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Yad Vashem im DHM Berlin: Eine Ausstellung gegen die Schrecken des Nationalsozialismus

Brutale Lager-Wirklichkeit und in der Ferne schneebedeckte Gipfel wie eine fast religiöse Utopie von Freiheit: Leo Breuers „Pfad zwischen den Baracken“, 1941.

Brutale Lager-Wirklichkeit und in der Ferne schneebedeckte Gipfel wie eine fast religiöse Utopie von Freiheit: Leo Breuers „Pfad zwischen den Baracken“, 1941.

Foto:

Leo Breuer/DHM/Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Wenn es in der Bilderflut unserer Tage noch etwas gibt, das einem, wie es im Hebräischen heißt, „den Bast von der Seele zieht“, dann sind es solche Bilder: Hundert Gemälde, Grafiken und Zeichnungen, die in Konzentrationslagern, Ghettos und Vernichtungslagern entstanden. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat sie nach Berlin ausgeliehen. Das Deutsche Historische Museum (DHM) zeigt diese einzigartigen Zeugnisse.

Zehntausend solcher Kunstwerke, von bekannten jüdischen, in Lagern ermordeten Malern wie Felix Nussbaum und von unbekannten Zeichnern, gehören zu den Sammlungen dieser bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte weltweit. Seit 1953 wurde das Erinnerungszentrum auf den Hügeln vor Jerusalem erbaut. Die Auswahl für das DHM ist die größte ihrer Art in Europa. Zu kostbar sind die Papierarbeiten, als dass man ihnen das Reisen erlaubt. Sie enthalten Motive des Grauens und zugleich das Elementarste und Berührendste: Motive der Erinnerung und Zuversicht.

Merkel berührt

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich berührt von der Ausstellung. Die Bilder einer Achtjährigen, die im Versteck vor den Nazis Mädchen im Feld oder am Klavier gemalt habe, zeige die große Sehnsucht nach einem normalen Leben und nach Freiheit, sagte Merkel bei der Ausstellungseröffnung am Montagabend. Es handele sich sowohl um eine Kunst-, als auch um eine Geschichtsausstellung.

„Man wird auf dichte Art konfrontiert mit persönlichen Schicksalen. Durch die Kunst ist es möglich geworden, etwas von der Kraft und dem Leiden dieser Menschen zu spüren.“ Man könne sich diesen Bildern nicht entziehen. Gezeigt werde der Alltag jenseits von Alltäglichkeit, totenstille Landschaften und beklemmende Lagerszenen. Details wie tiefe Schatten um die Augen von Porträtierten oder ungewöhnliche Bilderformate wiesen darauf hin, unter welchen Umständen die Werke entstanden seien.

Sie hoffe, dass die Ausstellung auch jungen Menschen die Schrecken des Nationalsozialismus nahe bringen könne. Die Bilder mahnten, „das, was geschehen ist, für immer im Gedächtnis zu halten, die Erinnerung an die Opfer zu wahren und die ganze Kraft für das Nie wieder einzusetzen“, sagte Merkel und erinnerte an den 27. Januar, den Holocaust-Gedenktag. Besonders hob sie das Bild von Felix Nussbaum hervor, der einen jüdischen Flüchtling gezeichnet hat. Es sei ein eindrucksvolles Bildnis von einem, „der nirgends auf der Welt eine Heimat, ja nicht einmal einen Platz hat“.

Entstanden unter Lebensgefahr

Die meisten Bilder entstanden unter Lebensgefahr in Konzentrationslagern, Ghettos, auf Transporten. Ausgedrückt sind die Schrecken, die Ängste, die Lebenshoffnung, die Fantasie, die Schönheit von Landschaften, die die Künstler-Häftlinge nur aus der Ferne sehen durften.

Vierhändig haben sich 1941 etwa Karl Robert Bodek (ermordet in Auschwitz) und Kurt Conrad Löw (er konnte in die Schweiz fliehen) hinausgeträumt aus der Internierungslager-Hölle im südfranzösischen Gurs: „Ein Frühling“ lässt nicht die Lagerbaracken dominieren, sondern über dem Stacheldraht einen dem schrillen Gelb des stigmatisierenden Judenstern-Abzeichens nachempfundenen Schmetterling. Er fliegt in die Freiheit weg aus der brutalen Wirklichkeit. Das bisschen Himmel, die schneebedeckte Bergsilhouette im Hintergrund zeigen die unendliche Sehnsucht.

Leo Haas, der einzige überlebende Maler aus der Künstlergruppe des Ghettos Theresienstadt, hatte der Judenrat vor dem Transport nach Auschwitz bewahrt, indem man ihn als „unabkömmlichen“ Bauzeichner beauftragte.

Er zeichnete mit Tusche die Ankunft eines Transportes: der namenlose Menschenzug, die Bäume im verschneiten Gelände schwarz und kahl, als bedrohliches, perfides Spalier am Wegrand. Die Deportierten sind vor, neben, hinter den Bäumen als Spiralform wahrzunehmen, ein unheilvolles Zeichen im Schnee, über dem Rabenvögel kreisen. Am linken unteren Bildrand sieht man aber auch deutlich ein „V“ – als Chiffre für den Widerstand, den es auch gab.

Es sind der Überlebenswille, die geistige Stärke und die Trotz-Alledem-Fantasie, die aus diesen starken Bildern sprechen, die rufen, ja, schreien. Die Sehnsucht nach Kunst stemmte sich gegen die Entmenschlichung durch die Deutschen: Ihr könnt uns demütigen, quälen, ihr könnt uns ermorden. Aber eins könnt ihr nicht haben: unsere Seele.

Klägliche Reste von Zivilisation

Diese Seele der Gemarterten – sie steckt als Schmetterling überm Stacheldraht, als geblümtes Sommerkleid, als sonnenüberstrahlte Bergkuppe oder als Globus auf dem Holztisch eines Kerkers in den Bildern. Welche Transzendenz. Und welche Religiosität in den Landschaftsdarstellungen.

Zusammengestellt wurden die Werke von den Kuratoren Eliad Moreh-Rosenberg (Yad Vashem) und Walter Smerling (Stiftung für Kunst und Kultur) in drei Kapiteln, arrangiert auf hellgrauer Wandfarbe und in schlichten Holzrahmen. Der erste Teil ist überschrieben mit: Wirklichkeit. In jedem Motiv ist der Tod gegenwärtig, direkt oder metaphorisch. Die Täter, die Büttel sieht man nicht, dafür Lager-Szenen, klägliche Reste von Zivilisation: die vollgestopften Baracken, die obszöne Not zerstörter Privatsphäre.

Bezwingend sind die Porträts: Gesichter auf der Schwelle zum Tod, Züge, die sich dem Letzten widersetzen – dem Raub der Identität. Ein feines Selbstporträt der Berlinerin Charlotte Salomon von 1941, ermordet 1943 in Auschwitz-Birkenau, offenbart eine Mischung aus Lebenswille und Resignation.

Um die „Aussöhnung“ mit den Deutschen weiter zu befördern, hatte der Bild-Zeitungs-Chef Kai Diekmann schon 2012, nach einem Yad-Vashem-Besuch, diese Ausstellung angeregt. Unter den Gästen zur Vernissage war auch die greise Malerin Nelly Toll, angereist aus den USA. Sie überlebte im Ghetto von Lemberg, in einem Versteck. Von dort heraus hatte sie die verbotene, weil tödliche Außenwelt beobachtet. Sie war acht Jahre alt, als sie die zwei „Mädchen im Feld“ in ihren Blumenkleidern malte. Ein grandioses, ein wunderschönes Bild des Über-Lebens, der Gewissheit, das das Leben weitergeht.