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Literatur: Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt

Auch wenn er sich im Grabe herumdrehen mag: Arno Schmidt ist einer von uns geworden. Gerade mit seiner unzeitgemäß-modernen, kopflastigen und doch selten unsinnlichen Literaten-Literatur hat er Schule gemacht.

Auch wenn er sich im Grabe herumdrehen mag: Arno Schmidt ist einer von uns geworden. Gerade mit seiner unzeitgemäß-modernen, kopflastigen und doch selten unsinnlichen Literaten-Literatur hat er Schule gemacht.

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imago stock&people

Immer finden sich Mistviecher, die mir Schwierigkeiten machen“, klagte er 1963 in einem Brief an seinen Verleger Ernst Krawehl. „Ich protestiere hiermit feierlich dagegen, jemals als ,Deutscher Schriftsteller’ von dieser Nation von Stumpfböcken vereinnahmt zu werden. Deutschland hat mich immer nur von Ort zu Ort gehetzt und miserabel für meine cyclopische Schufterei entlohnt!“ So kennen wir Arno Schmidt: Polternd, rechthaberisch, elitär, erklärtermaßen unfähig für „großzügich denk’n“, schöngeistiges Gesäusel und gutes Benehmen. Verschanzt in seinem Bargfelder Schneckenhäuschen, stilisierte er sich zum galligen Einsiedlerkrebs, ein „Gehirntier“, das, ausgerüstet mit Zettelkasten und Bibliothek, gusseisernem Gedächtnis und enzyklopädischem Weltwissen, gegen Gott und Kirche, Adenauer und Ulbricht vom Leder zog, aber auch gegen linke Schriftsteller („Ich protestiere lieber allein“), Verleger („Alle Verleger sind Ganoven“) und denkfaule Leser. Niemand fand Gnade vor Schmidts Richtstuhl, es sei denn, er hätte ihn selber übersetzt, wieder entdeckt oder, wie Karl May in „Sitara“, im Lichte seiner Etymtheorie neu interpretiert.

Aber Schmidt konnte auch anders. „Und nun auf, zum Postauto!“ zeigt ihn nicht nur als grantelnden Eigenbrötler und unerbittlichen Zuchtmeister, sondern auch als charmanten, witzigen Briefpartner von Förderern und Kollegen wie Alfred Andersch, Schul- und Kriegskameraden, Mutter und Ehefrau. Schmidt, der Rabauke, bedankt sich artig für den Goethepreis und bei Ernst Rowohlt für hochprozentige Geburtstagsgrüße und gibt seinem Meisterschüler Hans Wollschläger gutgelaunt „ehehygienisch wertvolle“ Tipps für die Arbeitsteilung im Künstlerhaushalt: Da es „infolge unserer unverschämten Suprematie im Fach“ bei den „Damen“ oft zu Verbitterung, häuslichem Ungemach oder womöglich Persönlichkeitsverlust komme, müsse man ihnen „das Ventil des ,ersten Lesers’ öffnen“, unter Männern: sie als Tippfräulein und Lektorinnen beschäftigen. Alice wusste, wovon Arno sprach; beim späten Schmidt kommen Frauen fast nur noch als matronenhafte Xanthippen oder ehrfürchtig zum altersgeilen Faun aufschauende Nymphchen vor.

Das Dechiffriersyndikat arbeitet unermüdlich

Die Frauenbewegung wurde mit Schmidt naturgemäß nie so recht warm, aber die deutschen Stumpfböcke nahmen ihm weder seine geharnischten Reden noch seine stilistischen und orthografischen Experimente übel. Kaum ein Nachkriegsautor hatte eine treuere Fangemeinde. Je verächtlicher Schmidt über Kulturbanausen, APO-„Gammler“ und faule 40-Stunden-Arbeiter herzog, je aberwitziger und unlesbarer seine Großromane wurden, desto inniger wurde er als Solitär und „Solipsist in der Heide“ gefeiert.

25 Jahre nach seinem frühen Tod ist Schmidts Mythos ein wenig verblasst; aber er gilt unbestritten als einer der wirkmächtigsten Erneuerer der deutschen Literatur und moderner Klassiker. Die Arno- Schmidt-Stiftung hat sein Werk fast lückenlos ediert (nur bei der Korrespondenz klaffen noch empfindliche Lücken); seine Bewunderer, allen voran die „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“ und sein Mäzen Jan Philipp Reemtsma, rühmen unermüdlich seinen Genius, und auch wenn der Bargfelder Bote nicht mehr zur Pflichtlektüre von alten Bibliophilen und halbstarken Gymnasiasten gehört, arbeitet das Schmidt-Dechiffriersyndikat immer noch rastlos an der Entzifferung und Popularisierung seines Werks: Radioessays, Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane, darunter der monströse „Zettels Traum“, der 1970 Schmidts Ruhm recht eigentlich begründete.

Zu Schmidts hundertsten Geburtstag am 18. Januar erscheinen unter anderem: ein „Großes Lesebuch“, die Briefsammlung „Und nun auf, zum Postauto!“, eine − erstmals erschwingliche − Ausgabe von „Zettels Traum“, der Bildband „Bargfeld Nr.37“, „Arno Schmidt für Boshafte“ und „zum Vergnügen“ und Reemtsmas Essayband „Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen“. Arte zeigt die Dokumentation „Mein Herz gehört dem Kopf“, für schlichtere Schmidtianer gibt es die Schmidt-Puppe mit Lederjacke und den Bausatz seiner Heidekate zum Basteln. Bei der Gedenkveranstaltung in der Patriotischen Gesellschaft Hamburg lesen unter anderen Brigitte Kronauer, Christoph Hein, Ingo Schulze, Christoph Ransmayr und natürlich Reinhard Jirgl, der derzeit führende Stellvertreter Schmidts auf Erden, und Uwe Timm, der sein Jugendidol 2011 in „Freitisch“ als Wegbereiter der Studentenrevolte würdigte.

Kühne Sprachspiele, trockener Humor

Auch wenn er sich im Grabe herumdrehen mag: Arno Schmidt ist einer von uns geworden. Überhaupt waren ja seine cyclopische Schufterei, seine Besserwisserei, sein Ordnungsfimmel, seine ironisch verschmidste Kreuzung aus philologischer Pedanterie, Vulgärmaterialismus und zarter romantischer Ironie deutscher als er glauben mochte. Zwischen Werk und Leben passte bei ihm allenfalls ein Blatt Papier. Bargfeld als Lebensform: Das war provinzielles Spießertum und splendid isolation, sexistische Zötchen und der Furor des Autodidakten.

Aber Schmidt war eben nicht nur der kauzige Heideschrat: Er erschloss den Deutschen neue literarische Horizonte und vermaß bis dahin unbekannte Wort- und Schauerfelder in mathematisch-pseudoexakten „Berechnungen“. Der Underdog, der von Hitler und dem Weltkrieg um seine Jugend betrogen worden war, pöbelte gegen alten Aberglauben, Wiederbewaffnung und Restauration und handelte sich Anzeigen wegen Gotteslästerung und Pornografie ein. Er hielt sich dem Literaturbetrieb stolz fern und zog verkannte alte Meister wie Schnabel, Brockes oder Wieland jederzeit Klassikern wie Goethe, Stifter oder auch der Gruppe 47 vor. Aber gerade mit seiner unzeitgemäß-modernen, kopflastigen und doch selten unsinnlichen Literaten-Literatur hat er Schule gemacht. Mit kühnen Sprachspielen und trockenem Humor, höhnischem Kulturpessimismus und der Berserkerwut des jakobinischen „Schreckensmannes“ hat er den Muff der Fünfziger Jahre gelüftet, in mancher Hinsicht 1968 vorbereitet und jedenfalls eine ganze Generation von männlichen Schriftstellern und Intellektuellen (und leider auch kalauernden Werbetextern) geprägt.


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