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Berliner Zeitung | Eröffnung im Amerika Haus: Auf ins C/O Berlin!
29. October 2014
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Eröffnung im Amerika Haus: Auf ins C/O Berlin!

Auf ins C/O BerlinEine Institution der Fotografie feiert Wiedereröffnung im Amerika Haus –unter anderem mit diesem 1959 entstandenen Bild Will McBrides.

Auf ins C/O BerlinEine Institution der Fotografie feiert Wiedereröffnung im Amerika Haus –unter anderem mit diesem 1959 entstandenen Bild Will McBrides.

Foto:

Will McBride

BERLIN -

Es zieht, weil alle Türen offen stehen. Trotzdem reißt Stephan Erfurt sich den Schal vom Hals, ihm ist heiß; er ist nervös.

Nur noch wenige Stunden bleiben bis Donnerstag, 16 Uhr. Nein, keine besinnliche „Blaue Stunde“ wird es sein, sondern eine quirlige, hektische, aufregende: die der lang ersehnten Wiedereröffnung der aus dem Berliner Osten vertriebenen C/O Berlin Foundation, Berlins wichtigstem Ausstellungsort für Fotografie, am neuen Ort. Im Amerika Haus, aus dessen großen Glasfenstern in der pastellfarbenen Fünfzigerjahre-Fassade man auf den Bahnhof Zoo schaut. Gegenüber vom turmhohen Hotel Waldorf Astoria liegt es und in unmittelbarer Nähe des Staatlichen Museums für Fotografie, der Helmut-Newton-Stiftung und jeder Menge Galerien in den Straßen ringsum.

Ein neuer „Kunstcluster“ in der City West, jubeln jene, die den Kunstboom im Ostteil Berlins schon seit 25 Jahren für erstens übertrieben und zweitens für zeitlich begrenzt hielten.

Alles scheint möglich

Könnte hier tatsächlich etwas entstehen, was es in Berlin und auch anderswo so noch nie gab? Ein Herzzentrum der Fotografie vielleicht? Der Gedanke gefällt Stephan Erfurt, Vorstand und Mitgründer der vor einiger Zeit in eine Stiftung umgewandelten Institution. Denn alles scheint möglich, seit er und die Seinen vor zwei Jahren endgültig hierhergezogen sind und seither auf einer Baustelle arbeiteten.

Aber erst mal muss der eigene Laden laufen, angenommen werden vom launischen, schnell überdrüssigen Kunstbetrieb. Und von den Charlottenburg-Wilmersdorfern, deren Stadtbezirk „uns so willkommen heißt und so gut behandelt, dass wir es erst kaum glauben konnten“, so Erfurt, der ja in Mitte ganz andere, bittere Erfahrungen machen musste und sich zwischen eigenen, gescheiterten Plänen, den Erwartungen der Fotoszene, denen des internationalen Publikums und der wankelmütigen Berliner Kulturpolitik beinahe aufgerieben hätte.

Nun also sind Stephan Erfurt und sein Team – „großartige Idealisten, die für wenig Lohn das Vierfache leisten! Alles Geld der Welt hätte nichts genutzt ohne diese Leute“ –, so der Chef über seine Mitarbeiter, knapp fünf Kilometer weit weg vom geliebten alten backsteinernen Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Mitte. Da, wo man so gern bleiben wollte, aber nicht durfte, und am Ende – ziemlich entnervt – auch nicht mehr wollte.

Zu lange hatten Erfurt und seine Mitstreiter erst mit unversieglicher Hoffnung, dann mit immer schwererem Herzen nach der „Taube auf dem Dach“ geschielt, dem imposanten Postfuhramt an der Oranienburger Straße als dauerhaften Quartier. Von ihm konnten sie sich, nach großem Erfolg ihrer Arbeit, nur schwer lösen. Der vormalige und auch der neue Besitzer des von der Deutschen Post verkauften Gebäudes aus der Gründerzeit – erst ein israelischer Investor, dann ein Medizintechnikunternehmen – hatten aber ganz andere Pläne. Jedenfalls kam in diesen eine große, international agierende, dazu gemeinnützige Fotogalerie nicht vor.

Und dann hatte sich die C/O-Mannschaft gleichsam verbissen in die Vision von einem Neubau im benachbarten Monbijoupark. Eine Fata Morgana nur, bald weg wie eine täuschende Luftspiegelung in der Wüste. Es schien, als hätten sich alle in den Stadtbezirk Mitte, so dicht an der Galerienszene und an der Museumsinsel, regelrecht verkrallt. Dabei war es gerade dieser touristenverwöhnte Bezirk, der sich, arrogant und kaum engagiert, herzlich wenig um die Unterkunfts-Not des weltbekannten Fotohauses scherte.

Anders die Senatskulturverwaltung mit ihrem damaligen Staatssekretär André Schmitz. Es schlug, wider einmal, die Stunde der Pragmatiker statt die der Visionäre – wie schon bei der bis 2004 obdachlosen Berlinischen Galerie, die bereits 1997 ebenfalls gerne ins attraktive Postfuhramt Mitte gezogen wäre, indes aber – und zu ihrem Besten – Unterkunft in einem profanen, sich aber nahezu ideal eignenden Glaslager in Kreuzberg fand. Schmitz war es, der das ungenutzte Amerika Haus, eine Immobilie des Landes, für geeignet hielt und dem Umzug von C/O – von Ost nach West – den Weg ebnete. Wie delikat freilich, fast 25 Jahre nach dem Mauerfall.

Stephan Erfurt versichert aber, keinen Groll mehr gegen Mitte zu hegen, und packt seine Gefühle in den schönen Satz: „Das Leben schluckt Träume, ohne dass sich sein Lächeln trübt.“ Jetzt beginne etwas Neues, mit bewährtem Programm: Fotografie seit der Nachkriegszeit, aus aller Welt und dem Stil der in Amerika und Paris berühmt gewordenen Magnum-Fotografen verpflichtet, der den Menschen und dessen Lebenswelt im Mittelpunkt sieht.

In einer Mischung aus Grundvertrauen und Besorgnis blickt Staphan Erfurt soeben auf die einladende Glasfront seines neuen Domizils. Von allen Bau- und Organisations-Furien gehetzt, aber trotzdem gründlich prüfend fixiert er die hohen Eingangstüren zum Kassenfoyer, zur Bibliothek und zum Café. Denn die Bewährungsprobe für die so schön wie stabil aussehenden Baudetails naht unweigerlich; es haben sich allein auf Facebook schon 7 000 Leute zur Eröffnung angesagt. Die wollen nachher alle rein in die neuen Ausstellungsräume, hoffentlich nicht alle auf einmal. Und wahrscheinlich werden alle, die in dieser Stadt einen Fotoapparat benutzen, Fotografie gar für das für sie wichtigste Kommunikationsmittel halten, hierher kommen – und hereindrängen. Das müssen die Türen und deren Klinken aushalten.

Um den Fußboden macht sich der Chef des Hauses keine Sorgen, der ist aus robustem Sonthofener Bruchstein. „Den haben wir unter zig Lagen Bodenbelag gefunden“, erzählt Erfurt. „Überhaupt haben wir hier öfter geradezu archäologisch gearbeitet, verbaute Türportale aus den Fünfzigerjahren freigelegt, typische Mosaike und Kacheln aus jener Zeit, Schätze eines Baudenkmals eben.“ Auch auf diese Weise haben sich die C/O-Leute ihr neues Zuhause erschlossen, Meter für Meter, Schicht für Schicht. Haben es lieben gelernt und die andere, unbeständige und nicht zu haltende „Geliebte“ zwar nicht vergessen, aber verabschiedet – in guten Gedanken an eine schöne Zeit, von 2000 bis 2012.

Das ruhige Steingrau

Doch als würde es ohne ein Andenken aus dem unfreiwillig verlassenen Quartier nicht gehen, hat man aus der Oranienburger Straße ein wenig DNA der dortigen Räume mitgenommen. Erstens die klare Anordnung der Hängeflächen, die das gewohnte direkte Gegenüber der Fotos ermöglichen. Und das vertraute schöne, ruhige Steingrau der Wände unter den Fotos, diese zwar neutrale, aber zugleich jeden Schwarz-Weiß-Kontrast, jede Farbnuance sinnlich offerierende Untergrundfarbe.

Diese Vertrautheit wiederholt sich in der großen, ebenfalls grau gestrichenen und mit einer hohen schwarzen Decke versehenen Kino-und Ausstellungshalle. Sie zitiert geradezu die alte, von C/O Berlin viel genutzte Turnhalle im ehemaligen Postfuhramt Mitte. Das hatte lange Zeit auch als Knabenschule gedient, und die Turnhalle war der ideale Platz für große Gruppenausstellungen, Festivals, Wettbewerbe, Konferenzen, Filmvorführungen. All das kann nun, am neuen Ort, bruchlos weitergehen.

Stephan Erfurt läuft mit großen Schritten durch die unteren und oberen Ausstellungsräume, wo die gerahmten Fotos namhafter Meister des Metiers – Will McBride, Martin Parr, René Burri, Elliott Erwitt, Steve McCurry, Paolo Pellegrin – schon alle an ihrem Platz hängen. Er nimmt die Halle in Augenschein, da sollen vor der Eröffnung 300 Presseleute aus aller Welt sitzen. Die Stühle stehen gestapelt bereit. Der Chef hat alles im Blick, den lässt er nun schweifen auf das Werk von zwei Jahren. Und was er sieht, das ist richtig gut.

Ja, sie fühlt sich gut und richtig an, diese Liebe auf den zweiten Blick. „Wir haben uns das Haus erst schöngeguckt“, gesteht der C/O-Gründer. „Und jetzt zeigen sich ungeahnte Vorteile, bis hin zum gepflasterten Hof, wo wir Konzerte veranstalten können, ohne dass Anwohner gleich die Polizei holen. Hier gibt es nur ein hohes Parkhaus, da stört kein Lärm.“

Stephan Erfurt, Mittfünfziger, Westfale – „und westfalen-typisch auch stur und zäh, wenn’s sein muss!“– hat an der Essener Folkwangschule und vorher an der Uni Essen Fotografie studiert und 15 Jahre lang für das FAZ-Magazin fotografiert. Im Millenniumsjahr 2000 gründete er in Berlin das C/O, zusammen mit dem Designer Marc Naroska und dem Architekten Ingo Pott, „zwei Fotofans vor dem Herrn“. Die drei versuchten etwas nie Dagewesenes: „Wir wollten einen vom Staat und von institutionellen Strukturen unabhängigen Ausstellungsort für Fotokunst.“ Sie starteten spektakulär: mit einer Retrospektive der Fotoagentur Magnum und einer Einzelschau des unnachahmlichen, in Berlin lebenden, dauerhaft „in Berlin verliebten“ Will McBride. Damals war der Name C/O noch der einer Gruppe.

Die dreimonatige Schau im alten Postfuhramt Mitte war eine Initialzündung für die Fotografie in der Stadt: 30 000 Besucher kamen. „Wir hatten also allen Grund weiterzumachen“, sagt Erfurt. Zu dieser Zeit hatte Berlin außer dem historisch arbeitenden Museum für Fotografie und einigen kleinen Fotogalerien keine Kulturinstitution, in der die internationale zeitgenössische Fotografie ein breites Forum gehabt hätte. Die Abkürzung, erklärt der Gründer, stehe nicht nur für „Care of“, also für einen Adressaten, der nur zeitweilig unter dieser Adresse Post empfängt, sondern für das Ungebundene schlechthin. Womit Erfurt nun auch für die Zukunft besonders das Rastlose, Umtriebige, auf die Welt Neugierige der Fotografie meint. Denn das Nomadendasein der großen Fotogalerie hat ja nun im Amerika Haus erst mal ein glückliches Ende – zumindest für das nächste Vierteljahrhundert .

Tribut an die Jugend

Es ist gerade Europäischer Monat der Fotografie in Berlin, ein idealer Zeitpunkt, das C/O Berlin mit dem bewährten Programm und den sich jetzt bietenden Möglichkeiten zu feiern. Konnte im alten Postfuhramt gerade mal ein Fünftel des Gebäudeensembles genutzt werden, bietet das neue Haus nun 2 200 Quadratmeter Platz fürs Medium – von der Reportage über die Porträtfotografie bis zum Experimentellen. Endlich gibt es auch eine exzellente Klimatechnik. Und genügend Platz für das ganze Drumherum: Gespräche, Symposien, Podien, Workshops, für den Kontakt mit Fotografen und mit dem Publikum. „Wir sehen unsere Gemeinnützigkeit im Vermitteln“, betont Stephan Erfurt. „Wir haben kein Stiftungsvermögen, finanzieren uns über die Tickets.“ Zehn Euro für Erwachsene, fünf Euro ermäßigt. Bis 18 ist der Eintritt frei. „Das ist unser Tribut an die Jugend und deren Interesse an Fotografie“, sagt Erfurt. „In der Welt heute werden pro Jahr 800 Millionen Fotos gemacht. Also braucht es Instanzen, die sich kümmern.“

Tribut forderten von Stephan Erfurt auch die letzten beiden Jahre, in denen er als Bauverantwortlicher eine Art Mädchen für alles war, da waren oft kaum vier Stunden Nachtschlaf drin. „Aber das war Stress, den ich leiden mochte“, sagt er. Und wenn er so überdreht war, dass er nicht schlafen konnte, schrieb er im Bett seine Merkzettel, Listen, Texte. Im Dunkeln, um „meine Frau nicht zu wecken“. Dass er die Schrift dann anderntags auch wirklich entziffern konnte, sei „eine Art evolutionärer Sprung“ gewesen. „So was bleibt dann als Witz, über den man Jahre später gut lachen kann.“