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Umstrittene Ausstellung: Nackte Wilde im Humboldt Lab

Ein Bild aus dem umstrittenen Helmi-Video: Der Forschungsreisende Adrian Jakobsen − unterwegs im Auftrag des Berliner Völkerkundemuseums.

Ein Bild aus dem umstrittenen Helmi-Video: Der Forschungsreisende Adrian Jakobsen − unterwegs im Auftrag des Berliner Völkerkundemuseums.

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Staatliche Museen zu Berlin/Das Helmi

Berlin -

Der ehemalige Leiter der Nordamerika-Abteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem, Peter Bolz, ist entsetzt. Was da in „seiner“ Sammlung zu sehen sei, trete alles, wofür sich Ethnologen in den letzten Jahrzehnten eingesetzt hätten, mit Füßen. Statt für ein tieferes Verständnis zwischen den Kulturen zu sorgen, würden hier unter der Verantwortung der Museumsleitung „Indianerklischees auf unterstem Niveau“ verbraten.

Schaumstoff-Orgie

Was Bolz so empört, findet in keinem geringeren Rahmen statt als im sogenannten Humboldt-Lab, dem Experimentierfeld, in dem das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst in Dahlem in ihren Räumen an ausgewählten Stellen Präsentationsformen ausprobieren, die für das künftige Humboldt-Forum im künftigen Stadtschloss von Bedeutung sein könnten. In dem besagten Fall sorgt dafür das Puppentheater Helmi. Es hat für das Museum einen Videofilm produziert, in dem mit den typischen Helmi-Schaumstoffpuppen die dubiosen Abenteuer des Forschungsreisenden Adrian Jakobsen dargestellt werden. Kapitän Jakobsen hatte auf mehreren Reisen Angehörige von Naturvölkern, wie das damals hieß, für Hagenbecks Völkerschauen in Hamburg angeworben. Im Auftrag des Berliner Völkerkundemuseums, zu dem er mit reicher Beute heimkehrte, reiste er nach Nordamerika zu den Indianern. Viele der von ihm beschafften Objekte sind auch heute noch Bestandteile der Dahlemer Schau.

Die Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König, beabsichtigte mit der Beauftragung des Helmi, einen typischen Ausschnitt der Geschichte ihrer Sammlung am Beispiel Jakobsens auf unterhaltsame Weise anschaulich zu machen. Das Helmi wäre nicht das Helmi, wenn es dabei nicht schräg in jeder Hinsicht zuginge, derb, anarchisch, selbstironisch, absurd.

Wie immer sind auch in dem Video „Der von einem Stern zum anderen springt“ die Puppen provozierend schlampig gefertigt, wie immer treten die Puppenspieler selbst ins Bild neben ihre Puppen, aber diesmal sind sie provozierend nackt (live am 15., 16. Oktober im Ballhaus Ost). Was den Ethnologen Bolz und etliche seiner Kollegen vor allem empört, ist die Darstellung eines indianischen Potlatch-Festes als Orgie nackter Wilder. Bolz sagt: „Man stelle sich vor, dass Vertreter von Indigenen von der Nordwestküste im Saal anwesend gewesen wären. Die hätten sofort unter Protest Berlin verlassen und wären nie wiedergekommen!“

So kommt es im Museum zum exemplarischen Clash of Civilizations. Die Verletzbarkeit traditioneller indianischer Kulturen, stellvertretend vertreten vom Völkerkundler, trifft auf den anarchischen Humor des Berliner Puppentheaters, zu dessen Markenkern gehört, dass ihm nichts heilig ist. Direktorin Viola König verteidigt sich mit dem Hinweis, das Helmi habe gemacht, was es machen sollte, nämlich die Tagebücher des Kapitän Jakobsen spielerisch umzusetzen mit allen zeittypischen Vorurteilen.

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