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Bestseller von Ta-Nehisi Coates: Der Krieg gegen schwarze Körper in den USA

Bewegt Amerika: Ta-Nehisi Coates.

Bewegt Amerika: Ta-Nehisi Coates.

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privat

NEW YORK -

Ta-Nehisi Coates hatte mehr als eine Stunde lang vor Studenten des Medgar Evans College im schwarzen New Yorker Stadtbezirk Crown Heights gesprochen, und trotzdem war danach eine Frage noch offen. Ein junger Mann aus dem Auditorium wollte von dem Schriftsteller wissen, ob er denn keinen Ratschlag für ihn habe, wie er als Schwarzer in Amerika sein Leben führen solle. „Ich fürchte, ich habe nicht viele gute Ratschläge“, erwiderte Coates. „Das Beste, was ich dir mitgeben kann, ist: Versuch einfach zu überleben.“

Die Antwort gab genau den bedrückenden Ton wieder, der Coates’ 200-Seiten-Essay „Black Lives Matter“ durchzieht; unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ ist das Buch nun auch auf Deutsch erschienen. Coates hat es als Brief an seinen Sohn verfasst, als atemloses Lamento darüber, was es bedeutet, als schwarzer Mann in Amerika zu leben. Am Ende muss er seinem Sohn eingestehen, dass er ihn nicht beschützen kann, dass es ihm jederzeit so ergehen könnte wie dem 18-jährigen Michael Brown, erschossen von einem Polizisten, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

"Der Horror unseres Strafvollzugs-Systems"

„Dies ist kein Buch, das das Ende des Rassismus in Amerika proklamiert oder prophezeit“, hat Coates den Studenten in Brooklyn gleich zu Beginn versichert. Er beklagt immer wieder die Verblendung der weißen Mittelschicht durch die Ideologie des amerikanischen Traums, durch jenen Glauben daran, dass sie das, was sie erreicht hat „durch harte Arbeit und gute Taten erreicht hat.“ Es sei ein Irrglaube, der es ihnen erlaube, die Augen vor Dingen wie „dem Horror unseres Strafvollzugs-Systems, vor einer Polizei, die sich in eine Armee verwandelt hat und vor einem nicht enden wollenden Krieg gegen schwarze Körper zu verschließen.“

Der Wohlstand und die Privilegien des weißen Amerika sind auf schwarzen Rücken gebaut, das ist die Botschaft, die Ta-Nehisi Coates unermüdlich seinem Publikum einbläut: „Es ist eine Frage der geistigen Gesundheit, sich nicht einreden zu lassen, dass es den Rassismus, den ihr jeden Tag erfahrt, gar nicht gibt.“ Das sind Worte, die man allzu lange Zeit nicht in dieser Deutlichkeit hören wollte. Doch zum Erstaunen des Autors horcht Amerika jetzt auf. Bereits 28 Wochen lang hält sich das Buch schon auf der Bestseller-Liste der New York Times.

Jetzt hört das Land endlich zu

Die Kluft zwischen dem Versprechen Obamas und der unübersehbaren Realität hat einen Moment erzeugt, in dem auch das weiße, liberale Amerika dazu bereit ist, über Bürgerrechte und Gleichberechtigung nachzudenken und auf Stimmen wie die von Coates zu hören. Schwarze Aktivisten und Intellektuelle klagen seit Jahrzehnten über Masseninhaftierungen und systematische Polizeibrutalität. Jetzt hört ihnen das Land endlich zu.

Der Erfolg von Coates ist jedoch nicht nur dem politischen Augenblick zu verdanken. Sein Lamento ist sowohl literarisch brillant als auch journalistisch wasserfest. So ist der deutschen Ausgabe des Aufsatzes jener Magazin-Artikel von Coates aus dem Jahr 2014 beigefügt, der ihn in den USA in das Zentrum der Debatten um Rassismus katapultierte: eine Studie über die Art und Weise, wie in amerikanischen Städten das gesamte 20. Jahrhundert über Ghettos gebildet und erhalten wurden, die den sozialen Aufstieg der afroamerikanischen Unterschicht faktisch unmöglich machten.

Coates zeigt auf, dass diese Ghettos kein Unglück sind, sondern gezielt von den Machteliten geplant und gewollt. Damit gelang es ihm, die vage Klage über systematischen Rassismus handfest und greifbar zu machen. Sein Resümee, die US-Regierung schulde der schwarzen Bevölkerung Reparationen, ist allerdings noch immer nicht salonfähig.


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