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Gerhard Richter bei Schultz Berlin: Der Meister und sein Zauberlehrling

Der deutsche Meister: Gerhard Richters „Abstraktes Bild (503)“, 1982,
Öl auf Leinwand. Das Werk ist auf dem Weltmarkt derzeit ein Mehrmillionending.

Der deutsche Meister: Gerhard Richters „Abstraktes Bild (503)“, 1982,

Öl auf Leinwand. Das Werk ist auf dem Weltmarkt derzeit ein Mehrmillionending.

Foto:

galerie Michael Schultz Berlin/VG Bild Kunst Bonn, 2014

Wie mag das wohl gelungen sein? Der umschwärmte, museumsverwöhnte, zudem auf Auktionen, Messen, Biennalen höchstgehandelte lebende Maler der Welt stellt in der privaten Galerie von Michael Schultz in der unaufgeregten Charlottenburger Mommsenstraße aus. Und zwar Bilder, die man in dieser Konstellation noch nie sah.

Mit offensichtlich viel Geschick und Überzeugungskraft ist es dem erfahrenen Galeristen gelungen, sowohl den in Köln lebenden Gerhard Richter selbst und auch etliche von dessen Sammlern für Leihgaben zu gewinnen. Und, das ist die Nachricht an sich: Es sind sogar noch einige Arbeiten verkäuflich, wo es doch durchweg heißt, der Richter-Markt sei leer gefegt, zumal erzählt wird, der 82-jährige, dauerfleißige Maler von Star-Rang gönne sich seit seinem Achtzigsten eine genüssliche Arbeitspause und niemand wisse, ob er die überhaupt zu beenden gedenke.

Und so stehen wir in Charlottenburg – fast wie in einem Museum – vor Richters großen und kleinen Tafeln: „Abstract Illusion“ heißt die Schau der fast monochrom-minimalistischen oder aber abstrakt-expressiven und farbexplosiven, dann wieder romantischen Bildern. Darunter auch einige Arbeiten aus fotografischen Editionen, wie „Onkel Rudi“, 2000, das verschwommene, nachdenklich stimmende Abbild eines nahen Verwandten der Richter-Familie in SS-Uniform mitten im Zweiten Weltkrieg.

Souveränes Bilder-Machen

Eine besondere Überraschung ist das „Abstrakte Bild (503)“ von 1982. Das Meisterwerk nämlich ist tatsächlich verkäuflich, ebenso die fast miniaturhafte, offensichtlich mit andächtig-heiterer Gelassenheit gemalte und geheimnisvoll wie von innen leuchtende Lack-Hinterglasmalerei „Abdallah“ von 2010, die einer Ikone gleicht.

Gerhard Richters besondere Rolle und weltweit zigfach nachgeahmte Methode in der malerischen Kunst der Gegenwart ist die, dass er die Verfassung der Malerei, deren oft zelebrierten Tod hinterfragt, vollständig flexibilisiert, also neu belebt hat: Sein virtuoses, geradezu artistisches (Verwirr) Spiel mit fast allen zeitgenössischen Stilen, Trends, Möglichkeiten ist, so scheint es, gar der einzige Sinn und Inhalt solch souveränen Bildermachens. Das jeweils Gemalte verschwindet bei ihm immer wieder unter neuen Übermalungen.

Was nicht verschwindet, ist die Tafel. Jede neue Schicht versiegelt sorgfältig die Fläche, legt sie für neue Farbe frei, aber alles in dieser zigfach malträtierten, wieder geglätteten, erneut zerstörten „Innenhaut“ durchstrahlt sich, als käme es aus dem Erd-Inneren: wie Magma zu Lava. Richter, der gebürtige Dresdner, der 1961 noch vor dem Mauerbau in den Westen geflohen war und seine Welt-Karriere in Düsseldorf begann, hat sich, das zeigt auch diese Galerie-Versammlung aus fast vier Jahrzehnten, nie festgelegt. Er probierte irgendwie alles mal aus, malte in Zyklen sowohl abstrakte Gemälde, streng strukturierte Vertikale, Geometrien, Raster als auch erkennbare Landschaften und fotografiegleiche Personen.

Er würde alles mögen, „was keinen Stil hat“, sagte er einmal: „ Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder...“ Ein Bekenntnis, das den Kunstbetrieb nur noch umso enthusiastischer und begehrlicher macht. Denn keiner, der es meisterhafter verstünde, den Malprozess einfach abzubrechen, die Darstellung der Wirklichkeit derart abrupt zu verkürzen. Abstraktion sei für ihn ein Verfahren der „indirekten Bildproduktion“, so Richter. Das Abkratzen der Farbe oder deren großflächiges Durchziehen mit dem Rakel (Kratzeisen) ist bei ihm also nicht Gegenteil des Malens, sondern gleichwertig dem vorherigen – oder erneuten –Farbauftrag.

Irgendwie scheint sich diese Auffassung von Malerei und die kontrollierte Obsession beim Auftragen und Tilgen der Farbe zu wiederholen in Gemälden in Räumen auf der anderen Galerie-Seite. Es entsteht sogar eine zwar kryptische, aber spannende Zwiesprache – zwischen Meister und Zauberlehrling. Des Koreaners Kim Yusobs Tafeln entstehen in einem Prozess, der an die Arbeit eines Geologen denken lässt. Gleichsam eruptiv fließt Farbe auf die Leinwand, bildet ineinander eindringende, glühende Schichten. Gleich nach dem Trocknen werden diese abgekratzt und schließlich erneuert. Es ist ein ständiges Werden und Vergehen, ein Leuchten und Ermatten oder so, als würde der Maler mit den Elementen kämpfen: Wasser, Feuer, Erde, Luft.

Ordnung im persönlichen Chaos

Der Maler, Jahrgang 1959, aus dem südkoreanischen Gwangju, wo er an der dortigen Chosun-Universität lehrt, studierte bis 2000 an der Berliner UdK. Aus dieser Zeit stammen sowohl die direkte Anschauung von Gerhard Richters Abstraktionen wie auch der Kontakt zum Galeristen Michael Schultz. Dieser pflegt seinerseits engste Kunstbeziehungen nach Südkorea und entdeckte schon viele Künstler des Insellandes.

Mit Kim macht er uns unübersehbar mit einem Maler bekannt, der sich Gerhard Richter wahlverwandt fühlt; mit einem, dem es um Struktur und Essenz der schon so oft totgesagten Malerei geht, um seine ganz persönliche Ordnung im Chaos der Welt und der Kunst.

Und dass Kims Tafeln dabei um etliche Nullstellen preiswerter sind als die des großen, mittlerweile schier unbezahlbaren Stichwortgebers solcher Malerei, ist nur ein ziemlich erheiternder Nebeneffekt.

„Abstract Illusion“, Galerie Schultz, Mommsenstraße 34 (Charlottenburg). Bis 4. Mai, Di–Fr 10–19/Sa 10–14 Uhr. Tel: 319913-0



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