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Berliner Zeitung | Berlinische Galerie: Jeder Ton ein As
17. September 2013
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Berlinische Galerie: Jeder Ton ein As

Klavier-Installation des New Yorkers Ari Benjamin Meyers.

Klavier-Installation des New Yorkers Ari Benjamin Meyers.

Foto:

Galerie Etsher Schipper

Im Jahr 1893 komponierte Erik Satie ein Stück, das zu seinen Lebzeiten weder veröffentlicht noch aufgeführt wurde. Dennoch ist „Vexations“ legendär. Die Komposition ist eine getragene, atonale Melodie, deren Partitur nur eine Seite lang ist. Satie legte jedoch in einer Notiz fest, das Stück solle wiederholt werden und zwar 840-mal.

Erst John Cage wagte sich 1963 an eine Aufführung. Das Konzert dauerte 18 Stunden. „Vexations“, zu Deutsch Quälereien, treibt das Prinzip der Repetition an die Spitze und führt Musiker und Publikum an die Grenzen der Zumutbarkeit. Wie lange kann man Musik aushalten? Wie verhält sich Musik überhaupt zur Dimension Zeit?

Ari Benjamin Meyers, geboren 1972 in New York, ist ausgebildeter Pianist, Komponist und Dirigent. Seit 2007 bewegt er sich in Kunstkreisen, war dort bislang als Komponist für Künstler wie Tino Seghal, Anri Sala, Dominique Gonzalez-Foerster und Saâdane Afif bekannt. In seiner ersten Einzelausstellung bei Esther Schipper hangelt Meyers sich an Saties Ideen entlang. „Black Thoughts“ ist eine assoziationsreiche Auseinandersetzung mit dem musikalischen Vorbild, aber auch ein intelligenter Versuch über die Ausstellbarkeit von Musik.

Die beiden Räume sind jeweils einer Komposition gewidmet. „Serious Immobilities“ im hinteren Raum ist ein siebenstündiges Stück in acht Teilen für E-Bass, E-Gitarre und Frauenstimmen. Jeden Samstag wird dieses in freien Variationen aufgeführt. Der Titel und einzige Text des Gesangs bezieht sich direkt auf die Notiz zu Vexations. Auf eben diese Weise, mit ernster Regungslosigkeit sollte man sich nach Saties Wunsch auf die 840 Wiederholungen vorbereiten.

Zumindest mit Meyers’ Komposition funktioniert das durchaus. „Serious Immobilities“ hüllt einen ein in eine schwerelose Klangwolke. Ein Teil davon festhalten, ist unmöglich. Aufnahmen jedweder Art verbietet der Künstler. „Ich glaube nicht daran, dass Musik aufgenommen werden soll“, so Meyers. „Musik braucht keine mediale Bearbeitung.“

Meyers geht es um den Moment, um das, was sich zwischen Musikern und Publikum abspielt. Genau genommen handle es sich auch nicht um Performances. Er betrachtet „Serious Immobilities“ als eine Welt, in die der Besucher der Ausstellung für eine gewisse Zeit eintreten kann. Unter der Woche müssen sie dafür mit einer Installation aus den Überbleibseln der Aufführung vorliebnehmen.

Nebenan sind die Bezüge noch offensichtlicher. Für „Vexations 2“ wurden die Wände mit Partituren ein und desselben Stücks von Meyers tapeziert. 840 werden es bis zum Laufzeitende sein. In der Mitte steht ein Flügel – gebaut im Jahr 1893 – gestimmt auf einen einzigen Ton, das As. Erik Satie hatte diesen in seiner Komposition ausgelassen. Ist es Zufall, dass dessen Frequenz genau 840 Hertz beträgt? Das wusste wohl nur Satie selbst.

Galerie Esther Schipper, Schöneberger Ufer 65 (Tierg.), Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 5. 10. Performances jeden Samstag 11–18 Uhr, 20. 9. , 15 –21 Uhr, Abendperformance. Am 22. September, 11 Uhr, Künstlergespräch in der Berlinischen Galerie.