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Ingeborg Hunzinger: Eine der prägendsten Bildhauerin Berlins

Magersüchtig formte Ingeborg Hunzinger ihre steinernen Weibsbilder nie: Die „Sich Erhebende“ steht als weibliches Kraftsymbol im Köpenicker Bellevuepark.

Magersüchtig formte Ingeborg Hunzinger ihre steinernen Weibsbilder nie: Die „Sich Erhebende“ steht als weibliches Kraftsymbol im Köpenicker Bellevuepark.

Foto:

BLZ/Wulf Olm

Inzwischen sind es wohl zumeist Touristen, die tagtäglich am „Block der Frauen“ in der Berliner Rosenstraße in Mitte vorbei ziehen. Berlinern, die dort arbeiten, wohnen oder zu tun haben, ist der Anblick der aus rötlichen Sandsteinblöcken gemeißelten Frauengruppe längst vertraut.

Wer stehen bleibt, die Tafel am Denkmal liest, erfährt, dass Selbiges jenen Hunderten von Frauen aus sogenannten Mischehen gewidmet ist, die 1943 an jener Stelle tagelang gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer protestierten – und tatsächlich erreichten, dass die meisten freigelassen wurden. Die Geschichte dises unglaublichen Wunders mitten im Naziterror wurde 2003 von Margarethe von Trotta verfilmt.

Weib, Wucht, Widerstand

Acht Jahre zuvor hatte die schon greise, aber noch immer aktive Berliner Bildhauerin Ingeborg Hunzinger dem Drama und dem Mut all der Frauen, deren weiteres Schicksal meist unbekannt blieb, ein Denkmal gesetzt. So, wie sie auch an anderen Orten der Stadt ihre kraftvollen Spuren in Stein hinterließ, ganz nach der Maxime: Weib, Wucht, Widerstand. Von ihr, heute vor 100 Jahren in Berlin geboren, daselbst 2009 gestorben, steht im Köpenicker Bellevuepark ein Kraftpaket von Frau, die steinerne „Sich Erhebende“, ein Köper zwischen Erdenschwere und dem unbändigem Willen zum aufrechten, zum von allen Konventionen und Zwängen befreiten Gang.

Im Monbijoupark begegnet man ihrer anmutigen Bronze-Plastik „Erde“, im Hotel Alexander Plaza steht der kühne „Sizilianische Traum“ und für die Gedenkstätte zur Erinnerung an die „Köpenicker Blutwoche 1933“ formte sie das „Umschlungene Paar“. Ganz zuletzt wollte sie noch ein Rosa-Luxemburg-Denkmal schaffen, die Zeit hat nicht gereicht.

Das Thema Widerstand – aus politischer und moralischer Überzeugung und aus Liebe – war der Bildhauerin aus dem Köpenicker Ortsteil Rahnsdorf wie auf den Leib geschrieben. Sie war, als junge Kommunistin und Gefährtin eines Spanienkämpfers, selbst im Dritten Reich im Widerstand. Die Tochter einer Jüdin und Enkelin des Malers Philipp Franck, der 1898 die Berliner Sezession mitbegründet hatte, studierte bei Ludwig Kasper, begeisterte sich – unübersehbar bis zuletzt – für die Skulpturen Michelangelos.

Aber die Reichskulturkammer verbot ihr das weitere Studium. Eine Zeitlang arbeitete sie mit Käthe Kollwitz und Hermann Blumenthal im legendären Atelier Klosterstraße. 1939 floh sie, kurz vor der drohenden Verhaftung durch die Gestapo, nach Sizilien. Drei Jahre später fand sie, mit ihrem Gefährten, dem Maler Helmut Ruhmer, in einem Schwarzwalddorf Zuflucht, bekam Kinder. Heiraten durften sie wegen der Rassengesetze nicht. Ruhmer fiel noch in den letzten Kriegstagen, sie ging mit den Kindern nach Ostberlin.

Meisterschülerin von Fritz Cremer und Gustav Seitz

Sie war schon 40, als sie an der Kunsthochschule Weißensee Meisterschülerin von Fritz Cremer und Gustav Seitz wurde, deren Formenkanon aufnahm und mit ihrer weiblichen Wucht paarte. Später lehrte sie selbst in Weißensee. Trotz ihrer kritischen Sicht auf Politik und Alltag in der DDR: Sie hatte sich den Osten bewusst gewählt. Aber in ihrem Atelier ging die Dissidentenszene ein und aus: Robert Havemann, Wolfgang Biermann, Heiner Müller. Aus dem Westen kamen Vertreter der studentischen „Kommune“, auch Rudi Dutschke.

Die Staatssicherheit hatte zu tun: Im „Operativen Vorgang Putschist“ wurde vermerkt: „Sie wollen in WB einen politischen Umsturz herbeiführen und glauben, auch in der DDR ähnliche Zustände schaffen zu können.“ Hunzingers Biografie machten die Bildhauerin offensichtlich unangreifbar, denn man setzte ihr, trotz Überwachung, persönlich nicht zu. Einer Wiener Zeitung sagte sie Jahre nach dem Mauerfall, dass sie in der DDR vor allem das „ideologische Affentheater auf dem Gebiet der Kultur und die Bevormundung“ genervt hätten.

Es werde ihrer Großmutter gerecht, sie „eigensinnig“ zu nennen, sagt Enkelin und Schriftstellerin Julia Franck über Ingeborg Hunzinger und setzt sich im Buch „Rücken an Rücken“ auch damit auseinander, wie sehr diese „sture, trotzige Seite“, das rastlos-rigorose Kunst-Engagement, für die Sprösslinge Hunzingers kaum Kinderparadies, eher harte Lebensschule waren.

„Ingeborg Hunzinger. Werke aus 50 Jahren“, Galerie Alte Schule Adlershof, Dörpfeldstraße 54-56. Bis 28. Februar, Di, Mi, Do 12–19/Fr 12–17/Sa 15–19 Uhr. Heute, 3. Februar, 18 Uhr, Hans-Eisler- Konzert. Am 28. Februar Finissage/Vortrag „Steine auf dem Bitterfelder Weg“.