weiter: „Projekte sollen ihre Wirksamkeit „nachweisen“ und von der Wissenschaft wird verlangt, dass sie genau diese Wirkungsnachweise erbringt.“

Vereinnahmung bewirkt das Gegenteil

Der Druck der Wirkung ist eigentlich ein Paradox. Denn wenn man zu sehr auf pädagogische Wirkungen bedacht ist, verschwindet die Kunst, mit der man bei der kulturellen Bildung doch eigentlich in Berührung kommen will. Dabei ist der „Eigensinn der Künste“ von dem Pinkert spricht, der Zugang zur eigenen Person und zur Welt, wie er über das Ästhetische möglich wird, so wichtig und gewollt. Die Künstler selbst sind es, die dabei immer wieder neu auf die Herausforderungen der Vereinnahmungen reagieren.

Nicht unbedingt mit immer neuen, überraschenden Varianten, sondern etwa in dem sie schlicht das Arbeiten auf Augenhöhe mit den sogenannten benachteiligten Jugendlichen erproben. Denn die haben viel und überraschendes zu erzählen, und einige der interessantesten Theaterabende des letzten Jahres verdanken sich gerade solchen Kooperationen.

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