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Deutsch-Israelische Literaturtage: Bibelstunden zu Heavy Metal

Yali Sobol, 1972 in Haifa geboren, er lebt in Tel Aviv.

Yali Sobol, 1972 in Haifa geboren, er lebt in Tel Aviv.

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Orit Pnini Yali

Im Alter von achtzehn Jahren besuchte ich zum ersten Mal zusammen mit meinem Vater seinen berüchtigten Freund. Wenn ich berüchtigt sage, meine ich nicht einen weltweit zweifelhaften Ruf. Ich meine noch nicht einmal einen örtlich begrenzten zweifelhaften Ruf. Doch im Kreis unserer Familie war der Mann eindeutig berüchtigt.

Wann immer meine Mutter sich am Telefon meldete und er der Anrufer war, bedeckte sie das Mundstück mit der Hand und rief unwirsch meinen Vater: „Es ist schon wieder Uri.“ Mit dem Telefon in der Hand wartete sie auf meinen Vater und bedachte ihn mit ihrem „Ich verstehe nicht, was du an ihm findest“-Blick. Ich kann es ihr nicht verübeln. Uri war auf seine ganz einzigartige Weise ein schrecklicher Macho, und obendrein war er orthodoxer Jude. Wenn meine Mutter etwas noch weniger ausstehen kann als das orthodoxe Judentum, dann ist es Machismus. Mein Vater ging mit dem Telefon mit der langen Schnur in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür.

Sex and drugs

Ihre Freundschaft bestand seit langem. Sie hatten sich in der Armee kennengelernt. Uri war der Befehlshaber meines Vaters von der Grundausbildung an. Als sie aus dem Militärdienst entlassen wurden, waren sie enge Freunde. Damals war er alles andere als ein orthodoxer Jude. Aus dem wenigen, was man mir erzählte, schloss ich, dass er ein wirklich wilder Mann war. Seine körperliche Stärke war legendär – er liebte es, zu reiten und mit dem Motorrad zu fahren.

Nach dem Militärdienst trennten sich ihre Wege. Mein Vater ging nach Paris, um Philosophie zu studieren, und wurde später Theaterautor. Uri stieg in das Geschäft mit Diamanten ein und wurde in ein paar wenigen Jahren überaus wohlhabend. Er befand sich auf dem sicheren Weg zum Millionär.

Doch dann geschah etwas. Ich erfuhr nie die Einzelheiten, aber er musste eine intensive mystische Erfahrung gemacht haben, es folgte eine Krankheit, dann eine psychiatrische Behandlung, aus der der Uri zurückkehrte, den ich damals an dem Abend kennenlernte, als ich achtzehn war. Der orthodox aussehende Mann mit dem langen Bart und der Jarmulke. Eine außergewöhnliche Erscheinung in beiden Welten, der religiösen und der säkularen.

Ich erinnere mich kaum mehr an jenen Abend. Aber ich erinnere mich an seine Wohnung, eine kleine schäbige Wohnung in einem Vorort von Tel Aviv, in dem ich nie zuvor gewesen war, doch an den Wänden der Wohnung hing eine erstaunliche Sammlung israelischer Kunst, die besten Maler eng nebeneinander. Ich erinnere mich an seine unglaubliche funkelnde Energie, ich erinnere mich, dass er auf einem Stück Papier Buchstaben in seltsamen Spalten anordnete, geheimnisvolle Berechnungen anstellte und meinem Vater die Zukunft weissagte.

Kurz nach diesem Besuch musste ich zur Armee. Ich sah Uri drei Jahre lang nicht. Nach meiner Entlassung gründete ich eine Rockband, die überraschenderweise sehr schnell sehr erfolgreich war. Ich tat mein Bestes, um so rasch wie möglichen allen Klischees zu entsprechen. Sie wissen schon. Sex and drugs and Rock and Roll.

Als es Zeit für das nächste Klischee war – Entzug –, fiel er mir wieder ein. Ich ließ mir von meinem Vater seine Nummer geben, rief ihn an und ging zu ihm. Er lebte jetzt in einer anderen kleinen Wohnung. Ich traf dort auf die merkwürdigste Familie: ein langbärtiger orthodoxer Jude, seine vollkommen säkulare Frau und ihr gemeinsamer jugendlicher Sohn, ein leidenschaftlicher Heavy-Metal-Fan.

Von diesem Tag an wurde er mein Lehrer.

Er fand bald heraus, dass ich eine Affinität zum Mystizismus habe, und fügte im selben Atemzug hinzu, dass er nicht eine Zeile eines mystischen Textes mit mir lesen würde, bevor ich nicht mindestens vierzig wäre. Wir lasen zusammen die Bibel, laut, von Anfang bis Ende, in einem schmerzhaft langsamen Tempo, in wöchentlichen Treffen, die sich über Jahre hinzogen, während satanische Heavy-Metal-Musik aus dem Zimmer seines Sohnes dröhnte. Es waren sehr chaotische Sitzungen. Ein Vers und eine halbe Stunde Streit mit seiner Frau, ein Vers und ein halbstündiges Telefongespräch mit jemandem, der Rat von ihm brauchte. Menschen aus dem ganzen Land riefen ununterbrochen an und baten ihn um Rat, und er wies nie jemanden zurück. Er fragte sie nach ihrem Namen und dem Namen ihrer Mutter und erklärte ihnen dann genau, was ihr Problem war und was sie dagegen tun konnten. Er nahm nie etwas dafür an. „Daran erkennt man die falschen Kabbala-Experten“, sagte er, „sie wollen Geld.“

Die Krankheit

Bis zum heutigen Tag kann ich nicht genau sagen, was mein Lehrer mir beigebracht hat, ich weiß nur, dass ich bei diesen Sitzungen etwas gelernt habe. Etwas jenseits von Einsicht oder Verständnis dessen, was wir lasen. Ist das nicht ein Kennzeichen eines wahrhaft großen Lehrers? Etwas, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass er mir dabei half ein weiteres Rock-and-Roll-Klischee zu vermeiden. Ich starb nicht mit Siebenundzwanzig.

Ich habe gesagt, dass wir die Bibel von Anfang bis Ende lasen, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wir waren fast am Ende, als er an ALS erkrankte, einer unheilbaren Krankheit, die das Nervensystem zerstört. Die nächsten paar Jahre waren ein unvergessliches Schauspiel des Leidens. Er verlor nacheinander alle körperlichen Fähigkeiten, bis er sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen und nicht mehr blinzeln konnte. Und dann lebte er noch ein paar Jahre. Doch selbst als er völlig reglos und ausdruckslos dalag wie ein Stein, strahlte er keine Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit aus. Diese Jahre waren eine einzige lange letzte Unterrichtsstunde. Und wie bei allen seinen anderen Lektionen kann ich Ihnen nicht wirklich sagen, was ich gelernt habe.

Übersetzt von Anette Grube.