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Laudatio für Volksbühnenintendant Frank Castorf: Ulrich Matthes fühlt sich missverstanden

Sektionsleiter Ulrich Matthes.

Sektionsleiter Ulrich Matthes.

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dpa/Maja Hitij

Am Freitag teilte die Akademie der Künste mit, dass sie den Großen Kunstpreis Berlin an den Volksbühnenintendanten Frank Castorf vergibt. In der Laudatio von Sektionsleiter Ulrich Matthes heißt es: „Ohne Zweifel ist Frank Castorf ein Großkünstler vom Range eines Picasso für das Theater, und von seinem Œvre geht eine Energie und Strahlkraft aus, mit der sich jeder auseinandersetzen muss – ganz egal, wo genau er selbst das weite Feld der Kunst beackert.“ Der letzte Halbsatz bezieht sich auf „jeder“ und nicht auf „Castorf“. Gemeint ist also nicht, dass es egal ist, wo Castorf das Feld der Kunst beackert. Sondern: Jeder, egal wo er das weite Feld der Kunst beackert, muss sich mit dem Œuvre von Castorf auseinandersetzen. Weil der hier unterzeichnende Autor diesen Satz falsch verstanden und kommentiert hat, bekam er eine vergnatzte SMS von Ulrich Matthes. Hier der Versuch, das Missverständnis per Interview aufzuklären.

Herr Matthes, Sie fühlen sich missverstanden …

Und ob! Aber ich hab mich jetzt wieder abgeregt. Haben Sie den Satz denn jetzt verstanden?

Ich glaube ja. Nach mehrmaligem Nachlesen. Aber man kann ihn auch anders verstehen, oder?

Mittlerweile, auch nach mehrmaligen Nachlesen, habe ich begriffen, dass man ihn tatsächlich anders verstehen kann. Allerdings habe ich fünf oder sechs Leuten den Satz vorgelegt ? und keiner hat ihn so verstanden wie Sie. Über Castorf hätte ich doch nicht geschrieben, dass er das weite Feld der Kunst beackert. Diese etwas blumige Formulierung habe ich gewählt, um zu zeigen, dass an Castorf kein Künstler ? egal welcher Sparte ? vorbei kommt. Die Strahlkraft von Castorf ist in Mitteleuropa so groß, dass jeder andere Künstler, jede andere Künstlerin sich dieser Energie nicht entziehen kann, selbst wenn man anders arbeitet ? so wie ich zum Beispiel. Das führe ich in meiner Laudatio aus.

Wie ich Ihrem Groll entnehme, gehören Sie nicht zu denen, die sich über den Rauswurf von Castorf damit trösten, dass Castorf überall Inszenierungsangebote bekommt.

Es ist natürlich überhaupt nicht wurscht, wo Frank Castorf Theater macht! Es gibt Leute, die das so sehen, aber da bin ich völlig anderer Meinung. Deshalb fühle ich mich so schrecklich missverstanden. Es ist etwas völlig anderes, wenn Castorf im Berliner Ensemble bei Oliver Reese seine Inszenierungen abschmeißt, als wenn er innerhalb seines gewachsenen Gesamtkunstwerkes Volksbühne arbeitet ? mit dem unersetzlichen Bert Neumann, aber auch mit der legendären Sekretärin Elke Becker, also mit all den Leuten. Es ist natürlich was anderes, wenn er am Rosa-Luxemburg-Platz, zehn Minuten von da, wo er uffjewachsen ist, sein Theater macht oder mal in Zürich, mal am BE, mal in Paris, mal in Montevideo, mal in China.

Wollten Sie Castorf mit dem Preis trösten? Oder wollten Sie den Regierenden Bürgermeister für seine Entscheidung gegen Castorf kritisieren?

Das wäre alles viel zu popelig! Castorf ist zu bedeutend, als dass er ein Trostpflästerchen bräuchte. Und ich hätte es genauso popelig gefunden, Müller, den ich grundsätzlich schätze, einen Tritt in den Hintern zu verpassen und gehässig zu denken, mal gucken, wie er Castorf den Preis überreicht. Ich habe die Entscheidung von Müller und seinem Staatssekretär Tim Renner, Castorfs Vertrag nicht über 2017 hinaus zu verlängern, immer für falsch gehalten. Aber es ging bei der Entscheidung der Jury um Castorfs enorme Lebensleistung, nicht um einen kulturpolitischen Kommentar. Dazu ist der Preis zu bedeutsam.

Dass der Preis im Zusammenhang mit dem Ende von Castorfs Volksbühne gesehen wird, haben Sie doch vorausgesehen. Zumal er ihn aus der Hand des Regierenden bekommt.

Das kann jeder interpretieren, wie er möchte. Das ist mir zwar nicht ganz wurscht, aber ich kann es nicht ändern. Ich will gar nicht abstreiten, dass wir uns kurz mal zugezwinkert haben bei der sympathischen Vorstellung, dass es zu einer sicher freundlichen Begegnung von Müller und Castorf kommt. Ich gehe davon aus, dass beide die Größe und auch den Humor für eine würdige Preisverleihung haben.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.


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