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CTM Festival in Berlin: Pumpguns zu Xylophonen

Aus den Bauteilen von Schnellfeuerwaffen hat der mexikanische Künstler Pedro Reyes ein klapperndes Musikinstrument gebastelt.

Aus den Bauteilen von Schnellfeuerwaffen hat der mexikanische Künstler Pedro Reyes ein klapperndes Musikinstrument gebastelt.

Foto:

Pedro Reyes/Lisson Gallery

Wie die Requisiten aus einem billigen Science-Fiction-Film, der mit einem phantasievollen Ausstatter gesegnet ist, sehen die Objekte im ersten Raum der Ausstellung des CTM Festivals aus: Exoskelette Marke Eigenbau vielleicht, oder Modelle von kosmischen Flugobjekten? Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass die Dinger komplett aus den Bauteilen von Schnellfeuerwaffen zusammengesetzt sind. Und wenn der mexikanische Künstler Pedro Reyes sie mit seinem Laptop ansteuert, werden sie zu mechanisch klappernden Instrumenten. Wie eine Drehorgel aus Kampfgerät beginnen sie, rumpelnd und rappelnd, Techno zu spielen.

Der mexikanische Künstler Pedro Reyes hat die Musikinstallation ausschließlich aus Waffen zusammengeschraubt, die mexikanischen Gangstern und Dealern bei Razzien von der Polizei abgenommen wurden. Pumpguns zu Xylophonen – so kann der „War on Drugs“ auch enden.

Statement zur globalen Musikproduktion

Die Installation ist einer der wenigen Blickfänger bei der Ausstellung des CTM, dem jährlichen „Festival für abenteuerliche Musik“, das heute mit einem Eröffnungskonzert von Rabih Beaini aus dem Libanon und Vincent Moon aus Frankreich eröffnet wird. Ansonsten ist die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg eine Art Mixtape zum Durchwandern, und dafür bringt man am besten viel Zeit und seine eigenen Kopfhörer mit. Die kann man dann in verschiedene Sitzgruppen und Projektionskammern stöpseln und sich Musik, Podcasts, Interviews und Videos ansehen und -hören, die den Status Quo der globalen Musikproduktion dokumentieren.

Denn die soll in Zukunft immer stärker durch Klänge aus Afrika, Lateinamerika und Asien bestimmt werden, von wo sich Musikkulturen ohne Einfluss der westlichen Musikindustrie entwickeln und mit Hilfe des Internets weltweit verbreiten – so die Ausgangsthese der Schau, die das diesjährige Festivalmotto „New Geographies“ visualisiert. Zusammengestellt wurde „Seismographic Sounds. Visions of a New World“ von den Machern des Blogs Norient, das diese neue musikalische Welt kartographiert.

Die Ausstellung will die Entwicklung von Popmusik im Zeitalter ihrer universellen Verfügbarkeit darstellen, wo Musik – dank Netz und kultureller Globalisierung – nicht mehr an lokale Szenen und örtliche Kulturen gebunden ist und der Gegensatz von Peripherie und Zentrum nicht mehr existiert. Ob das in der Musikwelt wirklich so ist, sei einmal dahin gestellt. Aber in einem Augenblick, in dem sich die Peripherie gerade im großen Stil auf den Weg in die Zentren gemacht hat, handelt die Ausstellung von genau den Themen, die die deutsche Öffentlichkeit gerade so beschäftigen: Migration, kulturelle Konflikte, das Eindringen des Fremdens ins sicher geglaubte Eigene.

Beitrage aus allen Sphären

Ausgerechnet mit Psy soll das alles angefangen haben. Die südkoreanische Eintagsfliege ist nach der Lesart der Ausstellungsmacher einer der ersten globalen Popstars gewesen sein, der mit Hilfe von Youtube den Spieß umdrehte: statt westliche Bands und Interpreten im Rest der Welt durchzusetzen verhalf das Internet zur Abwechslung mal einem Rapper aus der asiatischen Pop-Peripherie innerhalb weniger Wochen zum internationalen Durchmarsch in die Charts rund um den Erdball.

Dass der musikalische Teil des Psy-Phänomens drittklassig kopierter Kirmes-Techno war, ist der Schönheitsfehler dieser Version der jüngeren Popgeschichte. Aber vielleicht macht gerade darum der billige Krawall-Sound von „Gangnam Style“ Psy zu einem Pionier der musikalischen Mutationen, die da kommen: Musik wie der mittelamerikanische Reggaeton, der brasilianische Tecno Brega, der ägyptische Mahraganat oder der längst zur globalen Lingua Franca gewordene Hip Hop ist oft schnell produzierter Verbrauchsartikel, der für den Bedarf der Vorstadt-Jugend der Satellitenstädten dieser Welt hastig am Laptop zusammengebastelt wird. Die Samples kommen aus dem Internet und werden mit Programmen vom Piratenhändler zu Ex-und-Hop-Songs für eine Nacht in den Tanzhalle verarbeitet.

Das musikalische Spektrum, das die Kuratoren dabei aufmachen, ist denkbar weit: Es geht nicht nur um elektronische Musik oder überhaupt irgendein Genre. Aus Indiepop oder Death Metal, aus Kopenhagen oder aus Lagos – hier ist aus jeder musikalischen wie geographischen Sphäre etwas zu finden. Die Musik von insgesamt 250 Künstlern ist – sortiert nach Oberbegriffen wie „Einsamkeit“ oder „Krieg“, „Geld“ und „Verlangen“ – auf Hörstationen verteilt, die in einer aparten, schwarz-in-schwarzen Ausstellungsarchitektur arrangiert sind.

Merhr Informationen finden Sie unter http://www.ctm-festival.de/news/