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"Der Fuchs" ist ein fantastisch durchgedrehter Roman

Fuchs

Das Tunnelsystem des Fuchsbaus untergräbt die Bedeutungsschichten von Stockmanns Roman.

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dpa

Sie hat es kommen sehen. Aber natürlich hat ihr niemand geglaubt. Auch Finn nicht, der nun auf einem der letzten aus den strudelnden  Wassermassen ragenden Hausdächern von Thule sitzt und an Katja denkt. Katja, die Zeitreisende, mit der er als verklemmter Junge einen Sommer verbrachte, die ihn rettete vor den gewalttätigen Dorfrowdys, die er  verriet und die daraufhin in der Jugendpsychiatrie ruhiggestellt wurde.

Das ist die Hauptgeschichte von Nis-Momme Stockmanns 700 Seiten dickem Debütroman. Eine Sturmflut hat die Kleinstadt hinterm Deich mit all ihrer „kolossalen Gewöhnlichkeit“ und Sterbensödheit ausgelöscht. Eine gnadenlose Sonne brennt, schwarze Wolken von Insektenschwärmen steigen auf, Finn deliriert vor Durst und erinnert sich. An seine Kindheit, an den verrückten Sommer mit Katja, an ihre fantastischen Verschwörungsgeschichten von einer Unterwelt des Bösen, gegen die zu kämpfen die beiden Heranwachsenden ausersehen seien. Ein abber Arm spielt  dabei eine zentrale Rolle.

Wie dieses alles zerstörende Böse entstanden ist, erzählt Stockmann in einer Parallelgeschichte. Aus Eifersucht auf die ozeanische Urmutter Tiamat backt sich  ihr machtgeiles  Männchen Abzu einen künstlichen Nachkommen. Der sieht aus wie  eine Mischung aus Comicfigur und  Sensenmann,  trägt eine metallische Gesichtsmaske, hat Messerhände und spricht blechern wie Computer in alten Science-Fiction-Filmen. In seinen rotglühenden Augenlöchern brennt das Höllenfeuer.  Und manchmal sieht er einen Fuchs.

Das Feuer des Bösen glimmt plötzlich auch in  den Augen von Baumann, genannt die Dogge, auf. Der übergewichtige Schulfreund Finns ist  der zweite Überlebende; er ballert anfangs noch mit einer Knarre weinende Kinder ab, die in Bäumen hängen; später bedroht er Finn, aber  nicht lange – der  ist schließlich der Erzähler, bei dem die Fäden der sich  immer weiter aufsplittenden Geschichte zusammenlaufen. Damit der Leser da noch durchblickt, sind im  Buch  mehrere vertikale Linien zwischen den Erzählebenen gezogen. 

Da ist Finns Kindheit dem behindertem, unverständlich orakelndem Bruder, die Abenteuer der Dorfjugend und die gebezaubernde Katja; da findet eine szenisch bis in die Dialoge  ausgemalte Beerdigung des   Außenseiters Petros statt; da geistern Monologe über  den  Gödelschen Unvollständigkeitssatz  herum, und im Untergrund mulmt der Kampf der Götter um Macht und Weltuntergang.

Jede einzelne dieser ineinander verstrickten Geschichten  könnte locker einen eigenen Roman füllen. Oder das Skript sein zu einem  unspielbaren Theaterstück,  einem bombastischen Katastrophenfilm oder einem komischen Horror-Movie.  Kein Wunder, ist der 1981 auf Föhr geborene Autor doch bislang vor allem  als Dramatiker („Fuchs frisst Weltraum“, 2012) in Erscheinung getreten. Nis-Momme Stockmann zieht alle theatralischen Register, um die großen Fragen des Seins und des Erwachsenwerdens zu verhandeln: Gut und Böse, Liebe und Verrat, Anpassung oder Widerstand, Realität und Kunst.

Als sei das noch nicht genug,  sind die  Namen schwerst mit hintergründigen Bedeutungen aufgeladen. Das Kaff nennt sich Thule wie das lateinische „ultima thule“, der sagenhafte Ort einer keltisch- germanischen Anderswelt. Der in Tiefenschichten buddelnde Finn heißt Schliemann,  ein Bildhauer namens Chronos taucht auf, und der Fuchs untertunnelt natürlich die ganzen Bedeutungsebenen.

Das könnte nun alles ganz unerträglich pathetisch sein, wäre Stockmann nicht so ein höllisch durchgedrehter und grandios unterhaltsamer Fabulierer.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt, Reinbek  2016. 700 S., 24,95 Euro.