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Der Philosoph Peter Sloterdijk provoziert die Deutschen

Sloterdijk

Peter Sloterdijk.

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imago/Stephan Wallocha

Derzeit kaum ein Tag ohne einen neuerlichen Beitrag in der Sloterdijk-Debatte, hier jetzt also auch. Zunächst die Fakten: Es streiten ältere Männer über Aussagen von älteren Männern. Angefangen hat es mit einem Interview, das Peter Sloterdijk Mitte Februar dem Magazin Cicero gewährte.

Debattenwirksam wurde vor allem ein Satz hinsichtlich der sogenannten Flüchtlingskrise: „Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben.“ Das „Lob der Grenze“ habe Deutschland, will sagen: Angela Merkel, noch nicht gelernt.

Wider- und Widerrede

Darauf folgte die lauthalsige Widerrede des Berliner Historikers Herfried Münkler in der Wochenzeitung Die Zeit, auf die Sloterdijk seinerseits antwortet und Münkler abermals reagierte. Es hagelte allerlei hässliche Vorwürfe über „verkorkstes Denken“ (Münkler) und eine „Semantik, von der rechte und rechtsintellektuelle Invektiven“ derzeit lebten (so der Soziologe Armin Nassehi), was Sloterdijk seinerseits einigermaßen erregt zurückwies: Man habe es hier mit absichtlicher „Falschlektüre“, gar „Hetze“ zu tun.

Das vorwurfssparsame Denkens ist derzeit auf keiner Debattenseite eine geschützte Tugend, offenkundig, weil es den Streitern um zweierlei zugleich geht: um ihr eigenes Ansehen, also ihre deutungshoheitlichen Ämter in der Öffentlichkeit und um die Frage, was eine kluge Flüchtlingspolitik ausmacht. Letzteres ist die wichtigere Frage; man muss die Herren daran erinnern.

Wirklich erstaunlich in dieser Sloterdijk-Debatte ist allerdings der sonderbare Befund, dass ihre Teilnehmer die Streitpunkte allenfalls oberflächlich zur Kenntnis nehmen. Das trifft auf Sloterdijk und seine Kritiker gleichermaßen zu. Der Streit handelt ja einesteils von der auf allen Seiten interessengeleiteten Wahrnehmung der „Flüchtlingskrise“, anderenteils von Aussagen Sloterdijks. Und dabei geht es nicht nur um seine Cicero-Sätze, sondern auch um die Aufsätze in dem gerade erschienen Band „Was geschah im 20. Jahrhundert?“.

Nachhaltig irritierend ist vor allem, dass Sloterdijk selbst mit der Rede von „Überrollung“ und dem „Lob der Grenze“, überhaupt mit der Konstruktion eines „Wir“ im Kampf gegen ein „Ihr“, seine eigenen Analysen dramatisch unterbietet. Denn in dem Aufsatz zu den „philosophischen Aspekten der Globalisierung“, einem der aufschlussreichsten Texte des Buchs, legt er eingehend dar, dass wir alle in einem „Zeitalter der Gegenentdeckungen“ lebten.

Jahrhundertelang seien die Europäer die „Hinfahrer par excellence“ gewesen, nämlich Kolonisatoren und Ausbeuter der Welt. Dringend sei deshalb eine europäische „Periode selbstkritischer Besinnung“ vonnöten: Man hab jenes Unrecht einzusehen, das „in der imperialistischen und kolonialistischen Einseitigkeit“ Europas lag. Erst recht müsse dieses Europa „den Gegenverkehr tolerieren“, den es in der Vergangenheit selbst ausgelöst habe: Es stehe in einer „moralischen Gesamtverantwortung“.

Hinzu kommt für Sloterdijk, so in einem anderen eindringlichen Text dies Bandes, dass die Menschheit von der Ausbeutung der Natur Abschied nehmen müsse. „Du musst dein Leben ändern“ – so heißt nicht nur eines seiner jüngeren Bücher, das ist auch der „absolute Imperativ“ der Gegenwart.

Vor diesem Hintergrund spricht er nun von „Überrollung“, ja von „Flutung“ des Landes mit Flüchtlingen! Solche Aussagen sind eine Beleidigung seiner eigenen analytischen Vernunft, weil sie mit einem simplen Innen-außen-Dualismus hantieren, dessen Untauglichkeit zur Erfassung der Gegenwart er selbst nachgewiesen hat.

Entweder hat man es hier also mit einem Fall „polemischer Simplifikation“ zu tun, oder aber Sloterdijk hat sich in seinem eigenen Theoriedschungel verlaufen. Womöglich wird nicht nur der Sloterdijk-Leser angesichts der vielen kühnen Thesen regelmäßig von Schwindel-Gefühlen befallen, sondern sogar Sloterdijk selbst. Denn auch in seinem Aufsatzband finden sich Aussagen, die im krassen Widerspruch zu seiner philosophischen Globalisierungskritik stehen, etwa wenn er mit Blick auf „arabische Länder“ von „Kampffortpflanzungen“ spricht oder generell Menschen als Objekte betrachtet, die es zu „zähmen, züchten und hüten“ gelte, als wären sie, wie er mitunter nahelegt, nichts als wilde Herdentiere.

Von oben herab

Ist es so, hätte die Sloterdijk-Debatte vor allem von seinem Menschenbild zu handeln. Und sie hätte nach dem Standort des philosophischen Denkens zu fragen. Auffällig oft befasst er sich in seinen Aufsätzen ja mit der Raumstation als Beobachterposten aus dem All, und er selbst beansprucht offenbar einen Blick „von oben“, jenseits aller „erdbasierten Lebensformen“. Der Götterposten ist allerdings selbst für Sloterdijk unerreichbar.

„Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss“, so zitiert er gern Nietzsche. Das gilt generell, für alle Beteiligte, in der politischen wie in der philosophischen Arena.

Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert? Suhrkamp, Berlin 2016, 348 S., 26,95 Euro. (Leseprobe)