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Berliner Zeitung | „Diese Fremdheit in mir“: Orhan Pamuk gelingt einer erhellendsten Romane unserer Zeit
31. January 2016
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„Diese Fremdheit in mir“: Orhan Pamuk gelingt einer erhellendsten Romane unserer Zeit

Der Autor Orhan Pamuk.

Der Autor Orhan Pamuk.

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AFP

Boza ist ein Getränk, das die Welt noch nicht erobert hat. Und es bestehen berechtigte Zweifel daran, dass dies je geschehen wird. Doch für Mevlut Karatas, den Helden in Orhan Pamuks neuem Roman „Diese Fremdheit in mir“, ist Boza ein Getränk wie kein anderes. Von Jugend an schultert er wie schon sein Vater Abend für Abend die schweren Kannen und zieht mit dem leicht alkoholischen Getränk darin durch die dunklen Gassen Istanbuls. Ein Geschäft ist es nicht, eine Leidenschaft schon – denn Mevlut fasziniert es, durch die Stadt zu streifen und seinen Gedanken nachzuhängen. Gehend lässt sich eben besonders gut nachdenken.

Nicht wenige Kunden reagieren auf Mevluts „Booo-zaaaa“-Rufe nur deshalb, weil er sie auf diese Weise an verwehte Zeiten erinnert: Ja, damals, als noch die Boza-Verkäufer durch die Straßen zogen! Mittlerweile gibt es das zähflüssige Getränk, in Flaschen abgefüllt, im Supermarkt. Mevlut ist ein Vertreter des alten Istanbul – eines, an das Orhan Pamuk immer wieder erinnert. Auch diesem neuen Roman setzt Pamuk seinem Istanbul des „Hüzün“, der Melancholie, ein Denkmal. Es ist das alltägliche, das raue, arme, wuchernde Istanbul, in dem Hütten zu Hochhäusern und billige zu teuren Wohngegenden mutieren.

Ohne Bestechung funktioniert das System nicht

Drei Dinge prägen das Leben des Mevlut Karatas: die Liebe zu Rayiha, seiner Frau, die Liebe zu Istanbul und die Liebe zu seinem abendlichen Leben als Boza-Verkäufer. Klingt nicht spektakulär, ist es aber doch. Jedenfalls in Pamuks Erzählweise. Schnell wird klar, dass keine dieser Lieben ohne Dornen ist. Ja, ein ums andere Mal wundert sich der Leser, dass Mevlut trotz aller Entbehrungen, Widrigkeiten und Enttäuschungen den Kopf oben behält.

Über vier Jahrzehnte erstreckt sich der wie mit Mosaiksteinchen ausgeschmückte, vielstimmige Roman. Da wird der Erzähler, der aus der Perspektive des Helden erzählt, korrigiert („Das stimmt so nicht“), oder es werden seine Schilderungen aus einem Dabei bleibt alles in Schwung, und trotz dieser Fülle an Ansichten und Eindrücken weiß der Leser immerzu, an welcher Stelle der Lebensschilderung er sich gerade befindet.

Mevlut stammt aus einer armen Familie in Anatolien. Sein Vater sucht das Glück in Istanbul. Weil er aber kein Geld hat, macht er es wie viele andere, die in Richtung Metropole drängen: Am Stadtrand wird eine Fläche eingezäunt, über Nacht ein Haus (Gece condu) errichtet – und darauf gehofft, dass diese illegale Inbesitznahme offiziell anerkannt wird.

Dass es dafür dann doch zumeist einiger Zahlungen bedarf, versteht sich fast von selbst. Ohne Bestechung funktioniert das System nicht. Und wenn das Geld nicht so fließt, wie es soll, geht es auch schon mal gewalttätig zu.

Pamuks bewegende Geschichte hat schon im Untertitel Anklänge an den Schelmenroman: „Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karats und seiner Freunde sowie ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012“.

Hochzeit trotz Intrige

Amüsant sind die Schilderungen aus Kindheits-, Schulzeit- und Armeezeiten. Die Autoritäten verhalten sich lächerlich. Und erheiternd die vielen Liebebriefe, die Mevlut mithilfe von Verwandten und Fachbüchern an seine Geliebte schreibt, welche er nur ein Mal flüchtig gesehen hatte: „In all seiner Verwirrung begriff Mevlut, dass dieses Mädchen sein Schicksal war.“ Der erste Brief kommt nach wochenlangen Diskussionen zustande, besteht aus neun Sätzen und beginnt mit der Anrede: „Meine Schmachtäugige“.

Hier auch zündet Orhan Pamuks beste Idee. Denn die Briefe, die schließlich zur Ehe mit Rayiha führen, hat Mevlut gar nicht an sie schreiben wollen, sondern an ihre jüngere Schwester Samiha. Als er das Mädchen eines Nachts mit ihrer Einwilligung aus dem anatolischen Dorf entführt, bemerkt er plötzlich die Verwechslung: Mevlut ist Opfer einer Intrige geworden. Geheiratet wird trotzdem.

Aufschlussreich ist der strenge Sittenkodex, mit dem der Leser vertraut gemacht wird. Will eine Frau auf die Straße gehen, muss der Ehemann damit einverstanden sein. Wer nicht zwangsverheiratet werden möchte, muss aus dem Hause flüchten, und wer nicht die Zustimmung des Vaters der Freundin bekommt, kann allenfalls die Geliebte entführen. So oder so drohen Verfolgung und Gefahr – weil alles eine Frage der Ehre und des Stolzes ist.

Die Tagespolitik tritt hier nur selten in den Vordergrund. Zwar sorgen die einschlägigen Schlachten für ein beständiges Hintergrundrauschen. Doch Mevlut selbst ist wenig entschieden. Er kennt Linke wie Rechte und will es sich weder mit den Nationalisten noch mit den Sozialisten verderben. Einem spirituellen Meister ist er überdies zugeneigt. Der widmet ihm ab und an seine Aufmerksamkeit. Das beglückt Mevlut ungemein. Zumal er feststellen muss: „Da ist so eine Fremdheit in mir.“ (und damit eine Gedichtszeile von William Wordsworth zitiert). Dann fühlt er sich einsam. In seinem Leben, in seiner Stadt. Ein Gefühl, das wohl auch Pamuk kennt, der aus weit wohlhabenderen Kreisen als sein Protagonist stammt.

Sechs Jahre hat der Nobelpreisträger an diesem Roman gearbeitet. Entstanden ist einer der anrührendsten und erhellendsten Romane unserer Zeit, Kraftstrotzend und farbenfroh bis zum Schluss.