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Widerspruch gegen Kritik: Diese Biennale ist nicht schwach!

Besucher gehen an einem Werk des Künstlers Zachary Cahill vorbei, das im Rahmen der Biennale im "Institute for Contemporary Art" in Berlin gezeigt wird.

Besucher gehen an einem Werk des Künstlers Zachary Cahill vorbei, das im Rahmen der Biennale im "Institute for Contemporary Art" in Berlin gezeigt wird.

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dpa

In der Kunst ist es wie mit anderen Dingen im Leben. Die einen reden so. Und die anderen so. Es ist eben eine Frage der Wahrnehmung.

Die internationalen Medien wie die Berliner selbst lassen viel Zustimmung zu dieser 8. Berlin Biennale erkennen. Vielleicht, weil hier alle so patriotisch sind? Weil wir unter den Hunderten von Biennalen auf dieser Welt, bei all der beklagten Beliebigkeit, an unserer „berlinischen“ festhalten und auch glauben wollen, dass sie noch immer etwas Anderes, etwas Besonderes ist. Etwas, das uns Bedeutendes, auch Nachhaltiges sagt über Hier und Jetzt und Kunst und Leben?

Diese Schau, auf der 53 Künstler jeden Alters und aus aller Welt, vor allem von den Rändern, ausstellen, läuft seit zehn Tagen und hatte überraschend gleich in der ersten Woche so viel Zulauf wie nie zuvor. Und das, obwohl sie den Blick erstmals – weg vom hippen Mitte-Bezirk – in den alten, elegant-angestaubten Westen der Stadt lenkt. Hinaus nach Dahlem, in die dortigen Museen, die wegen der Randlage unter Besuchermangel leiden. Weshalb, nach dem Willen der Kulturpolitik – die ethnologischen Sammlungen ja bald ins neue Stadtschloss, ins Humboldt-Forum nach Mitte umziehen sollen.

Zehlendorfer Streuselkuchen

Doch jetzt auf einmal fahren die Leute massenhaft nach Dahlem. Und wenn sie draußen sind, dann sitzen sie noch lange nach der Museums-Schließzeit auf der grasbewachsenen Eingangsterrasse. Offenbar können sie sich nur schwer trennen von dem, was sie gerade gesehen haben. Da ist also Bedarf, darüber zu reden – oder zu sinnieren.

Das indes erscheint renommierter Kunstkritik aus anderen Landesmetropolen, die ja gern leidenschaftlich über Berlin und dessen Pleiten, Pech und Pannen höhnen, eher kein Zeichen für tiefere Rezeption. Sie sehen die Biennale, die sich aus dem mythosstrapazierten Mitte hinausbewegt ins 25 Jahre lang vergessene südliche, „langweilig“-bürgerliche Westberlin als „hasenfußläufig“, als „schwach“.

Es fällt gar der süffisante Begriff „Wissenschaftsfolklore“. Die Kunstwerke würden „weggesargt“, neben den Vitrinen mit den Völkerkunde-Artefakten, den Totems, den Ritual-Objekten untergegangener Kulturen. Überhaupt seien all die „schönen Dinge“ und das, was Künstler hinzufügten, eher keine Kunst. Wenn überhaupt, dann selbstreferenziell, abweisend und ohnehin erklärungsbedürftig, wie fast alle neue Kunst. Auch findet eine Münchner Kritikerin es zu beschaulich, also spießig, wenn Besucher im Haus am Waldsee nach der Kunst im Garten am See Musik genießen und der Genuss eines Stückes Streuselkuchen das Aufregendste sei.

Nun, wenn es um Aufreger geht, soll gesagt sein: Diese Biennale 2014 ist tatsächlich das Gegenteil zum Polit-Spektakel von 2012. Keine Occupy-Aktion, keine Polizei, keine Megafone. Stattdessen lädt sie zu einer Art ethnologischer Exkursion, zum Entdecken gewisser „Immigrationen“ der Formen, Zeichen, Symbole über Kontinente, Epochen hinweg. Sie bietet entschleunigende Poesie, Exkurse in die Völkerkunde und die wechselvolle Geschichte, auch des Kolonialismus und Postkolonialismus. Sie verweigert die Indienstnahme der Kunst – als Vorzeige- Weltverbesserer durch die Politik wie durch den gierigen turbomotorigen Kunstbetrieb.



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