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Lewitscharoff-Rede in Dresden: Rassistisch, homophob und biologistisch

Wider das Fortpflanzungsgemurkse: Sibylle Lewitscharoff.

Wider das Fortpflanzungsgemurkse: Sibylle Lewitscharoff.

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imago stock&people

Sie hat es ernst gemeint, „sehr sehr ernst“. Bereits in der Einleitung zu ihrer am vergangenen Sonntag im Dresdener Theater gehaltenen Rede bat die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ihr Publikum um Verzeihung dafür, dass sie nicht, wie sonst bei ihr üblich, versuchen werde, dem „bestürzend existenziellen“ Thema „durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen“.

Ihr Vortrag im Rahmen der traditionsreichen „Dresdner Reden“ auf Einladung des Staatsschauspiels Dresden und der Sächsischen Zeitung war angekündigt unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“.

Zuerst ging es in ihrer knapp 50-minütigen Sonntagsrede um den Tod. Zum Himmel und zum Totenreich hat die studierte Religionswissenschaftlerin schon immer eine besondere Beziehung gehabt. Mit 13 hatte die 1954 in Stuttgart geborene Lewitscharoff eine „Heilserfahrung“. Ein LSD-Trip katapultierte sie in der Straßenbahnlinie 6 Richtung Degerloch aus dem schwäbischen Provinzmuff direkt in den Himmel hinauf. Dort saßen friedlich beisammen die Großeltern und der Vater, der sich zuvor mit seinem Selbstmord aus dem Staub gemacht hatte.

Mutters Todestheater

In herb schnarrendem und ganz unniedlichem Schwäbisch erzählte Lewitscharoff in Dresden nun sehr persönlich vom „würdigen“ Tod der Großmutter und dem furchtbaren des Vaters, eines aus Bulgarien stammenden Gynäkologen, der sich in seiner Praxis aufhängte, als die Tochter elf war. Das zog Verheerungen der Familie nach sich, vom wütenden „Todestheater“ der Mutter bis zur willentlichen Kinderlosigkeit der Tochter.

Seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 1998 für ihre Erzählung über den verrückten Pong und dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im letzten Jahr gehört Sibylle Lewitscharoff zu den profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen. In ihren 2011 gehaltenen Poetikvorlesungen nannte Lewitscharoff das Gespräch mit den Toten ein Ziel ihres Schreibens. In ihrem vorletzten, autobiografisch grundierten Roman schickte sie zwei lästermäulige Schwestern mit einem Reiseführer namens „Apostoloff“ nach Bulgarien ins „verpatzte“ Land ihres Vaters. Biblisch bedeutungsvoll benennt sie den Helden eines früheren Romans „Consummatus“ nach Jesus’ Ausspruch am Kreuz „Es ist vollbracht“.

Was ihre schräg verzwirbelten Romane mit religiöser Spinnerei und fantastischem literarischem Wahnsinn auflud, driftete in Lewitscharoffs Dredner Sonntagsrede aber plötzlich in christlichen Fundamentalismus ab. Die Segnungen der modernen Medizin oder auch schon eine Patientenverfügung, so polemisierte sie, seien zutiefst widerliche „Blähvorstellungen des Egomanen“, der sich anmaße, über sein Schicksal zu bestimmen, das doch allein in Gottes Hand liege. Sterbehilfegedanken, Schreck lass nach, selbst Organspendeausweise gelten ihr schon als blasphemisches Teufelwerk, das in den Masterplan des Herrn und Schöpfers eingreift.

In grauenhafter Hochform

Und wo der Tod schon demütig anzunehmende Strafe für die Erbsünde, jedenfalls vom Menschen nicht zu begreifen sei, ist es zum reaktionären Geburtsfundamentalismus nicht weit. Pränataldiagnostik? Künstliche Befruchtung? Leihmütter? Abtreibung? Da hilft auch kein Sarrazineskes Abwiegeln à la „Nicht dass Sie mich falsch verstehn...“ mehr.

Sibylle Lewitscharoff läuft in den letzten zehn Minuten ihres Vortrags zu grauenhafter Hochform auf: „Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei […] aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“

Und so erscheint ihr auch „das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

"Gefährliche Worte"

Abartige Wesen? Welche Sprache ist das denn? Die Unschuldsvermutung, so Robert Koall, der empörte Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, könne für eine Wortarbeiterin nicht gelten. Und wie um den sich aufdrängenden Vergleich mit der NS-Terminologie vom lebensunwerten Leben zu verharmlosen, setzt Lewitscharoff nach: „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar...“ .

Das biblische „Onanieverbot“ erscheint ihr, so zitiert die als erste auf die ungeheuerliche, rassistisch homophobe und fundamental biologistische Rede reagierende Zeitung taz, geradezu „weise“. Wenn Sperma zur künstlichen Befruchtung eingesetzt wird, ist ihr das „nicht nur suspekt“, ihr erscheint es „absolut widerwärtig“. Was schon bei Frau und Mann, die auf dem „natürlichen Weg“ der Kopulation kein Kind „zuwege bringen“, fragwürdig, wenngleich gerade noch verständlich ist, wird für Lewitscharoff „grotesk“, wenn sich etwa lesbische Paare „ein Kind besorgen“, indem ein „anonymer Spender oder ein Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern“. Als wär’s noch nicht genug reaktionär verklemmter Dumpfbeutelei, verunglimpft Lewitscharoff noch die „Mein Bauch gehört mir“-Emanzipation der 80er als hybride Selbstermächtigung.

In seinem offenen Brief schreibt der die Einladung Lewitscharoffs bedauernd mitverantwortende Robert Koall: „Es gibt einen Punkt, der die Dresdner Rede vom 2. März gefährlich macht. Das ist das Tendenziöse, die Stimmungsmache, das tropfenweise verabreichte Gift.“ Er schließt mit dem Satz: „Ihre Worte sind nicht harmlos, Frau Lewitscharoff. Aus falschen Worten wird falsches Denken. Und dem folgen Taten. Deshalb sind es gefährliche Worte.“