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„Die Zeit der Gegenwart“ von Heinrich August Winkler: Das Epoche der Unsicherheit

Eine Zäsur in der Geschichte des Westens: rauchende Trümmer des World Trade Centers im September 2001.

Eine Zäsur in der Geschichte des Westens: rauchende Trümmer des World Trade Centers im September 2001.

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dpa/Alex Fuchs

Die Tinte unter der Geschichte ist noch nicht trocken, und schon liegt sie auf dem Büchertisch. Heinrich August Winkler hat sein epochales Werk, die „Geschichte des Westens“, mit dem vierten Band abgeschlossen. Er reicht von 1991, dem Zerfall der Sowjetunion, bis in die Gegenwart. Die von dem Berliner Historiker beschriebenen Ereignisse sind noch nicht an ihr Ende gelangt, sondern im heftigsten Werden begriffen – Beispiel Ukraine-Krise und IS-Terror.

Dabei verweist der Autor darauf, dass in der heutigen Zeit Linien wieder sichtbar werden, die als längst überholt galten, zu ihnen zählt etwa der Neo-Imperialismus des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Erkennt Winkler in dem Zerfall der Sowjetunion einen Einschnitt von der Bedeutung des Zweiten Weltkriegs, so verortet er Putins Aggressionspolitik in dem Kapitel „Das Ende aller Sicherheit“. Dort finden sich auch die Darstellungen des Terrors in Syrien und Irak, die tiefe politische Krise der Europäischen Union oder die enttäuschten Hoffnungen des arabischen Frühlings.

Dass „Sicherheit“ als eine kategoriale Form der Weltanschauung und Weltdeutung im Westen besonders im Kalten Krieg verstanden wurde, haben bereits viele Historiker herausgestellt. Nun, so lautet der bestürzende Befund von Winkler, sei sie uns endgültig abhanden gekommen. Hinter dem Schleier unserer Unwissenheit in Bezug auf die Zukunft, erstreckt sich ein Zeitalter der Unsicherheit.

Dabei hatte der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama nach dem Fall der Sowjetunion noch das Ende aller Geschichte und den Triumph des Liberalismus vorausgesagt. Doch was folgte, waren Jahre stetig wachsender internationaler Krisen. So erlebte Europa Anfang der 90er-Jahre die Konflikte in Ex-Jugoslawien als eine erste Bewährungsprobe internationaler Reaktionsmechanismen zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen und Völkermord. Die internationale Gemeinschaft reagierte erst spät und viel zu zögerlich auf die Massaker in Bosnien an der muslimischen Bevölkerung durch die Serben. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg entbrannte in Europa ein Bürgerkrieg.

1999 folgte eine weitere Zäsur: Nato-Flugzeuge griffen ohne UN-Mandat in den Kosovo-Konflikt ein. „Von der rechtspositivistischen Warten aus … ein Sakrileg“, schreibt Winkler. „Völkerrechtlich legitimierte Nothilfe“ nannte es hingegen der deutsche Philosoph Jürgen Habermas. Das Recht zum Eingriff leite sich wegen der Blockade durch den UN-Sicherheitsrat aus den gegenüber allen verpflichtenden Grundsätzen des Völkerrechts ab.

2001 erfolgte der nächste grundlegende Einschnitt, der die Welt in den kommenden Jahren verändern sollte: Die Anschläge auf das World Trade Center mit mehr 2600 Toten. Die von George W. Bush als Folge der Anschläge entfachten Kriege in Afghanistan und Irak kritisiert Winkler als eine der zahlreichen Verstöße des Westens gegen seine eigenen Prinzipien. Die Folgen von Bushs Politik sind heute in aller Deutlichkeit zu sehen. Der Irak-Krieg kostete von 2003 bis 2011 4370 US-Soldaten das Leben, mehr als 100.000 Iraker kamen um. Die Kosten für die USA beliefen sich nach einer Schätzung von US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz auf bis zu 2,7 Billionen Dollar. Vor 2003 war der Irak keine Bastion des islamistischen Terrors gewesen, heute ist er es. Gewinner des Kriegs wurde ausgerechnet der Iran, der Erzfeind der USA. Zudem ist aus dem Irak und Syrien heute aufgrund der schwachen staatlichen Strukturen ein Kampf- und Operationsgebiet erwachsen, in dem der sogenannte Islamische Staat mit Terror ein Kalifat errichten will.

Geschichtsschreibung und Geschichtsdeutung

Eine der großen Herausforderungen der Gegenwart stellt aus Sicht Winklers Russland dar. Geschichtsschreibung, so zeigt sich hier, kann von Geschichtsdeutung nicht freigehalten werden. Der Krieg in der Ukraine und das Zerwürfnis mit dem Westen seien das Ergebnis einer destruktiven Politik, über deren Ziele Putin sich selbst nicht im Klaren war, schreibt Winkler. „Die Annexion der Krim durch Russland war ein klarer Bruch des Völkerrechts“, schreibt der Doyen der Historiker. „Erstmals seit 1945 hatte ein europäischer Staat auf Kosten eines anderen seine Grenzen gewaltsam ausgedehnt.“ Doch hätten die Westmächte tatsächlich einen Dritten Weltkriegs heraufbeschworen, wenn sei wegen der Krim eingegriffen hätten, wie Winkler glaubt? Hier sind Zweifel angebracht.

Von Moses bis Maastricht, dem europäischen Vertragswerk, reicht Winklers voluminöses Werk. Er liefert eine klassische Politikgeschichte mit allen ihren Vorzügen. Das Fundament bilden die normativen Ideen des Westens, wie sie in der Amerikanischen und Französischen Revolution 1776 und 1789 formuliert wurden. Die Ideen waren ihren Schöpfern, die noch eine Politik ausschließlich für Männer betrieben und überdies rassistisch waren, weit überlegen. Der Westen, so Winklers Schlussfolgerung, hat seine Ideale immer wieder verletzt. Aber sie dienten ihm auch als die Möglichkeit zur Selbstkorrektur. Und dies sei die Stärke des Westens.

Dennoch gibt Winkler zu bedenken: Seit es keine ideologische Konkurrenz für den Westen mehr gibt, wächst Gefahr aus ihm selbst. Man denke an entfesselte Finanzmärkte, das globalisierte Kapital, die Überwachung und die Aushöhlung der Freiheitsrechte. Der Zaubertrank zur Zähmung dieser Kräfte ist noch nicht gefunden. So bleibt uns nichts anderes, als gemeinsam mit Winklers Meisterwerk hinein in das Zeitalter der Unsicherheit zu schlittern.

Heinrich August Winkler: „Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart“. C.H. Beck München 2015. 687 S., 29,95 Euro (Leseprobe)

Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Heinrich August Winkler. Do, 26.2.2015, 19 Uhr, Nikolaikirche, Tel.: 2400-2162