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André Herzberg: Alle Nähe fern": Jüdisches Leben in der DDR

Jüdisches Leben in Deutschland: Die Erfurter Synagoge.

Jüdisches Leben in Deutschland: Die Erfurter Synagoge.

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imago stock&people

Es ist kein Glück, eine solche Geschichte als poetisches Hinterland zu haben. Aber es ist ein Glück, wenn einer wie André Herzberg sie sich von der Seele schreiben kann. Ganz krank war er geworden: An sich und der Welt, die ihn doch auf der Seite der Sieger einsortiert hatte. Bis der Rockstar aus dem Himmel des Erfolgs mit seiner Band Pankow in das tiefe Loch einer lange anhaltenden Depression fiel. Die Puhdys, City, Karat – alle sind durchgekommen, Herzberg hat das Talent gefehlt, im neuen Strom des vereinten Deutschlands zu schwimmen.

Armut, Verzweiflung, Lebensangst hat Herzberg erfahren, nachdem das DDR-Land abgebrannt war, sämtlich Dinge, die jenen, über die er nun in „Alle Nähe fern“ geschrieben hat, aus anderen, schlimmen Zeiten vertraut waren. Man vermutet wohl nicht zu Unrecht Züge der Angehörigen des Autors bei seinen Romanfiguren Heinrich und Rosa, Lea und Paul. Sie sind neben dem Ich-Erzähler die tragischen Helden seines Buches und stehen beispielhaft für die Geschichte des jüdischen Lebens im Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Furcht im Herzen

André Herzberg wurde wie sein Erzähler 1955 in Ostberlin geboren, als Sohn linientreuer, bis zur Selbstverleugnung orthodoxer Kommunisten, die, aus der Emigration in England heimkehrend, ihr Judentum gleichsam abgegeben hatten, um nicht dem Misstrauen der Partei oder antisemitischer Verfolgung anheim zu fallen. Verschwörungsfantasien machten zu Beginn der 1950er Jahre die Runde auch in der DDR, Juden waren nicht gern gesehen in den Ländern, die dem Herrschaftsgebiet Stalins zugefallen waren.

So stark und erhellend sich die Chronik der deutsch-jüdischen Familie liest, deren Schicksal Herzberg von der Kaiserzeit an verfolgt, so aufregend sind die Passagen über jene Jahre des Ankommens im Osten Deutschlands.: „Die jüdischen Kapitalisten wurden schon vom Vater Marx entlarvt, dem Mann, der selbst aus einer jüdischen Familie kommt. Hinter dem Carepaket aus Amerika lacht der Mann mit der Hakennase, auf der Post, wo Lea in der Schlange auf Heinrichs Päckchen wartet, hängt das Plakat. Das pflanzt Paul und Lea erneut Furcht ins Herz. Denn sie können ihre Wurzeln nicht abhacken.“ Lea, die Mutter, wird Staatsanwältin, Paul, der Vater, macht Karriere als Parteijournalist. Drei Kinder haben die beiden, bevor das jüngste, der Erzähler eben, geboren wird, verlieren sie ihre Liebe.

Paul hat eine andere Frau, er nimmt die Strafe der Partei mit entwürdigender Demut hin. Ehebruch ist moralisch geächtet unter den Genossen und gilt als Verrat. Lea stürzt sich verbittert in ihre Arbeit. Und erst zum Lbensende werden sich die Eltern wieder als Juden bekennen.

Heinrich und Rosa, Pauls Eltern, werden am Ende ihrer Odyssee, die sie vor den Nazis fliehend bis in elende Verhältnisse in New York geführt hatte, noch eine bescheidene Versöhnung erleben: Heinrich, der als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg kämpfte, als Fabrikant zu Wohlstand kam und alles verlor, als die Nazis das Land übernahmen, erhält eine Entschädigung und übersiedelt hochbetagt zu seinem älteren Sohn nach Südafrika.

Dies alles auf weniger als 300 Seiten – der Roman wirkt mitunter wie ein Bericht. Aber gerade seine Nüchternheit wird man am Ende als Gewinn begriffen haben.