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Die Ästhetik kaputter Panzer und verlassener Bunker

Ausstellung Martin Roemers4

Deutschland (Ost), Lieberose, Munitionsreste auf einem sowjetischen Truppenübungsplatz, Lieberose 1998

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Martin Roemers

Wenn man die Ausstellung betritt, fällt der Blick auf vielleicht zehn große Bilder. Sie zeigen unterirdische, endlos wirkende Gänge. Manche sind rund gewölbt, manche laufen spitz zu, andere sind eckig, sie stehen in Ost- und Westdeutschland, der Ukraine, den Niederlanden, Russland. Man versteht auf einen Blick, dass der Kalte Krieg, der doch aufgrund entgegengesetzter Ideologien entstanden ist, überall die gleiche Infrastruktur geschaffen hat. Sie ist Ausdruck für ein einziges Gefühl: Angst. Die Angst vor einem Atomkrieg.

Ausstellung Martin Roemers

Deutschland (West), Laarbruch, Hangar auf einem Stützpunkt der britischen Royal Air Force, Laarbruch-Weeze  2002

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Martin Roemers

Die Bunker-Bilder des niederländischen Fotografen Martin Roemers sind Teil der Ausstellung „Relikte des Kalten Krieges“ im Deutschen Historischen Museum. Die zwischen 1998 und 2009 entstandenen Fotografien zeigen verlassene Armeestützpunkte, Truppenübungsplätze, Überwachungseinrichtungen, Militärfriedhöfe in Polen, Litauen, Großbritanien und den beiden Teilen Deutschlands – insgesamt aus zehn europäischen Ländern. All diese Gebäude sind nach dem Ende des Kalten Krieges einfach aufgegeben, aber nicht beseitigt worden.

Ausstellung Martin Roemers

Lettland, Liepaja, Bunker in der Ostsee, Liepaja 2002

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Martin Roemers

Kein Bild zeigt das eindrucksvoller, als das eines Schlafsaals in einer sowjetischen Kaserne in Grimma, Sachsen. Es zeigt ein ungemachtes Bett, auf einem Hocker daneben stehen ein paar Teetassen, auf dem Nachttisch liegt eine Schachtel Marlboro. Der letzte sowjetische Soldat hat Grimma 1992 verlassen, 1998 hat Martin Remers dieses Bild gemacht, und es ist vorstellbar, dass sich dort bis heute nichts geändert hat.

Manches kann man in seiner ursprünglichen Funktion gar nicht mehr erkennen, etwa den Wachturm an der deutsch-niederländischen Grenze in Schoonebeck, von dem aus man tief fliegende feindliche Flugzeuge zu erspähen hoffte – eine gerasterte Betonstruktur an einem idyllisch wirkenden Kanal. Ein Kunstwerk könnte das sein, oder eine Bauruine. Wie eine Tempelanlage wirkt das Atomwaffen-Forschungsgelände in Orford Ness an der Südostküste Großbritanniens. Man sieht zwei auf Säulen ruhende Dächer, die auf zwei Hügeln mitten in einer Wüstenlandschaft stehen.

Ausstellung Martin Roemers

Lettland, Ligat, Konferenzraum in einem unterirdischen Atomschutzbunker,
 Ligat 2006

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Martin Roemers

Es ist eine bizarre und auch poetische Ästhetik des Verfalls, in die man hier eintaucht, gezeichnet von Rost, abblätternder Farbe, bröckelndem Beton. Wo man sie ließ, hat die Natur Strukturen überwuchert. Der Kalte Krieg ist ein kaputter Panzer, eine zerbrochene Statue, die verblasst Fotografie eines Soldaten auf einem Grabstein. Hier ragt eine Aufnahme aus Liepaja, Lettland heraus, entstanden an einem ehemaligen Marinestützpunkt der Sowjet-Armee. Es ist ein Bunker mit leeren Fensterhöhlen, abgebrochener Treppe, das Gebäude nach hinten gekippt. Es steht in der Ostsee, die hier wie ein Wolkenfeld wirkt, der Bunker scheint zu fliegen. Er wirkt so erbärmlich, dass man ihn beschützen möchte.