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Es knirscht im Wohlfahrtsstaat

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Kein Bus, kein Passagier, kein Geld.

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imago/Westend61

Als wir nach Linderup kommen, macht Alexa sich in die Hose.“ Das ist der erste Satz der ersten der drei „Winternovellen“ der Norwegerin Ingvild H. Rishøi. Es ist die Geschichte einer viel zu jungen Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter auf dem Nachhauseweg ist. Die beiden gehen zu Fuß, weil das Geld für den Bus nicht reicht.

Sie trotten an einer lauten Straße entlang, frieren und stehen schließlich in einem Einkaufszentrum vor den Kinderslips. Neu und trocken. Aber sie kosten zu viel. Es ist eine in knappen Worten komponierte Studie über Armut, Stress und die Liebe zwischen Mutter und Tochter. Jede versucht, die andere zu schützen oder zu trösten, überfordert erscheint die eine, viel zu vernünftig für ihr Kindergartenalter die andere.

Der Vater in der zweiten Geschichte kommt gerade aus dem Gefängnis und fürchtet, das Wiedersehen mit seinem Sohn zu vermasseln. Die Siebzehnjährige in der dritten Erzählung soll in ein Erziehungsheim, dabei brauchen ihre kleinen Geschwister sie sehr. Sie alle haben Erfahrungen mit Therapeuten und Ämtern, immerhin finden wir uns im Sozialstaat Norwegen, alle träumen von lichten Wohnungen und glänzenden Glastüren, einem abgesicherten Mittelschichtleben. Sie alle lieben ihre Kinder oder Geschwister, kriegen aber vieles dennoch nicht hin.

Rishøi erzählt aus der Perspektive ihrer Figuren, in einfachsten Worten und großer Präzision. Wir lesen, was alles schiefging und wie sich die Dinge zuspitzen, wie einer in der Kneipe hängen bleibt, obwohl der kleine Sohn schon fast vor der Wohnung steht, wie Geld zwischen Fingern zerrinnt, wie ein Backshop-Job Spaß machen und doch zu viel werden kann, wie eine Schülerin aufgibt. Rishøi zeigt dies alles als existenzielles Unglück, das es ja ist, lässt uns mitleiden, ja mitfiebern.

Vor allem aber gönnt sie ihren Figuren Beistand: Wenn die dralle Kneipenbekanntschaft dem Vater das dritte Bier wegnimmt, rettet sie ihn – zumindest ein bisschen, denn sein Problem ist natürlich größer. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gibt es Hoffnung – ein bisschen märchenhaft, aber nie banal.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. Open House, Leipzig 2016, 186 S., 19,50 Euro.



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