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Lee Millers Bilder von Schönheit und Grauen

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 In Hitlers Badewanne, München 30. 4. 1945, Aufnahme v. D. E. Scherman.

Foto:

Lee Miller Archives, England 2016

So sah er aus, der tabulos-paradoxe Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Die amerikanische Mode-und Kriegsreporterin Lee Miller aus dem Staate New York nahm am 30. April 1945, an dem Tag also, an dem Adolf Hitler sich im noch nicht befreiten Berlin selbst feige richtete, ein Bad, das absurder nicht sein konnte. Miller wusch sich – welche Symbolik! – die Gräuel und den Dreck des Hitler-Regimes ab, vor allem das, was sie im Konzentrationslagern Dachau hatte sehen müssen. Und das ausgerechnet in der Badwanne des Diktators in dessen Wohnung im besetzten München. Welch ein Kontrast: die zarte, nackte Gestalt und die neben der Wanne abgestreiften klobigen Armeestiefel.

Als Kriegsberichterstatterin des US-Magazins Life betrat sie mit US-Soldaten die Privaträume Hitlers. Ihr jüdischer Kollege David E. Scherman, der sich von ihr ebenfalls in Hitlers Wanne ablichten ließ, hielt Millers drastische, groteske Geste der Aneignung fest. Beide Aufnahmen hängen jetzt beredt nebeneinander in der Lee-Miller-Schau der Berliner Festspiele. Zwei Säle des Martin Gropius-Baus geben in Schwarz-Weiß, meist in kleinen Formaten und in schlichten schwarzen Rahmen, einen Überblick des Werkes dieser einzigartigen Fotografin.

Es könnte gegensätzlicher nicht sein: Sie startete ihre Laufbahn 1929 in Paris, als Fotomodel der Zeitschrift Vogue, im Atelier des Surrealisten Man Ray, dem sie Muse und eigensinnige Assistentin war. Ihre Akte, Pariser Porträts, Straßenszenen erzählen von der kühnen Suche nach einer verfremdenden, fragmentierenden Bildsprache. Durch „Solarisation“ (Überbelichtung) gelangen ihr gleichsam metaphysische Motive.

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Mode und Krieg: Millers „Brandschutzmasken“, London, England 1941.

Foto:

Lee Miller Archives,England 2016

Mode und Kriege

Mit ihrem späteren englischen Ehemann, dem Buchautoren Roland Penrose, reiste sie 1938 via Griechenland nach Rumänien, hielt Tempel, Landschaften und archaische Alltagsszenen fest, immer in metaphorisch-surrealer Manier. Ab 1940 arbeitete sie in England für die britische Vogue und ließ sich 1944 als Kriegsreporterin akkreditieren. Sie fotografierte englische Models vor Ruinen und mit illustren Masken beim Bomben- und Brandschutz-Warndienst, zog mit den vorstoßenden US-Truppen durch Europa. Sie war mit der Kamera dabei, als die KZ Dachau und Buchenwald befreit wurden, stand vor den Ausgehungerten, den wie erloschenen Blicken der Häftlinge, den Leichenbergen. Und sie richtete die Kamera auf Nazi-Büttel, nunmehr mit Todesangst in den Augen.

Erschüttert bis ins Mark, machte Lee Miller Fotos von den Nazi-Verbrechen, angesichts derer man das Gefühl habe, „die Augenlider seien einem abgeschnitten worden“, so berichtete ein Freund. Und sie schrieb die Texte zu all den Aufnahmen selbst. Die Zeit als Berichterstatterin bedeutete für Miller den Absturz aus den Höhen der Kunst auf den Boden der bitteren, gnadenlosen Realität des Krieges. Vor den Augen des Ausstellungsbesuchers verebbt in diesem Werk – von der Schönheit surrealer Akte über die Porträt-Experimente und malerischen Landschaften – alles Poetische.

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Befreite Gefangene auf  den Schlafpritschen“, Dachau, Deutschland, 1945

Foto:

Lee Miller Archives,England 2016

Verstörend sind die Aufnahmen aus dem Büro des Leipziger NS-Bürgermeisters, der sich samt Familie das Leben nahm. Die Tochter liegt, ätherisch wie ein Engel, im Sessel. Oder dieses Bild: „Explodierende Hand“, gemacht in einer Pariser Einkaufsstraße: Die von Lichtreflexen getroffene Hand scheint auszufransen, zu verlöschen. Und auch die Londoner Masken-Mädchen vor der Öffnung zum Luftschutzkeller stehen keineswegs für eine kokette paramilitärische Spaß-Exkursion. Die„Fire Masks“ markieren gerade auch das britische Selbstbild einer robusten Kulturnation, die sich gegen den Blitzkrieg der Nazis mit Selbstironie wappnete.

Schönheit trifft auf Hässliches

Schönheit und Anmut treffen bei Lee Miller auf Derbes, Hässliches , ihre Neigung zur Fetischisierung, ihre Vorliebe für surreale Stilelemente ist selbst im real-bizarren Kriegsalltag nicht zu übersehen, etwa, wenn 1945 an einem barocken Palast in Wien ein riesiges Lenin-Porträt prangt: Opportunismus der Marke k.u.k.

Und so zählen Millers Aufnahmen zu den eindringlichsten Kriegsdokumenten des 20. Jahrhunderts. Die Vogue-Leserschaft freilich wollte den radikalen Wechsel von der artifiziellen Stilisierung zur krassen Dokumentation von Diktatur, Krieg, Verbrechen nicht wahrhaben. Und so fand Millers Sohn Antony Penrose, geboren 1947, heute Direktor des Lee-Miller-Archivs und des Museums im Farley Farm House im englischen Chiddingly, die meisten der KZ-Fotos erst nach ihrem Tod. Verkramt auf dem Dachboden. Ach ja, die Eltern, diese unbekannten Wesen. Er erlebte die Mutter seit den Fünfzigern depressiv, sie trank. Als er ihre Kriegsbilder entdeckte und seither öffentlich macht, sehen auf einmal alle die vernarbten tiefen Wunden in Lee Millers Seele.