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"Die Leute werden das, was sie glauben, jetzt offener sagen"

Christoph Hein

Der Schriftsteller Christoph Hein in Berlin.

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imago/gezett

Als literarischer Chronist seiner Zeit wird der Schriftsteller Christoph Hein oft beschrieben. Er versteht sich und seine Arbeit selbst so. Gerade erschien bei Suhrkamp sein Roman „Glückskind mit Vater“.

In dessen Mittelpunkt steht ein junger Mann, der sich in der frühen DDR als Sohn eines Kriegsverbrechers mit der Geschichte konfrontiert, in ihr gefangen  sieht. Die Handlung, vornehmlich in Ostdeutschland angesiedelt, führt bis in unsere Gegenwart.

Das Buch  gehörte zu den Gesprächsthemen auf der  Leipziger Buchmesse, die am Sonntag zu Ende gegangen ist. Christoph Hein, lange in Berlin zu Hause, lebt heute vorwiegend im sachsen-anhaltischen Havelberg.

Herr Hein, Sie gehören zu den wenigen deutschlandweit namhaften Schriftstellern, die Mitteldeutschland nicht nur aus den Medien kennen. Wie blicken Sie auf das Wahlergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt?
Ich lebe in Sachsen-Anhalt, insofern habe ich das mit größtem Interesse wahrgenommen. Es gibt ein heftiges Erschrecken im Land, aber es gibt etwas an diesem Wahlergebnis, das ich nicht als schrecklich, sondern sogar als positiv  bewerte: Wir wissen etwas genauer, in welchem Land wir leben. Wir hatten nach 1945 das große Problem, dass  in Folge der überschweren Schuld der Deutschen etwa zum Thema Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung geschwiegen wurde.  Wer sich irgendwie in diese Richtung bewegte, zumal in Ostdeutschland, war sofort ein Krimineller. Wir können mit Verboten einiges regeln, aber es geht unter der Decke weiter. Wir haben jetzt ein bisschen genauer erfahren, wo wir sind. Die Leute werden das, was sie tatsächlich glauben und meinen, jetzt offener sagen.

Was ist die AfD in Ihrer Wahrnehmung?
Ich halte es für falsch, sie in die Nazi-Ecke zu stellen. Es gibt  bürgerliche und rechtsbürgerliche Kräfte in dieser Partei, die sich genau dagegen wehren, aber wenn die Presse, die Bevölkerung und die anderen Parteien, sie in diese Nazi-Ecke stellen, dann werden wir erleben, dass sie auf einmal dort landen.  Und da könnte es ein böses Erwachen geben, auch für die CDU.
 
Die AfD hat 28.000 Stimmen aus dem Wähler-Lager der Linken und 20.000 aus dem der SPD gezogen.
Sie hat von überall her Stimmen gezogen, die meisten von den Nichtwählern. Die Wahlbeteiligung war so hoch wie lange nicht mehr  bei Landtagswahlen. Leute, die sonst alles Mist finden,  haben jetzt gewählt. Es geht gegen die da oben, gegen die Parteien. Man wählt die AfD, weil die gegen die Parteien ist.
 
Wie sollte die  Gesellschaft mit diesem Wahlergebnis umgehen?
Einfach erstmal anerkennen, dass das ein Großteil der Bevölkerung ist  – in Sachsen-Anhalt  jeder Vierte. Man sollte akzeptieren, dass das  Deutschland ist. Zu denken, die Deutschen seien seit 1945 alle Philosemiten,  ist Traumtänzerei.  Viele Parteien weigerten sich, mit der AfD zu reden, was natürlich absurd ist, wenn diese ein Viertel der Bevölkerung vertritt. Das mag unangenehm sein, aber man muss das anerkennen.
 
Ist das Wahlergebnis ein Gewinn für die Demokratie?
Klar sehen, auch auf die politischen Verhältnisse, ist immer ein Gewinn. Jetzt zu tun, als seien alle Menschen Brüder, ist ein schönes Ziel, aber unerreicht.
 
Sachsen-Anhalt ist auch der Schauplatz Ihres neuen Romans, der  über weite Strecken in Magdeburg spielt. Was macht diese Region für Sie als Erzähler so interessant?

Ich schreibe immer nur über Menschen und Landschaften, die ich kenne. Ich kann nicht über eine polnische Stadt schreiben, in der ich noch nie war, das wäre für mich am Schreibtisch unerträglich.
 
Der Held Ihres Romans ist der Sohn eines Kriegsverbrechers, den die DDR für diese Tatsache in Sippenhaft nimmt. Trotzdem bezeichnen Sie diesen Konstantin Boggosch als „Glückskind“. Was macht ihn dazu?
Er ist zunächst einmal für seine Mutter ein Glückskind. Es hilft ihr am Ende des Krieges, als die Russen Ostdeutschland erobern,  sich vor Übergriffen von Soldaten zu schützen.  Aber er ist auch selbst ein Glückskind. Er trifft immer wieder auf Leute, die ihm helfen. Er ist ein Schlitzohr, der schlimme Sachen ins Positive drehen kann. Er kommt, so schwer es ihm auch gemacht wird, mit seinem Leben zurecht. Er ist dann als Lehrer in einem Beruf, den er nicht machen wollte, mehr als glücklich.  
 
Was ist Glück? Ist es Zufall? Eigensinn? Eine persönliche Fähigkeit?
Eine Fähigkeit ist es nicht. Eigensinn: Ja. Aber Eigensinn kann auch zu großem Unglück führen. Eigentlich ist es das, was das Wort  ausdrückt: etwas unverdient zugefallenes. Der eine hat es, der andere nicht.
 
Dieses sogenannte Glückskind Konstantin Boggosch ist ja zugleich ein Sündenbock, er wird stellvertretend für ein kollektives Versagen in Haft genommen. Braucht eine Gesellschaft Sündenböcke, um zu funktionieren?
Jede Gesellschaft in der Welt, allen voran die USA. Die haben das ja ganz wunderbar mit den Sündenböcken. Auch in Deutschland sind wir groß in der Sündenbock-Suche. Das sind zum Beispiel die Flüchtlinge, die wir als Wirtschaftsflüchtlinge hinstellen. Oder es ist ein bestimmtes europäisches Land. Oder Frau Merkel, die an allem schuld sein soll.  Mit Sündenböcken kommt man mit sich selbst besser zurecht.
Ein Erzählstrang Ihres Romans widmet sich den Mitmachern, den Kollaborateuren der Macht. Sie seien die „Hefe der Gesellschaft“ heißt es, jene, die immer dafür sorgen, das alles funktioniert. Sind  also die Mitläufer unentbehrlich?
Es sind Fachleute. Weil sie sich angepasst haben, konnten sie Karriere machen. Bei einem heftigen Wechsel sind sie immer noch Fachleute. Die werden gebraucht.
 
Sollte man also besser auf Widerstand verzichten?

Es wird irgendwann Schwierigkeiten geben mit dem Rasieren. Man kann sich nicht mehr ins Gesicht blicken. Das ist ein zutiefst menschliches Problem.
 
Also ist Widerstand auch ein seelisches Gebot.
Es ist eine Menschenpflicht, sogar eine göttliche Menschenpflicht, nicht einklagbar. Irgendwo will ich ja mit mir selbst hinkommen. Sonst geschieht das, wie Nietzsche sehr schön sagte: „,Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben’,  sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“
 

Um Herkunft und Macht geht es auch in der Oper „Die Andere“, deren Libretto Sie verfasst haben und die gerade am Theater Magdeburg uraufgeführt wurde. Der Stoff ist ein biblischer. Abraham soll nach einer Prophezeiung Gottes der Urvater ganzer Völkerstämme werden, aber seine Frau Sara  wird unter diesem Erwartungsdruck nicht sofort schwanger. Sie empfiehlt Abraham, das Kind mit ihrer Sklavin Hagar, einer geduldeten Ausländerin, zu zeugen. Was reizte Sie an diesem Stoff?
Das Alte Testament hat sehr harte, brutale Geschichten. Und diese fand ich  sehr heftig und kräftig. Hinzu kam, dass ich vieles aus meiner Zeit herüberziehen konnte. Ich hatte einen Großvater, der war Gutsinspektor in Schlesien und nach 1945 der Chef von einem großen staatlichen Gut in Sachsen-Anhalt. Dort war er der unumschränkte Herrscher – und das war für mich dieser Abraham. Hagar ist die Andere, die nicht dazu gehört, sie ist ein Flüchtling, genau das, was wir jetzt auch wieder haben.
 

"Wir werden Menschen bleiben müssen"


Sie ist eine ständig von Abschiebung bedrohte Ausländerin.
Immerfort. Und sie wird gegen ihren Willen geschwängert. Das ist eine Vergewaltigung. Der Plan kommt von Sara und Abraham.  Hagar hat keine Chance. Es stellt sich schnell heraus, dass sie nicht dazugehören soll. Das ist die Situation des Flüchtlings, dem Landnahme verweigert wird.
 
Sie ist die Fremde, die ständig  auf Distanz gehalten werden muss. Brauchen wir auch das: Dieses Fremde auf   Distanz halten?

Seit Beginn der Menschheit. Die ersten Dörfer entstanden, um sich gegen andere zu schützen. So entstanden die Nationen. Wir erleben das gerade wieder selbst.  Wir machen das Fremde an der Rasse, an der Hautfarbe kenntlich, an der Sprache. Wir bunkern uns ein.
 
Warum?
Es geht um Geld. Sie wollen an unserem Reichtum partizipieren. Natürlich gehen die Fremden nicht nach Nordkorea in die Armut, ins Elend. Sie gehen in ein Land, wo sie hoffen, bald so leben zu können wie die meisten. Wir verteidigen den Reichtum. Wir verteidigen unseren Lebensstandard, weil wir fürchten, sonst eines Tages so wie die Fremden leben zu müssen.  Und wir wollen gleichzeitig unsere Humanität verteidigen. Es ist für uns nicht erträglich, ein ertrunkenes dreijähriges Kind am europäischen Strand zu sehen. Da empört sich alles in uns. Da entschließt sich sogar England, 2000 Flüchtlinge aufzunehmen, wegen dieses Fotos. Also trachten wir danach, solche Bilder hier nicht mehr zu sehen. Im Paradies ist alles friedlich und schön. Darum braucht ein Paradies sichere Außengrenzen mit Stacheldraht, Elektrozaun, notfalls Schießbefehl. Darüber wird ja diskutiert.
 
Wäre es sinnvoll, die Grenzen vollständig zu öffnen?
Nein. Das geht nicht. Dann wären die reichen Länder besonders gefährdet. Sie würden als erstes untergehen. Nein, aber wir werden Menschen bleiben müssen. Wir werden human arbeiten müssen. Es gibt Schuldige für diese Flüchtlingskrise. Diese Menschen lebten früher in Diktaturen, deren Führer uns nicht angenehm waren. Dann beschlossen die USA, dass wir die alle wegknallen und seitdem ist Chaos in den Ländern mit Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen.
 
Wie sähe heute eine humane Flüchtlingspolitik aus?
Wenn ich Ihnen diese Frage beantworten könnte, wäre ich morgen Staatspräsident.

Das Gespräch führte Christian Eger.