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Leipziger Buchmesse: Berliner Verlag bekommt Kurt-Wolff-Preis

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imago/Rolf Zöllner

Am Anfang war ein Witz. Gegründet wurde der Verbrecher Verlag vor 18 Jahren „aus Lesegier“ und eigentlich als launiger Scherz. Die 25-jährigen Studenten der Literaturwissenschaft, Jörg Sundermeier und Werner Labisch, schrieben Autoren an, um an deren Manuskripte zu kommen, von denen sie gerüchteweise gehört oder gelesen hatten, die aber absehbar nicht veröffentlicht wurden. Um sich selbst aus der moralischen Verpflichtung zu stehlen, das eintreffende Zeug dann wirklich zu veröffentlichen, wählten sie „Verbrecher Verlag“ als Namen. Wer seine Manuskripte einem solchen Verlag anvertrauen würde, wäre ja wohl selber schuld. Im Briefkopf stand lange ein fiktives Zitat von Jakob Michael Lenz: „Denn Verbrechen schafft Gerechtigkeit.“ Das erste Buch der Pseudo-Verleger kam 1995 eher zufällig und aus purer Naivität zustande: Es war Dietmar Daths „Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini“.

Von Mama durchgefüttert

Weil die Verlagsarbeit, von der die zwei Autodidakten keine Ahnung hatten, sich als ganz schön schwierig herausstellte, distanzierten sich die beiden erst mal davon, um sie vier Jahre später mit dem Comic „Tigerboy #16“ vom befreundeten Oliver Grajewski doch wieder aufzunehmen. Von 1999 bis Mai 2004 wurden „Verbrecher Versammlungen“ im Kaffee Burger, danach im Festsaal Kreuzberg und seit 2007 in der Bar Monarch abgehalten.

Das „Startkapital“ bestand anfangs in den Ersparnissen, die die beiden Möchte-vielleicht-gern-Verleger als Altenpfleger im Zivildienst zurückgelegt hatten. Ja, so was ging , wenn man zu Hause in Berlin oder Bielefeld wohnte und von Mama durchgefüttert wurde.

Zehn bzw. zwölf Jahre arbeiteten sie übrigens weiterhin in der ambulanten Altenpflege – „da lernt man organisieren“– bis die hierarchische Gängelung und das gefühlskalte „Satt-und-sauber-Prinzip“ zum unaushaltbaren „Ideologiekonflikt“ führten. Denn allein von der Verlagsarbeit leben, kann bis heute keiner der Beteiligten. Drei halbe Stellen sind derzeit drin. Sundermeier verdient ein Zubrot als gelegentlicher Autor für die Berliner Zeitung, taz und Dschungelworld.

Seit Labisch 2010 seiner Frau nach Leipzig folgte und sich nun dem Selberdichten hingibt, leitet Sundermeier den Verlag alleinverantwortlich. 196 lieferbare Titel, 224 gedruckte, darunter die vielgelobten Tagebücher des Anarchisten Erich Mühsam oder die Werkausgabe der DKPistin Gisela Elsner, Bücher von Chaim Noll, Irmtraud Morgner, Peter O. Chotjewitz oder Sarah Schmidt („geile Dialoge“), jeweils erstmal in Klein-Auflagen von 2 000 Exemplaren, sind eine ziemlich ansehnliche Bilanz für einen Verlag, der ursprünglich mal gar keiner sein wollte. Wir gratulieren!!!

Preisverleihung Freitag, 13 Uhr, Berliner Zimmer, Halle 5, Laudatio Dietmar Dath.