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Vivian Maier : Grandiose amerikanische Straßenfotografie im Willy-Brandt-Haus

Neugierig, ernst und staunend auf Amerikas Straßen: Selbstporträt mit Kamera, 1955.

Neugierig, ernst und staunend auf Amerikas Straßen: Selbstporträt mit Kamera, 1955.

Foto:

Vivian Maier/Maloof Collection/Howard Greenberg Gallery NY/Public Lybrary NY

Ein „Seam öffne dich!“ ist zu erleben. Alle diese Bilderschätze, die jetzt in der Regine-Hildebrandt-Galerie des Berliner Willy-Brandt-Hauses die Wände füllen, steckte bis vor wenigen Jahren noch in Kisten.

Als das aus New York stammende Kindermädchen Vivian Maier 2009 83-jährig in Chicago starb, gehörten zum Nachlass Kisten mit Fotos und etwa 6 000 zum Teil nicht entwickelten Filmen. Dafür hatte der Fotografin das Geld gefehlt, sie wollte wohl auch gar nicht ausstellen. Der Krimskrams der alten Dame kam zur Versteigerung. Der Immobilienmakler und Hobby-Chronist John Maloof erstand bei einer Auktion eine der Kisten, sichtete Fotos und Filme – und war wie elektrisiert. Hier hatte jemand fotografiert mit dem untrüglichen Gespür für den entscheidenden Moment. Hier vereinten sich Zufälligkeiten des Straßen-Alltags zu perfekten Kompositionen. Und hier betätigte ein eher introvertiertes weibliches Naturell den Auslöser mit einem tiefen Blick fürs Nebensächliche, dabei doch so Exemplarische – und fürs Kuriose, auch fürs Phantastische.

Maloof stellte gleich 200 Motive ins Internet. Schon gab es eine Fan-Gemeinde. Maloof wurde das, was man einen Vermächtnis-Vollstrecker nennen kann; denn gerade sein schon letztes Jahr große Begeisterung auslösender Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ (in der Ausstellung zu sehen) rettete eine Ausnahmefotografin im Nachkriegs-Amerika davor, von der Welt gar nicht erst entdeckt zu werden, bevor sie ganz vergessen wäre – etwa von den einstigen Schützlingen des lebenslangen Kindermädchens.

Drei von ihnen aber hatten in der „Chicago Tribune“ einen liebevollen Nachruf auf ihre ehemalige Nanny veröffentlicht. Den las Maloof zufällig – und zum Glück für dei Welt. Denn als er mit seinem Fund den berühmten Fotosammler Howard Greenberg kontaktierte, soll diesem geradezu der Atem gestockt sein. Auf einmal gab es da eine Unbekannte, in einer Reihe mit US-„Straßenfotografen“ wie Diane Arbus, Elliott Erwitt, Robert Frank.

Frappierend, diese „nur“ 120 zumeist Schwarz-Weiß-Motive, aufgenommen mit einer Rolleiflex und etliche – seit den Siebzigerjahren – in Farbe. Dafür hatte Maier sich eine Leica angeschafft. Die Berliner Schau – die erste über Vivian Maier in Deutschland überhaupt – kann nur ein Ausschnitt, ein Extrakt sein, wenn man bedenkt, dass es 120 000 Aufnahmen gibt – von der Welt damals, die für Maier ständig in Bewegung war – und sie mittendrin.

Sie fotografierte anscheinend zu jeder Tageszeit und in jeder Lebenslage, erst in New York, später in Chicago, wo sie die Kinder anderer Leute großzog, die Freizeit mit dem Auge hinter dem Objektiv nutze, statt mit üblichen Kindermädchen-Vergnügungen in der „Eis-am-Stil“-Ära. Mit dem Geld einer kleinen Erbschaft war die Single-Frau viel gereist. Zugang zur Welt bot die Fotografie. Besessen lichtete sie alles ab – auch sich selber, gespiegelt in Schaufenstern, in derben Mänteln, Blümchenbluse, mit rundem Hut. Oder nur als geheimnisvoller Schattenriss, als Phantom.

Kuratorin Anne Morin ließ an den Anfang der Schau im Brandt-Haus ein Zitat von Virginia Woolf an die Wand schreiben: „Alle Essen sind gekocht, die Teller und Tassen abgewaschen, die Kinder zur Schule geschickt und hinaus in die Welt gegangen.“ Aber kein Biograf oder Geschichtsschreiber, so die Schriftstellerin, würde an sie erinnern – die Kindermädchen dieser Welt.

Dass es diese Ausstellung und zuvor schon ein großartiger Film doch tun, lässt hoffen.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Kreuzberg. Bis 12. April, Di–So, 12–18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderlich


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