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Kulturfonds: Den Kleinen nehmen ...

Die Staatsoper erhält jedes Jahr 42 Millionen Euro – und trotzdem zusätzlich 215 000 Euro aus dem Fonds, der eigentlich für die freie Szene gedacht ist.

Die Staatsoper erhält jedes Jahr 42 Millionen Euro – und trotzdem zusätzlich 215 000 Euro aus dem Fonds, der eigentlich für die freie Szene gedacht ist.

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Thomas Bartilla

Den Intendanten Jürgen Flimm muss der Vorwurf nicht treffen. Er braucht Geld für sein Opernhaus, und davon kann er nicht genug kriegen, zur Not besorgt er sich Zusätzliches vom Hauptstadtkulturfonds. Zwar sieht aus der Perspektive der anderen Berliner Subventionsempfänger schon die Summe von jährlich 42 Millionen Euro Fördergeld aus wie ein turmhoher Batzen Geld, zumal man vor dem Umzug ins Schiller-Theater noch Überschüsse anhäufen konnte. Aber die sind für schlechte Zeiten, nicht für ein Stück wie Nonos „Al gran sole carico d’amore“. Das triumphierte in der Salzburger Felsenreitschule und der frühere Salzburger Festspielleiter will es nun auch in fünf Vorstellungen in Berlin präsentieren. Der richtige Ort dafür wäre das Kraftwerk Mitte. Dort gastierten gerade zwei Wochen lang die umwerfenden Tänzer von „Flying Bach“ vor ausverkauften Tribünen. Sie verdienten damit Geld. Die Oper gibt vor allem welches aus, wenn sie dort einzieht. Das Kraftwerk für Opernbelange umzubauen, dafür will Flimm zusätzliche Mittel. Eine nachhaltig nutzbare Investition, betont Flimm.

215 000 Euro machen bei den 42 Millionen der Staatsoper den Eindruck von Portokosten. Lebensrettend wirken sie nur aus der Perspektive kleiner Theatercompagnien oder Kunstprojekte. Für die aber war der mit jährlich 10 Millionen Euro gefüllte Hauptstadtkulturfonds ursprünglich gedacht, für Projekte und Veranstaltungen – innovativ, relevant, strahlkräftig. Und für Kultur-Ereignisse, die sonst an der Hauptstadt vorbeizuziehen drohen. Auf keinen Fall sollten sie die Budgets der Staatsoper, der Deutschen Oper (39 Millionen Subventionen), des Preußischen Kulturbesitzes (138 Millionen Euro Fördergelder) und der Berliner Festspiele noch zusätzlich füllen, wenn was fehlt.

Der Hauptstadtkulturfonds wurde auch nicht erfunden, um die Subventionierung für Sasha Waltz & Guests (875 000 Euro) sowie für wiederkehrende Tanz- und Literaturfestivals zu übernehmen; das hat man eines Tages zur „Regelförderung“ erklärt. Regelförderung heißt so, weil sie den Regeln von Land oder Bund folgt. Der Hauptstadtkulturfonds ist 1999 aber gerade entstanden, um diese Regeln zu unterlaufen. Weil nämlich das ganze Geld in Institutionen und ihre Apparate floss und nichts übrig blieb für das Neue, das in der wiedervereinten Hauptstadt plötzlich entstand. Da also sprang generös der Bund ein, zur Rettung der Hauptstadtszene – eigentlich ein Paradoxon, aber ein herrliches.

Es hat dann gedauert, bis das ignorante Berlin für das schöne Geschenk des Bundes die nötige Dankbarkeit aufbrachte und der Hauptstadtkulturfonds in einen ordentlichen Vertrag gegossen werden konnte. Vor Missbrauch war er trotzdem nie sicher. Die Jury, die über die Verteilung des Geldes befindet, darf nämlich bei der „Regelförderung“ (2 Millionen Euro) gar nicht mitreden. Genauso wenig wie bei der sogenannten „Fondsreserve“. Das sind 1 Million der 10 Millionen Euro, eine Art Notgroschen, die für kurzfristige Projekte von Bund oder Land aktiviert werden können.

In der Praxis aber sieht es so aus, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Kultursenator Klaus Wowereit in der vierköpfigen Gemeinsamen Kommission die Summe vollkommen freihändig an all die Großempfänger verteilen, denen ihre Subventionen nicht reichen. Dabei stören sie sich nicht an lästigen Jury-Empfehlungen. Im Gegenteil: Sie genehmigen genau solche Projekte, die die Jury zuvor gut begründet abgelehnt hat, das Extra für die Staatsoper etwa. 2011 war es das dann vergurkte „Translating Hip Hop“-Festival im Haus der Kulturen der Welt. Und 20 000 Euro für die Moderation eines Filmpreises – obwohl der Fonds Filmförderung ausdrücklich ausschließt. Die Richtlinie sagt, die Fondsreserve kann „bis zu 1 Million Euro“ betragen, aber Wowereit und Neumann spendieren 2012 sogar 1,24 Millionen.

Am Ende bleiben nur 6 bis 7 von eigentlich 10 Millionen Euro zur Empfehlung durch Juroren, schätzt der heutige Kurator, der Filmwissenschaftler Hans Helmut Prinzler. Er bemüht sich, das undramatisch darzustellen: „Das ist die Realität, ein politischer Rahmen, an dem ich nichts ändern kann.“ Schon der erste Kurator Dieter Sauberzweig scheiterte an dem Versuch, das Geld nach Jury-Kriterien zu verteilen. Adrienne Goehler überwarf sich darüber mit der Politik. Bernd Wilms, einer ihrer Nachfolger, sagte der „Regelförderung“ öffentlich den Kampf an – gab aber auf. Positiv anzumerken wäre, dass die Jury unter Prinzler bei der Vergabe auf Honorar-Untergrenzen achtet. Also darauf, dass Regisseure, Darsteller, Autoren mehr als drei bis sechs Euro pro Stunde bekommen, wie es bei der Projektförderung in Berlin üblich ist.

Somit wären wir beim Kern des Problems, dem Berliner Kulturhaushalt. Er liegt bei 375 Millionen Euro, der Bund legt noch mal 435 Millionen drauf. Es kommt also einiges zusammen und gerade deswegen ist es so ideenlos und ungerecht, immer bei denen zu sparen, die so lächerlich wenig haben. Die Landesmittel für die freie Szene wurden zuletzt um 1,3 Millionen auf 7,9 Millionen Euro gekürzt. Der Hauptstadtkulturfonds zieht von den 10 Millionen auch noch 3 bis 4 Millionen raus. Das ist doch schäbig bei einer Summe von 810 Millionen. Zumal die Hälfte des künstlerischen Personals in Berlin freiberuflich arbeitet, oft unterhalb der Armutsgrenze.

Der Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) räumt ein, dass es „historische Ungleichgewichte“ gibt. Eine Million zusätzlich hat er für freie Projekte versprochen, weniger als ihnen zuvor weggenommen worden war. Tja – und wer übernimmt die richtigen Aufräumarbeiten? Wer schichtet um und legt neu fest, damit Sasha Waltz endlich ein ordentlicher Haushaltstitel wird? Damit sie nicht die Fördermittel von denen verbraucht, die für die Neuen gedacht sind? Vielleicht gibt es ja auch nicht jedes Jahr Innovationen, die 10 Millionen Wert sind; dann dürfen getrost die Kriterien geändert werden. Das Geld aber einfach den Subventions-Großabnehmern zuzuschanzen, ist zum Schämen. Auch Kulturpolitiker, die Steuereinnahmen verteilen, dürfen sich für eine Untergrenze an Gerechtigkeit stark machen.

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