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Leo/Gutsch: Komm zurück, Ai Weiwei, und lass die Flüchtlinge in Ruhe!

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Zeltstadt in Idomeni (24.03.2016).

Foto:

dpa

Ich war in dem Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Ich sollte eine Geschichte über die Menschen dort schreiben, und einer der ersten Menschen, denen ich begegnete, war der chinesische Künstler Ai Weiwei.

Man konnte Ai Weiwei nur schwer übersehen, weil er sehr groß und dick ist, außerdem schwirrten ständig ein paar seiner sehr dünnen Assistentinnen, etliche Kameraleute und ein ordentlicher Pulk Schaulustiger um ihn herum. Ai Weiwei stapfte mit großen Schritten und bedeutsamer Miene durch das Flüchtlingslager. Er legte Kindern seine fleischige Hand auf den Kopf, schloss Frauen, die sich vergeblich wehrten, in die Arme. Dann erblickte er ein kleines Zelt, in dem eine Flüchtlingsfamilie gerade beim Tee zusammensaß. Ai Weiwei beugte sich zu ihnen hinunter, wollte sich offenbar dazusetzen, verlor dabei aber das Gleichgewicht und stürzte in das Zelt, das dabei fast zusammenbrach.

Die Flüchtlingsfamilie betrachtete Ai Weiwei mit vor Schreck geweiteten Augen. Ich meine, man muss sich nur mal kurz in diese Leute hineinversetzen, die vor dem Krieg flüchteten, monatelang unterwegs waren, schließlich hier ankommen, und beinahe unter einem riesigen Chinesen begraben werden. Ai Weiwei bat um Verzeihung, zog dabei jedes einzelne Familienmitglied an seine mächtige Brust, was die Furcht der Flüchtlinge noch zu vergrößern schien. Dann zog Ai Weiwei weiter und sprach in eine Kamera, wie wichtig es für die Flüchtlinge sei, dass er hier bei ihnen weile.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Flüchtlinge von Idomeni mittlerweile ganz schön genervt sind von Ai Weiwei. Weil der fast jeden Tag kommt und immer so seltsame Dinge macht. So ließ er vor einer Woche einen weißen Flügel in das vom Regen aufgeweichte Lager bringen, auf dem eine 24 Jahre alte Syrerin spielen durfte. Die Aktion bedeute, sagte Ai Weiwei, dass Kunst den Krieg besiege.

An einem anderen Tag ließ er sich von einem Flüchtling die Haare schneiden. Die Aktion bedeute, sagte Ai Weiwei, dass er seine Haare an diesem Ort lasse und dass seine Haare niemals zu ihm zurückkehren werden. Am Strand von Lesbos stellte Ai Weiwei Anfang Februar das Foto des kleinen Jungen nach, dessen Leiche in Bodrum ans Ufer gespült worden war. Ai Weiwei lag wie ein toter Wal in der Brandung und erklärte später, es gehe darum, die vielen Opfer nicht zu vergessen.

Die Frage ist, was Ai Weiwei wohl noch so alles an Bedeutendem einfällt. Ich hätte da vielleicht eine Idee: Er könnte aus dem Stacheldraht des Grenzzauns eine Dornenkrone basteln, die er sich aufsetzt und zu einer Osterprozession durch das Flüchtlingslager trägt. Die Aktion bedeutet, dass Ai Weiwei freiwillig die Sünde und Schuld aller Menschen auf sich nimmt. Eine andere Idee wäre: Ai Weiwei pullert öffentlich ins Lager. Die Aktion bedeutet, dass die Erde von Idomeni nun auch seine Erde ist.

Zu seiner Entschuldigung muss man sagen, dass Ai Weiwei Dissident ist. Dissidenten haben es schwer, weil sie nur beachtet werden, so lange sie in der heimatlichen Diktatur eingesperrt sind. Ein Dissident in Freiheit wird den Leuten schnell langweilig. Deshalb muss er dann immer irgendwas machen, um nicht vergessen zu werden.

Bevor Ai Weiwei nach Idomeni flüchtete, waren wir Nachbarn. Er wohnte wie ich in Prenzlauer Berg. Manchmal sah ich ihn mit seinem kleinen Sohn durch die Straßen ziehen. Er wirkte schlaff und traurig, wahrscheinlich war es ihm einfach zu langweilig bei uns. Für einen Dissidenten muss der Prenzlauer Berg eine Art Sahelzone sein, weil es hier so überhaupt nichts mehr gibt, wogegen man kämpfen kann, außer vielleicht die Parkraumbewirtschaftung.

Ich finde, wir sollten eine Aktion für Ai Weiwei veranstalten. Wir stellen tausend weiße Flügel auf die Greifswalder Straße. Die Aktion bedeutet: Komm zurück, Ai Weiwei, und lass die Flüchtlinge in Ruhe!

Maxim Leo und Jochen Gutsch lesen aus ihren Kolumnen, am 28. und 29. April im Prater, Kastanienallee 7–9.



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