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Buchmesse Frankfurt 2013: Mit Döblin in Sao Paulo

Paraisopolis („Paradies-Stadt“) ist mit geschätzten 100 000 Bewohnern die zweitgrößte Favela in Sao Paulo.

Paraisopolis („Paradies-Stadt“) ist mit geschätzten 100 000 Bewohnern die zweitgrößte Favela in Sao Paulo.

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AFP/YASUYOSHI CHIBA

Kakerlaken, Ratten, räudige Köter haben in diesem Buch einen gewissen Stellenwert. Nicht, weil der Autor ein schräger Tierliebhaber wäre, sondern weil ein Teil der Menschen von Sao Paulo wie Kakerlaken, Ratten, räudige Köter lebt. „Aufrecht auf ihren Hinterpfoten nagt eine Ratte an einer Brotkruste, den Blick auf die anderen gerichtet, die nervös über den Abfall huschen. Eine andere wagt sich an einen Stoff mit frischem Kot drauf und berührt unversehens etwas Weiches, Warmes, das sich bewegt. Sie erschrickt. Dann schlägt sie ihre Zähnchen in das zarte Fleisch und fiepst. Aufgeregt und in Wellen huscht die ganze Bande heran.“

Das Weiche, Warme ist ein Baby. Der schmutzige Schnuller fällt aus seinem Mund auf die dreijährige Schwester, aus deren Brust ein Pfeifen tönt. Sie friert im Schlaf, weil ihr Bruder, der zwei Jahre älter ist, sich die einzige Decke gekrallt hat. Der nächste Bruder, acht, hat die Krätze am Rücken, am Bauch, an den Beinen: eine einzige Wunde. Die Dreizehnjährige treibt sich rum, verschwindet für Tage, für Nächte; da ist die Elfjährige verantwortungsvoller, kümmert sich um die Kleinen, macht sie zur Armenspeisung fertig. Und die Mutter? Hat den Penis ihres Freundes mit Benzin übergossen und ein Streichholz angezündet, als er sich an der Ältesten vergriff. Das Feuer hat die ganze Nachbarschaft niedergebrannt.

Vielleicht wäre man doch besser eine Ratte? Eine Kakerlake? Die Geschichte der unheilvollen Familie in ihrem Verschlag aus Pappe bildet eines von 69 Kapiteln in Luiz Ruffatos Roman „Es waren viele Pferde“. Keines der Kapitel hat mit den anderen zu tun, außer dass sie in Sao Paulo spielen, das samt Vororten mit über 20 Millionen Einwohnern die größte Stadt Lateinamerikas ist. Und man kann eigentlich auch nicht von Geschichten reden, von Kapiteln, weil das einen viel zu geordneten, balzacschen Eindruck vermittelt. Shortcuts wäre ein Ausdruck, der jedoch ziemlich abgenutzt ist, was wiederum die Lage vieler Menschen im Buch ganz gut trifft.

Im Herbst ist Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Der vielleicht wichtigste brasilianische Roman der letzten Jahre – Kritiker sagen, Ruffato hätte die brasilianische Literatur revolutioniert – ist bereits auf Deutsch erschienen, im Berliner Verlag Assoziation A. In Frankfurt wird auch von der unglaublichen brasilianischen Wirtschaftskraft die Rede sein. Ruffato zeigt in seinem Roman neben den Gewinnern der brasilianischen Modernisierung vor allem die Verlierer. Und nirgendwo in Südamerika gibt es mehr davon auf einem Haufen als in Sampa.

Sampa, wie die Stadt genannt wird, ist zum Symbol des Aufsteigers Brasilien geworden. Die Einwohnerzahl der Metropolregion, Deutschlands größter Industriestandort im Ausland, hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt. Der Reichtum der Reichen, Prachtvillen, Mode, Kultur, alles wächst und boomt. Gleichzeitig versiegt der Strom von mittellosen Zuzüglern nicht, täglich werden es mehr. Die Armut explodiert in den Favelas, den Slums. Gewalt, Drogen, Kinderprostitution, Organhandel. Eine Mauer der Ungleichheit zieht sich durch Sao Paulo.

Das Leben dieses Molochs größtmöglicher Gegensätze in einen Roman zu packen, ist eine höllische Aufgabe. Ruffato, Jahrgang 1961, der einst als Mechaniker mit dem Schreiben begann, ist es gelungen: auf nicht einmal 160 Seiten, außerordentlichen Seiten. Die Umwälzungen Brasiliens und die Folgen für die Menschen haben Ruffato auch an die Bewusstseinsrevolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert. So hat er sich in Aufbau und Form an einigen Hauptwerken der literarischen Moderne orientiert.

Wie im „Ulysses“ von Joyce spielt die Handlung an einem Tag, dem 9. Mai 2000. Von Döblin und Dos Passos hat Ruffato die Technik der Montage und Collage übernommen. Neben kurzen Beschreibungen und Handlungsfetzen in verschiedensten Erzählperspektiven gibt es innere Monologe und reale Selbstgespräche, Nachrichten auf Anrufbeantwortern. Das Geschrei während eines Überfalls, Zuggespräche, Junkiegestammel, Ehestreit, Halluzinationen der Trinker und Schnüffler, die gepflegte Frühstücksunterhaltung einer wohlhabenden Vater-Mutter-Kind-Familie.

Ruffatos Romanprojekt begann mit einem praktischen Plan. Einen ganzen Tag, von morgens bis in die Nacht, rannte er durch Sao Paulo und hat alles registriert, aufgelesen, was sich ihm darbot. Neben den Bildern und Straßenszenen, die er sich einprägte, neben den vielfältigen mündlichen Äußerungen der Menschen, den Radio- und Fernsehergüssen sammelte er Zeitungen mit Stellen- und Sexanzeigen, Menükarten, Werbeflyer, Plakate, gedruckte Gebete. All das packte er ins Buch. Das Inventar einer Küche wird geschildert; die Bücher auf dem Regal eines besoffenen Lehrers; der Brief einer Mutter an ihren Sohn, der den Kontakt abgebrochen hat. Warum? Man kann nur spekulieren.

Der stetige Wechsel der Form und der Sprachebenen lässt ein nervöses, hektisches Bild der Megastadt entstehen, eine Kakophonie aus Schmatzen, Stöhnen und Schreien, in der die Erste und die Dritte Welt Nachbarn sind. Dabei spielt Ruffato keinesfalls Reich und Arm gegeneinander aus. Es geht um ein Panorama, das sich nur in Einzelperspektiven, Momentaufnahmen, Realitätspartikeln erahnen lässt. Ein fettes Mädchen, das mit ihrer Mutter in der Wohnung alte Kleider verkauft, wird für ein paar Münzen erschossen. Eine Gruppe saturierter Mittfünfziger, einst in der Studentenbewegung aktiv, kommt erbärmlich egoistisch daher. Politiker, Penner, Dealer, Diebe, Taxifahrer, Manager, Straßenhändler, Architekten treffen wir, meist nur für Sekunden. Eine 14-jährige Prostituierte bekommt von ihrem Freier ein Mittagessen spendiert und scheint glücklich. Sao Paulo, das ist der babylonische Wahnsinn.

Luiz Ruffato: Es waren viel Pferde. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Assoziation A, Berlin 2012. 158 Seiten, 18 Euro.


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